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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. Seite 248

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 248 (sequence 8)
Language
German
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Seite 248. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. zusammenzusassen (3,22) „Gedenket der Lehre meines Knechtes Mose!" Wie ein Scheidegruß und ein Vermächtnis klingt es, was der letzte der Propheten seinem Volk zürnst (2,7): „Des Priesters Lippen sollen die Erkenntnis wahren, und die Lehre soll man aus seinem Mund suchen: denn ein Bote des Herrn der Heerscharen ist er". Damit war der Weg gewiesen für die Weitergestaltung des Judentums. Ein neuer Stand blühte aus, der die belehrende Thätigkeit immer mehr in den Vordergrund rückte und bald maßgebenden Einfluß gewann. Die Soserim, die Schristgelehrten, verbreiteten die Thora im Volk, erläuterten sie in öffentlichen Vorträgen, aus denen sich nach und nach der Midrasch entwickelte. Sie suchten namentlich viele Schüler auszubilden, die dann wieder selbst als Lehrer wirkten; durch ihre unermüdliche Thätigkeit wurde das Volk allmählich derart vom Geist der Lehre erfüllt, daß es dem Anprall des Griechentums erfolgreichen Widerstand leisten konnte. Vielleicht niemals vorher oder nachher hat dem Judentum eine ähnliche Gefahr gedroht, und gerade damals zeigte sich schon der gesunde Sinn, mit dem das Judentum auch in der Folge die Kultur der Völker, unter denen es lebte, sich zu eigen machte. Es wußte nicht nur, daß ein Weiser von jedem lernen könne, es wußte auch ganz genau, was ein Weiser von jedem lernen könne. Während das Judentum aus der einen Seite mit sicherem Instinkt alles von sich fern zu halten wußte, was seinem Geist zuwiederlies, suchte es mit desto größerem Eifer alle wertvollen Elemente der neuen griechischen Kultur in sich aufzunehmen, und verstand es, sie schnell und geschickt zu verarbeiten, so daß sie zur Wahrung, Befestigung und Vertiefung des eigenen geistigen Gutes beitrugen. Bald kam die Gelegenheit, wo der jüdische Geist zeigen sollte, wie sehr er sich durch die Berührung mit dem griechischen Geist geschärft hatte. Die Aufzeichnung der bis dahin nicht niedergeschriebenen mündlichen Lehre, die vor etwa 1900 Jahren begann, gab zu den scharfsinnigen Debatten Anlaß, die uns nock in ihrer ganzen Anschaulichkeit im Talmud überliefert sind. Das Lehrhaus gewann eine neue, erhöhte Bedeutung, in ihm sammelte sich das ganze religiöse und geistige Leben des Volks um so mehr, als die traurigen politischen Verhältnisse eine anderweitige Bethätigung der schlummernden Kräfte kaum gestatteten. „Das Judentum dieses Zeitalters ist ein einziges großes Schulhaus, in dem jeder Volksangehörige entweder Schüler oder Lehrer oder beides zugleich war." *) In den heiligen Frieden des Lehrhauses tönte der wilde Kriegslärm, und Lehrer wie Schüler eilten zu den Waffen. Aller Heldenmut, alle geistige und sittliche Kraft vermochten nicht, die Katastrophe abzuwenden, und Judäa sank zum zweiten Mal in den Staub. Unter den Trümmern des Tempels schien für unsere Väter die Welt untergegangen zu sein. Wofür sollte man noch leben, wozu sollte die Welt noch länger bestehen, wenn es keinen Tempel aus Zion mehr gab, um den sich ganz Israel scharen sollte! Da sprach einer unserer Lehrer das Wort (Sabbat 119b): „Die Welt besteht nur wegen des Odems der Schulkinder." Diese tiefe Erkenntnis beseelte auch den bedeutendsten Mann jener Zeit, R. Jochanan *) Güdemann, Quellenschriften VII. ben Sakkai, der von dem Sieger sich vor allem die Gunst ausbat, in Jabne ein Lehrhaus gründen zu dürfen. Inmitten der allgemeinen Trostlosigkeit und dumpfen Verzweiflung zeigte er damit, was dem jüdischen Volk not thäte, und seiner machtvollen Persönlichkeit gelang es, dieses neue Lehrhaus zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens zu machen. Er sammelte begeisterte Jünger, die die göttliche Lehre in allen Gemeinden des zerstreuten Israel verbreiteten. Die neue Richtung, die das Judentum von diesem Augenblick an nahm, dauert in ihren Wirkungen bis auf den heutigen Tag fort, das Gotteshaus wurde dadurch zu einem Lehrhaus umgeschaffen, das Beth Hakneseth, die Stätte, wo sich die Frommen zum Gebet versammelten, wurde gleichzeitig ein Beth Hamidrasch, ein Haus des Studiums, die Synagoge wurde kurzweg als „Schule" bezeichnet. Das Priestertum war von den Ahroniden aus das ganze jüdische Volk übergegangen und ein selbsterworbenes geworden. Nicht mehr das reine Salböl und der reine Stammbaum verliehen das Recht zur religiösen Führung des Volkes, sondern die Weihe der sittlichen Persönlichkeit und des Wissens. Die damaligen führenden Geister waren sich dieses tiefgreifenden Umschwungs wohl bewußt; sie suchten seine Berechtigung als im Geist der jüdischen Lehre gelegen zu erweisen, indem sie ein Schriftwort sinnig umdeuteten. Die Mahnung des Psalmisten (105, 15) „Rühret nicht an meine Gesalbten und thut meinen Propheten kein Leid" hatte keine aktuelle Bedeutung mehr und gewann sie erst durch die Erklärung: „meine Gesalbten, das sind die Schulkinder, und meine Propheten, das sind die Schristgelehrten". So wurde der Lehrstand der geachtetste im Judentum, so wurde Talmud Thora, das Lehren und Lernen, die höchste religiöse Pflicht für den Einzelnen wie für die Gesamtheit. Der Führer der Gemeinde hatte den Namen Rab, „Lehrer", „Meister", er war in erster Linie Lehrer der Jugend und dann als Prediger Lehrer der Erwachsenen; nicht Weihen noch Symbole verbreiteten Unnahbarkeit um ihn, durch das freie Wort, durch die lebendige Belehrung verkehrte er unmittelbar - mit dem Volk. So konnte sich zwischen Rabbiner und Gemeinde ein patriarchalisches Verhältnis herausbilden; mit dem Vertrauen und der Liebe, die Kinder ihren Lehrern entgegenbringen, hingen unsere Väter an den ehrwürdigen Gestalten, die ihnen in Lehre und Leben als Vorbilder voranleuchteten. Es wirft ein schönes Licht aus den Geist des Volks wie seiner Lehrer, wenn damals gesagt werden konnte: „Deine Ehrfurcht vor dem Lehrer sei so groß wie die Ehrfurcht vor Gott." Welche Bedeutung die Schule in den kommenden Jahrhunderten hatte, ist bekannt. Die Hochschulen Palästinas und Babylons, in denen die talmudische und midraschische Litteratur ausgebaut wurde, schlangen ein einigendes Band um die zerstreuten Söhne des Volks dadurch, daß sie bestimmenden Einfluß auf die religiöse Praxis ausübten und so eine Einheitlichkeit des Handelns erzielten, mehr noch dadurch, daß sie eine Einheit der Gesinnung erzeugten und trotz der räumlichen Entfernung zwischen allen Juden eine geheimnisvolle Seelenverbindung aufrecht erhielten, in der sie selbst das Elend des „Golus" ganz vergessen konnten. Nach dem Untergang der babylonischen Schulen übernahm Europa

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