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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. Seite 239

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 239 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 239. Gott in Gemeinschaft mit euch nach dem heiligen Gesetz anzubeten; aber ich wollte euch auch von unserer jetzigen Lage in Kenntnis setzen. Beherzigt diese Wahrheit: Niemals waren unsere Gefahren größer, als sie jetzt zu werden dröhn! . Vor wenigen Tagen sagte der Großinquisitor Molina zu mir: „Die verderblichen Lehren des Mönches von Wittenberg machen uns viel Sorge, und wir bedürfen unseres ganzen Ansehens, um die Ketzereien mit Erfolg zu bekämpfen, die der Hölle entsprungen sind, um dem Teufel Seelen zu gewinnen. Wir haben seit einiger Zeit auch die Neuchristen vernachlässigt, die doch immer noch im Verdacht des Judaisierens stehen. Aber sie mögen sich nur nicht täuschen; wenn die Inquisition auch nicht alles auf einmal thun kann, so wacht sie trotzdem ohne Unterlaß über die Interessen des Glaubens. Und wenn die zahlreichen Prozesse gegen die Anhänger Luthers beendet sein werden, werden wir unsere Aufmerksamkeit von Neuem aus die andern Feinde der heiligen Kirche lenken". „Ihr seht, Brüder, es gilt die Vorsicht zu verdoppeln?und eure Gedanken und Hoffnungen an der tiefsten Stelle des Herzens zu verbergen; unterwerfet euch dem unabänderlichen Geschick; wer abreisen kann, thue es bald, aber nur mit der größten Umsicht. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der sein Volk niemals vollständig verlassen hat, wird über euch wachen. Was meine Person angeht, ich werde keinem von euch nützlich sein können, zählt auf mich nicht mehr! Wer weiß, ich werde vielleicht selber überwacht. Niemals hat mir der Inquisitor solche Blicke zugeworsen, als bei der letzten Unterredung. Uebrigens, ich werde auch abreisen; meine Flucht ist vorbereitet. Ich warte nur darauf, daß unser Freund Diego mit seinen Kindern Spanien wird verlassen haben, um sie zu beschützen, wenn das Unglück sie bis dahin'treffen sollte. Enthaltet euch also von jetzt ab, auch im Verborgenen, der geringsten Handlung, die euren Glauben verraten könnte; Gott wird euch verzeihen, er, der die Herzen läutert! Aber überliefert euern Kindern treu den Glaubensschatz der wahren Religion, damit am Tage der Befreiung, der früher oder später eintreten wird, Israel alle die Seinen wiederfindet, und nicht den Verlust seiner Kinder, die zerstreut wurden inmitten der Nationen ' beklagen hat". „Enriquez", antwortete ein^ ^er Umstehenden, Francesco d'Ariza de Teruel, „ihr seid unser Freund, ich könnte fast sagen, unser aller Vater, und ihr habt uns eure Ratschläge sicher in unserem eigenen Interesse erteilt. Aber ist die Unterwerfung immer das beste Mittel, der Gefahr zu entgehen? Glaubt mir: wenn wir uns gegen die Inquisition verschwören wollten, wir würden nicht die einzigen bleiben. Ich habe die Festlichkeiten in Saragossa im Hause des Herrn Gil de Mesa, eines meiner Freunde, verlebt. Nun wohl, auch dort hat man sich vereinigt, um im Geheimen Rat zu pflegen. Die Arragonier haben die Kastilianer nie geliebt, die ihnen die Inquisition beschert haben. Nun wißt ihr aber, daß Antonio Perez in Saragossa ist . . ." „Antonio Perez?" ließen sich einige fragende Stimmen vernehmen. „Ja, ja- Antonio Perez", sagte der Mönch seinerseits, sich zu den Fragenden wendend, „der frühere Minister des Königs Pqilipp II. Ich glaube wohl, daß ihr das vergessen . habt; er befindet sich bereits zwölf Jahre im Gefängnis. Der König läßt ihn anklagen, weil er den Staatssekretär Escovedo ermordet haben soll, und doch war er nur das Werkzeug des Königs selber; aber der Unglückliche büßt eine andere Schuld, die Philipp ihm nicht verzeiht". „Nun gut", nahm Francesco d'Ariza wieder das Wort, „es ist Perez gelungen, aus seinem Gefängnis in Madrid zu entkommen, und er hat sich nach Saragossa geflüchtet. Dort befindet sich der Gefangene unter dem Schutz der Justicia mayor, des obersten Gerichtshofs von Arragonien, gegen den sogar der König selber ohnmächtig ist. Da es an überführenden Beweisen gegen Perez fehlt, wird er entlassen werden. Philipp weiß das wohl; er hat auch Befehl gegeben, Perez der Inquisition zu überliefern, die ihn der Ketzerei anklagt und täglich ein Mittel findet, die Leute zu verurteilen. Man sagt, daß das Auslieserungsdekret, kraft dessen Perez aus dem weltlichen Gefängnis in das des heiligen Offiziums übergehen soll, bereits unterzeichnet ist, das wird aber eine offenbare Verletzung der Verfassung sein, und der größte Teil des Adels und der Bürgerschaft ist fest entschlossen, sich der Ausführung, sogar mit den Waffen in der Hand, zu widersetzen- Alle Leidenschaften sind rege und es bedarf nur eines Funkens, damit der Brand zum Ausbruch komme". „Es genügt auch", antwortete der Mönch, „daß ein Neuchrist diesen Funken Hineinwerse, um die ganze Sachlage zu ändern. Habt ihr schon die Geschichte von Peter von Arbues vergessen und wißt ihr nicht mehr, wie dieser grausame, verhaßte und vom Volk verwünschte Priester fast sein Abgott wurde, weil ihn die Neuchristen niedergestochen hatten? Nein, nein, glaubt mir! Ich habe diese Frage sorgfältig überlegt; bleiben wir dem Streit, der vorbereitet wird, gänzlich fern. Mir ist das Resultat nicht im mindesten zweifelhaft, der Sieg wird dem König und der Inquisition verbleiben; wir können höchstens daraus rechnen, daß man uns in der Aufregung vergessen wird und daß es leichter sein wird, unbemerkt zu entkommen. Das ist meine Ansicht, ist es nicht auch die eure?" Alle Marannen nickten als Zeichen der Zustimmung leicht mit dem Kops. Francesco d'Ariza selber sah ein, daß das Urteil des Mönches richtig sei und auf tiefer Sachkenntnis beruhe. „Ihr habt Recht", sagte er, „Enriquez, man muß fliehen oder heucheln". „Das bleibt uns allein übrig. Wir können uns hier nicht mehr zum Gebet versammeln, Brüder!" Des Mönches Stimme zitterte und seine Erregung hatte alle Herzen ergriffen. Ein Augenblick feierlichen Schweigens trat ein, in dem .sich alle diese Männer schweigend die Hände drückten, denn man mußte sich trennen. . . . „Und nun", begann der Mönch wieder, „haben wir noch eine letzte traurige Pflicht zu erfüllen. Diese Gebetbücher diese heilige Rolle, die das Wort Gottes enthält, das wir von heute ab nicht mehr an dieser Stelle verlesen werden, dürfen hier nicht so bleiben, da wir nie mehr hierher zurückkehren. Uebrigens kann sie der Zufall täglich entdecken und jeder möglichen Entweihung aussetzen lassen. Machen wir es,

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