Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 236. Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. „Eines Tages hörte ich im Park Monceau, wie an Kinder « „die Frage gerichtet wurde: Warum spielt Ihr nicht mit diesem „kleinen Mädchen? — Weil sie Jüdin ist. — Von welcher „Seite kommt überhaupt heute der Exklusivismus? In dem „größten Teil Europas scheint er weniger von Seiten des „Juden als von Seiten des Christen zu kommen." Leroy-Beaulieu will also darthun, daß man dem Juden zu Unrecht Erklusivismus vorwirft; nicht der Jude schließe sich ab, sondern man schließe sich vom Juden ab. Und hieraus macht Chamberlains Phantasie, was oben mitgeteilt ist — und hieran knüpft Chamberlain die unfreundliche Unterstellung: „Ob Leroy-Beaulieu dies ernstlich glaubt, weiß ich nicht"! Eine ähnliche Unterstellung findet sich aus S. 336 gegenüber Bismarck, der sich im Landtag (1847) ungünstig über die Juden geäußert, „als er noch offen reden durste." Aus dem listig Lauernden in's Deutsche übersetzt, heißt das: Fürst Bismarck habe aus persönlichen Gründen geschwiegen, wo das Staatswohl ihn reden hieß! Man muß in der Thal sehr krank sein, um keine andere Erklärung dafür zu finden, daß Fürst Bismarck 1878 anders gesprochen als 1847. Eine zweite reich fließende Quelle von Mißverständnissen für Chamberlain ist, daß er bei gleichklingenden Worten die gleiche Bedeutung voraussetzt, auch wo jeder Gebildete wissen muß und der Zusammenhang notwendig ergiebt, daß zu verschiedenen Zeiten dasselbe Wort in ganz verschiedenem Sinn (als Kunstausdruck) gebraucht wird. Auf S. 170-171 heißt es: „In Spinozas, des größten jüdischen Denkers, „Politischem „Traktat (II, 4 und 8) lesen wir: „„Ein Jeder hat so viel „„Recht, als er Macht besitzt."" Hier könnte man allenfalls „glauben, es handle sich lediglich um eine Feststellung that- „sächlicher Verhältnisse, denn dieses zweite Kapitel ist über- „schrieben „„Vom Naturrechte."" (Was für Augen hätten „Cicero und Sencea, Scävola und Papinian zu einer derartigen „Auffassung des Naturrechts gemacht!) In der Ethik jedoch „steht schwarz auf weiß: „„Nach dem höchsten Recht der Natur „„ist einem jeden Menschen unbeschränkt das zu thun gestattet, „„was nach seinem Urteil zu seinem Nutzen gereichen wird""; „und in der Abhandlung „Von der wahren Freiheit" heißt es: „„Um das, was wir zu unserem Heit und zu unserer Ruhe „„fordern, zu erlangen, bedürfen wir keiner anderen Grund- „„sätze, als allein, daß wir das beherzigen, was zu unserem „„eigenen Vorteil gereicht"". (Die Aehnlichkeit zwischen den „Prinzipien, nicht den Folgerungen, Spinozas und Nietzsches „ist auffallend genug, um die Aufmerksamkeit zu erregen.) „Daß ein so edler Mann nicht verlegen ist, aus derartigen „Grundsätzen eine reine Morallehre aufzubauen, stellt seinen „angeborenen kasuistischen Gaben das schönste Zeugnis aus". Hier hat Chamberlain zwar richtig zitiert, aber er hat durch die Berufung aus Seneca und Papinian, die unter Naturrecht etwas ganz anderes verstehen, als Spinoza, den Sinn entstellt. Die römischen Autoren nennen Naturrecht die jedem Recht gemeinsamen Rechtsgrundsätze, während Spinoza mit demselben Wort die Naturgesetze bezeichnet. Im )U8 naturale sagt Spinoza ausdrücklich: „Unter Naturrecht „verstehe ich die Naturgesetze selbst, oder die Regeln, nach „denen alles geschieht, d. h. eben die Macht der Natur". (Pol. Trakt. II, 4.) Anders als die Natur bestimme die menschliche Vernunft den Wert: „. . . während doch das, „was die Vernunft für schlecht erklärt, keineswegs hinsichtlich „der Ordnung und Gesetze der gesamten Natur, vielmehr blos „hinsichtlich der Gesetze unserer Natur schlecht ist". (Pol. Trakt. II, 8.) „. . . Hieraus folgt, daß die Menschen, die „nach der Leitung der Vernunft ihren Nutzen suchen, nichts „für sich begehren, was sie nicht auch für die übrigen Menschen „wünschen und daß sie also gerecht, treu und ehrenhaft find". Daß Chamberlain in der obigen Randglosse Nietzsche so bösartig flach mißverstanden hat, wie es nur einem unwissenden Feuiüetonschwätzer verziehen werden kann, mag noch hingehen; daß er aber verkennt, wie völlig genau Spinoza das predigt, was Chamberlain selbst als spezifisch germanische und moderne Chamberlain'sche Weltanschauung in Anspruch nimmt, das ist nur durch die „freiwillige Blindheit" des Vorurteils zu erklären. Denn aus S. 937 sagt Chamberlain fast mit Spinozas Worten, nur nicht mit seiner Klarheit: „Es ist nicht „wahr, daß man in der mechanisch deutbaren Welt der Erscheinung irgend etwas findet, was aus Freiheit, Sittlichkeit, „Gottheit deute. Wer den Begriff der Freiheit in die mechanische Natur hineinträgt, vernichtet die Natur und zerstört „zugleich die wahre Bedeutung der Freiheit; . . . und was „Sittlichkeit anbetrifft, so zeigt jeder unbefangene Blick — „. . . — daß die Natur weder moralisch noch vernünftig ist. „Die Begriffe Güte, Mitleid, Pflicht, Tugend, Reue sind ihr „ebenso fremd, wie vernünftige, symmetrische, einfach zweck- „mäßige Anordnung. Die mechanisch deutbare Natur ist „schlecht, dumm und gefühllos; Tugend, Genialität und Güte „sind lediglich der mechanisch nicht deutbaren Natur zu eigen". Verkennt Chamberlain so völlig Spinoza, dessen Weisheit er doch nachbetet, blos weil Spinoza Jude ist, so ist auch ohne nähere Prüfung die Annahme gestattet, daß Chamberlains sonstige thatsächliche Angaben und Betrachtungen über Juden und Judentum die gleiche Grundlage des verblendenden Vorurteils haben. (Schluß folgt.) Sprechfactt. Die Ostdeutsche Tuges;eiiuug iu Könitz. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wohl keine liberale Zeitung im ganzen Reich hat einen so schweren Stand, wie die seit dem 1. Januar in Könitz erscheinende „Ostdeutsche Tageszeitung". Die Aufgabe, die sich die „Ostdeutsche Tageszeitung" in erster Linie gestellt hat, ist die Bekämpfung der Lügen des Antisemitismus und die Aufklärung des von der „Staatsbürgerzeitung" und dem antisemitischen „Konitzer Tageblatt" verhetzten Volkes. — Der Kamps ist schwer, und darum müßte es Pflicht eines jeden Gerechtigkeit liebenden Mannes sein, die „Ostdeutsche Tageszeitung" dadurch zu unterstützen, daß er selbst Abonnent wird und in seinem Bekanntenkreis für Verbreitung sorgt. Jede Postanstalt nimmt Bestellungen, pro Quartal 1,40 abgeholt, 1,82 frei Haus, entgegen. Postliste 5744 a.