Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 247. besitzt. Oberrat und Synode — das ist die Vertretung, die nach innen wie nach außen, nach unten, wie nach oben im Namen der preußischen Juden aufzutreten berechtigt und befähigt wäre. Alles Andere kann nur als geringwertiges Surrogat erscheinen. Darum fort mit der Angst vor dem Hirngespinst — daß damit die Klerisei herrschend werde. Laßt die Einigung durch Gesetz des Staates vollzogen werden. Das allein fügt zusammen und fügt an die rechte Stelle als lebendiges Glied des Ganzen ein! Das ftrtmttino, eine Religion der Schale. Von Dr. Felix Perles, Königsberg i. Pr. Das Judentum ist nicht, wie oft behauptet wurde, eine Gesetzgebung, sondern eine Thora, eine Lehre. Unsere Religion stellt sich ihren Bekennern nicht dar als ein allmächtiges Gesetz, dem man sich in blindem Gehorsam unterwerfen, sondern als eine Lehre, die man sich erst selbstthätig aneignen muß, um sie in rechter Weise auszuüben. Unsere Religion wendet sich nicht blos an unfern Willen, sondern ebenso und noch mehr an unfern Verstand, unser Verstand soll dem Willen Vorarbeiten, gleichsam das Erdreich lockern, aus dem die Saat des Wollend zur Frucht des Handelns ausgehen soll. Religiöses Wissen und religiöses Denken erzeugen erst zusammen religiöses Handeln. Das religiöse Gefühl freilich ist jedem Menschen angeboren, und er braucht nicht erst sein Denken anzustrengen, um sich dessen bewußt zu werden. Aber Religion ist mehr als ein bloßes Gefühl. Die wahre Religion, die den ganzen Menschen erfüllen und eine lebendige Kraft im Leben werden soll, kann nur in dem harmonischen Zusammenwirken aller Seelenkräfte erstehen, sie muß daher dem Menschen als Erzieherin zur Seite treten, muß ihn aus allen Stufen seiner Entwicklung begleiten, alle Seiten seines Wesens in gleicher Weise berühren und erfüllen. Von dieser Erkenntnis legt die Heilige Schrift an vielen Stellen Zeugnis ab, von denen hier nur eine angeführt fein mag (5. B. Mos. 4, 10b): „Sie sollen lernen, mich zu ehrsürchten alle Tage, die sie auf der Erde leben, und ihre Kinder es lehren". Lernen und Lehren sind die zwei Thätigkeiten, durch die wir die Lehre uns zu eigen machen und sie gleichzeitig auch den kommenden Geschlechtern übermitteln. Mose erscheint da als der große Lehrer seines Volks, dem er die göttlichen Lehren mitteilt und erklärt, in ihrer Anwendung aus das Leben beleuchtet und zur treuen Beobachtung einschärst. Das ganze fünfte Buch Mose's ist ein fortgesetzter systematischer Religionsunterricht, der sich nicht blos daraus beschränkt, den Inhalt der Offenbarung wiederzugeben, der vielmehr diesen Inhalt mit Gedanken durchdringt, durch den tiefen sittlichen Ernst wie durch die Macht der prophetischen Rede auch das kälteste und verstockteste Herz rührt, sortreißt und empfänglich macht für die hohen Wahrheiten, der Natur und Geschichte als Zeugen des ewigen Gottcsbundes anrust und zum Schluß seine Lehren und Ermahnungen harmonisch ausklingen läßt in ein Lied und in einen Segen. An Mose können und sollen sich alle heutigen Religionslehrer ein Vorbild nehmen, das immer unerreichbar bleibt und so das Streben nie erlahmen läßt, ein Vorbild dafür, wie man den Geist Gottes den zarten Herzen der Kleinen und den rauheren Herzen der Erwachsenen einflößen müsse, nicht in Form „eines gelernten Menschengebots", das nur einen flüchtigen Eindruck hinterläßt und alsbald wieder aus dem Gedächtnis entschwindet, sondern fest eingeprägt in die Tafeln des Herzens, von denen es keine Macht weglöschen kann. Darum erscheint auch Mose im späteren Volksbewußtsein immer als „unser Lehrer Mose". Er war nicht blos der Lehrer seiner Zeit, sondern ebenso aller spätern Generationen, schon dadurch, daß seine Lehre als „Erbteil für die Gemeinde Jakobs" weiterlebte, vorzüglich aber dadurch, daß er für die Fortpflanzung dieser Lehre sorgte, daß er jeden einzelnen aus dem Volk zum Lehrer machte, daß er jeden Vater als Lehrer seiner Kinder bestellte, daß er das Lehren als ebenso wichtige religiöse Pflicht hinstellte wie das Lernen. Brauche ich alle die Stellen erst anzuführen, in denen die Thora uns einschärst, die Jugend mit dem Walten Gottes in der Geschichte, mit seinen Lehren und den daraus entspringenden Pflichten vertraut zu machen? „Du sollst sie einschärscn, lehren, verkünden, erzählen, ans Herz legen deinen Kindern", so tönt in mannigfachen Variationen der Mahnruf. Es ist, als ob die Heilige Schrift ihren ganzen Reichtum an Bezeichnungen für die verschiedenen Seiten des Unterrichts ausgeschüttet hätte, um uns von der Bedeutung dieses Gebots durchdringen zu lassen. Dieses Gebot hat Israel treulich befolgt, und dem verdankt es seine wunderbare Erhaltung in allen Stürmen. Ein Geschlecht vermachte dem andern die Lehre, nicht als ein totes Kapital, sondern als eine lebende Kraft, wirksam durch das Vorbild, das der jungen Generation vorgezeigt und vorgelebt wurde, wirksam durch den Geist, der in ihr selbst lebt und sich denen mitteilt, die sie in fick ausnehmen. Darum waren auch nach Mose die bedeutendsten Geister und Leiter des Volkes in erster Linie Lehrer. Samuel zog lehrend von Ort zu Ort, bei den Propheten bestand der Lebensberus im Lehren, in ihnen kommt am deutlichsten das Wesen der Lehre zum Ausdruck, in ihnen verdichtet sich die Lehre zur That und wendet sich wieder an das Volk, nicht blos um zu belehren, sondern Entschlüsse zur Reise zu bringen und Handlungen zu beeinflussen; mit einem Wort: das Endziel ihres Lehrens war das Erziehen. Das Volk wollte aber diese Lehre nicht hören; die Strasprediger waren unbequeme Mahner, die die gemächliche Ruhe des Daseins störten, und ihr Wort verhallte vor dem verstockten Sinn der Menge. Da brach das angedrohte Strafgericht herein: Israel zog ins Exil und kam in die schwerste Schule, die Schule des Leids. Dort besann cs sich auf sich selbst und neigte sein Ohr den Troftverheißungen der Propheten, so daß es geläutert aus dem Unglück hervorging. Jetzt galt es, das Werk der Regenerierung des Judentums schnell und sicher durchzusühren. Die Männer de, großen Synode nahmen den abgeschnittenen Faden auf, suchten das Volk durch planmäßigen Unterricht zur Thora zurückzusühren. Mit Maleachi tritt das Prophetentum vom Schauplatz der Geschichte ab, nicht ohne die Summe seiner erzieherischen Thätigkeit in einen einzigen, inhaltsschweren Satz