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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. Seite 249

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 249. das geistige Erbe: in Spanien und Frankreich erstanden blühende Talmudschulen. Die Bedeutung der Schule kam auch im sozialen Leben zum Ausdruck. Im Ghetto gab es keinen Adel, keine Absonderung nach Ständen und Kasten, nur durch religiöses Wissen konnte man sich über seine Umgebung erheben, einen höheren gesellschaftlichen Rang einnehmen. Schon in früher Zeit unterschied man zwischen dem Am haarez, dem in religiösen Dingen Ungebildeten, und dem Chaber, dem durch sein religiöses Wissen Ausgezeichneten, der eben dadurch zu einem Chaber, einem Genossen, einem Ebenbürtigen wird. Dieser Gegensatz hat sich mit der Zeit noch verschärft, man machte vollen Ernst mit dem alten Satz: „ein Unwissender kann nicht fromm sein". Es genügt nicht, die Vorschriften der Religion gewissenhaft zn erfüllen; um für wahrhaft fromm zu geltem mußte man auch in seinem Wissen das gewöhnliche Gemeilfmaß überschreiten. Während es heute in gewissen Kreisen als höchstes Ziel gilt, einen staatlichen Titel oder Orden zu erhalten, war es ehemals ein schönerer und edlerer Stolz, als Lamdan, als ein in religiösen Dingen gelehrter Mann zu gelten, di; Würde eines Morenu zu erhalten. Während bei anderen „die geistig Armen" als die Seligen gepriesen werden, wurde im Judentum gerade daraufhin gearbeitet, daß es möglichst viel geistig Reiche gebe. Charakteristisch in dieser Beziehung ist der Ausspruch: „arm ist nur, wer kein Wissen hat". (Nedarim 413.) Und in der ganzen Geschichte des Judentums können wir beobachten, daß gerade die größten Geister gleichzeitig auch die frömmsten und edelsten Bekenner und Lehrer des Glaubens waren. So kam es, daß der Sinn des Volks sich ganz vom Materiellen abwandte und nach innen kehrte, daß sein Fühlen und Denken, sein Wollen und Handeln auf eine ideale Höhe gehoben wurde, wie sie nirgend sonst in der Weltgeschichte anzutreffen ist. Treffend bemerkt darüber Grätz (Gesch. d. I. VII2 101/2): „Bei all diesen vielfachen Quälereien, Gehässigkeiten und Verfolgungen gab es noch einen Winkel, wo die Juden in fast seeliger Stimmung sich frei fühlten und der Leiden vergessen konnten. Das Lehrhaus, wo sich Alt und Jung zum Talmudstudium versammelte, war ein Paradies für sie. In der Vertiefung in den Gedankenstoff vergaßen die Talmudbesttssenen die Außenwelt mit ihrem giftigen Haß, mit ihren hämischen Gesetzen, mit ihren Folterqualen. Hier waren sie Königssöhne, die Majestät des Gedankens. umstrahlte ihre Stirn, die Freudigkeit des Suchens und Ftndens verklärte ihre Züge. Eine Schwierigkeit im Talmud zu lösen, eine Dunkelheit auszuhellen, etwas neues, was den Vorfahren entgangen war, zu finden, machte ihre Seligkeit aus. Nicht Amt und Würde erwarteten sie für ihre Gedankenanstrengung, keinen greifbaren Lohn erhielten sie für ihre Nachtwachen. Sie wollten nur ihren Wissensdrang befriedigen, ihrer religiösen Pflicht genügen. Das allerwichttgste Geschäft für alle war das Lernen und die Blüte aller Gelehrsamkeit war der Talmud . . . Der geweckte Jüngling brachte viele Jahre, ja bis zu seiner Verheiratung im Lehrhaus zu, und bis ans Lebensende war der Broterwerb Nebensache, das Talmudstudium Hauptzweck des Lebens. Diese verzehrende Beschäftigung mit dem Talmud war allerdings einseitig, aber sie hatte etwas Ideales". Erhebend und zugleich wehmütig berührt uns diese Schilderung: erhebend, indem sie uns mit Stolz auf unsere großen Ahnen erfüllt, und wehmütig, indem sie uns so recht fühlbar macht, wie sehr die Gegenwart von jenem schönen Bild absticht. Doch das Klagen ist nutzlos, wenn wir uns nicht ernstlich bemühen, die veränderten Verhältnisse zu verstehen und, was in unseren Kräften steht, zu bessern. Durch das Besreiungswerk Mendelssohns traten die Juden aus ihrer Abgeschlossenheit heraus, nahmen Sprache und Denkart ihres Vaterlandes an. Da mußten sie erst viel Versäumtes nachholen, und um gleichen Schritt mit ihren Landsleuten auf allen Gebieten menschlicher Bethätigung zu halten, konnten sie nicht wie früher in dem blos religiösen Wissen ganz aufgehen. „Die Religion hörte allmählich auf, die geistige Atmosphäre zu sein, die sie einatmeten" (Joel). Leider ging damit ein noch schlimmerer Uebelstand Hand in Hand: Die Religion hörte bei vielen auch auf, die sittliche Atmosphäre zu sein, in der sie sich bewegten. Die immer geringer werdende Kenntnis der jüdischen Religion in weiten Kreisen ihrer Bekenner hat die Hauptschuld daran, daß andere Triebfedern einen mächtigeren Einfluß gewannen auf die Gestaltung des Lebens, daß der Jndifferentismus immer weiter Platz greift, daß selbst der Abfall nichts seltenes mehr ist. Hier muß vor allem die Schule eingreisen. Soll der jüdische Geist wieder in die Häuser getragen werden, aus denen er entflohen ist, sollen unsere Tempel wieder von einem Geschlecht gefüllt sein, das verständnisvoll unserm altehrwürdigen Gottesdienst folgt, soll der fromme Sinn wieder wie früher die breiten Massen in Israel erfüllen und zu frommem Thun anregen, so fällt der Hauptteil an dieser heiligen Aufgabe der Schule zu. Die zarten Kinderherzen, die noch empfänglich sind für alles Große und Gute, müssen begeistert werden für ihren Glauben und ihre Geschichte; was ihnen früher vorgelebt wurde, muß ihnen heute vorgelehrt. werden. Die Schule hat heute qualitativ und quantitativ ein viel weiteres Arbeitsfeld: während früher das Haus der Schule vorarbeitete, muß heute die Schule auf das Haus einwirken, durch die Kinder ihren Einfluß aus die Eltern erstrecken. Freilich muß auch hier den veränderten Zeitverhältnissen Rechnung getragen werden, vor allem in Bezug auf die Vorbildung des Lehrers und auf die Methode des Unterrichts. Ich will hier nur dem Wunsch Ausdruck geben, daß alle Gemeinden bei der Anstellung von Lehrern künftighin ebenso gewissenhaft den Nachweis der genügenden Qualifikation fordern, wie bei allen andern Kuliusbeamten. Leider ist hierin bis aus den heutigen Tag viel gesündigt worden. Bei der einschneidenden Bedeutung, die heute die Schule für das religiöse Leben in unserer Mitte hat, ist es nicht gleichgiltig, ob die Schüler, die in allen übrigen Fächern von methodisch geschulten Lehrern unterrichet werden, gerade einen Religionslehrer haben, der diese Anforderung nicht erfüllt. Die Kinder fühlen mit überraschendem Scharfblick diesen Mangel früh heraus, und was ist die Folge? Der Religionslehrer wird geringer geachtet als die übrigen Lehrer, und die weitere natürliche Folge ist, daß auch der Unterricht selbst als etwas inferiores betrachtet wird, daß sich der Gegenstand dem Schüler nicht so einprägt, ihm nicht so lieb und teuer

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