Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 235 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605379--8153-9605390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15 Israelitische Wochenschrift. Serie 235. „eines der größten Denker unserer Zeit, der von den vorausgesetzten Rassenunterschieden sagt: „„unter allen landläufigen „Arten, sich der Betrachtung der Wirkung sozialer und mora- „„lischer Beeinflussungen auf den menschlichen Geist zu entziehen, „„besteht die landläufigste darin, die Abweichungen in Führung „„und Charakter angeborenen natürlichen Verschiedenheiten zuzu- „„schreiben"". (Mill’s Principles of Political Economy, I, p. 390.) „Schriftsteller haben in der Regel die Neigung, die Existenz „solcher Verschiedenheiten vorauszusetzen, die vorhanden sein „mögen oder nicht, die aber ganz sicher noch nie erwiesen „worden sind". An einer andern Stelle (S. 706) sagt Chamberlain: „Der unvergleichliche Tausendkünstler aus diesem Feld „war Henry Thomas Buckle, der die geistigen Eigenschaften „der arischen Inder durch ihr Reisessen „erklärt". Die höchst „ingeniöse Kette der Schlußfolgerungen mit den unendlich mühsam gesammelten Angaben über den Ertrag der Reisfelder, „über den Stärkegehalt des Reises, über das Verhältnis „zwischen Kohlenstoff und Sauerstoff in verschiedenen Nahrungsmitteln u. s. w. muß der Leser a. a. O. (History of Civilisatfon „in England, I ch. 2) Nachlesen. Das ganze Kartengebäude „stürzt zusammen, sobald der Verfasser die Unumstößlichkeit „seines Beweises durch weitere Beispiele erhärten will und zu „diesem Behuf auf Egypten hinweist: „„Da die egyptische „„Zivilisation wie die indische ihren Ursprung in der Frucht- „„barkeit des Bodens und in der großen Hitze des Klimas hat, „„so traten auch hier dieselben Gesetze ins Spiel und natürlich „„mit genau denselben Folgen"". So schreibt Buckle. Nun „wäre es aber schwer, sich zwei verschiedenere Kulturen zu denken „als die egyptische und die brahmaniscke; die Aehnlichkeiten, „die man allenfalls Nachweisen könnte, sind nur solche ganz „äußerliche wie die, die das Klima mit sich führen kann, sonst „aber weichen diese Völker in allem von einander ab: in poli- „tischer und sozialer Organisation und Geschichte, in den künft- „lerischen Anlagen, in den geistigen Gaben und Leistungen, in „Religion und Denken, in den Grundlagen des Charakters. „Buckle glaubt allerdings, diesen Etnwurs, den er vorausgesehen „zu haben scheint, durch die Behauptung widerlegen zu können: „die egyptische Zivilisation verhalte sich zur indischen, wie „Datteln zu Reis! Woraus sich ein unterhaltendes Gesell- „schastsspiel entwickeln ließe: welche Menschen verhalten sich „wie Schweinefleisch zu Knoblauch? Deutsche und Italiener; „welche wie Wachholderbeeren zu Kokosnuß? Holländer und „Malayen u. s. w. Doch wird eine derartige Verwirrung bei „einem so hervorragenden und gelehrten Mann eher zu melan- „cholischen Betrachtungen als zu Scherz anregen". — In Wahrheit sagt Buckle a. a. O., daß warmes Klima und fruchtbarer Boden in Indien wie in Egypten schnelle Vermehrung der Bevölkerung und Ansammlung von Reichtum bewirkt habe, daß das natürliche Hauptnahrungsmittel hier wie dort Pflanzennahrung gewesen, deren Wohlfeilheit im Verein mit den geringen Aufwendungen für Kleidung und Wohnung zu schlechter Verteilung der Reichtümer, zur Ansammlung weniger großer Vermögen gegenüber einer Menge Armer und somit zur Sklaverei geführt habe. Dieses Nahrungsmittel sei in Egypten die Dattel, in Indien der Reis, und was für die Zivilisation Egyptens die Dattel, das bedeute für die Zivilisation Indiens der Reis. („It may be said, that dates are to the first civilisation what rice is to the second“.) Der Unterschied zwischen dem was Buckle gesagt hat und ebenso geistvoll wie richtig ist, und dem, was Chamberlain ihn sagen läßt und keinen Sinn hat, ist so groß, wie der Unterschied zwischen Buckle und Chamberlain selbst. Noch ein Beispiel für Chamberlains große Kunst im Mißverstehen, wo das Mißverständnis seine Behauptungen unterstützen soll: Er sagt aus S. 498: „Herr Paul Leroy- „Beaulieu, weit und breit als Oekonomiker, Soziolog, Mit- „arbeiter der Revue des deux mondes rc. bekannt, schrieb vor „einigen Jahren ein Buch, betitelt Israel chez les nations, in „dem er — ich glaube durch falsch verstandene Humanität dazu „verleitet — den Juden die Schmach anthat, zu behaupten, „sie existierten gar nicht, sie hätten sich so früh, so unaushör- „lich, so massenhaft mit allerhand Volk vermischt, daß ihre „angebliche Nation jetzt nur noch eine Ollapotrida aller „Menschengattungen sei. Ob Leroy-Beaulteu dies selber ernst- „lich glaubt, weiß ich nicht, denn er hatte vor allem die Be- „kehrung blutdürstiger Antisemiten im Auge und wähnte offen- „bar, unser musikalisches, in Potpourris verliebtes Jahrhundert „durch seine Schilderung zu bezaubern. Jedenfalls wurde er „viel gelesen und viel zitiert; die meisten lasen ihn aber nur „bis dahin, wo er dargethan hat, es gäbe keine Juden, eine „weitere Bemühung hielten sie natürlich für überflüssig. Schade, „denn im folgenden Kapitel hätten sie eine reizende Anekdote „gesunden, die Leroy-Beaulieu als unlösbares Problem zum „besten giebt: wie nämlich seine Enkelin, eine junge Dame im „vierten Lebensjahr, die also gewiß von Rassen und Religion „nichts weiß, stets und ausnahmslos jämmerlich zu heulen „anhebt, sobald im Jardin du Luxembourg ein Jude oder eine „Jüdin in ihre Nähe kommt; und zwar sollen die gepflogenen „Erfahrungen zu der Ueberzeugung geführt haben, daß dieses „an Erfahrung noch so bettelarme kleine Wesen sich nie täuscht! „Herr Leroy-Beaulieu, der berühmte Gelehrte, weiß nicht einen „Juden von einem Nichtjuden zu unterscheiden; das Kind, das „kaum erst sprechen kann, weiß es. Ist das nicht eine trost- „reiche Erfahrung? Mich dünkt, sie wiegt einen ganzen anthro- „pologischen Kongreß oder zum mindesten einen ganzen Vortrag „des Herrn Prof. Kollmann auf. Es giebt doch noch etwas „auf der Welt außer Kompaß und Metermaß. Wo der Ge- „lehrte mit seinen künstlichen Konstruktionen versagt, kann ein „einziger unbefangener Blick die Wahrheit wie ein Sonnenstrahl aushellen." In einer Anmerkung fügt Chamberlein hinzu: „In dem aus Artikeln der Revue des deux mondes „zusammengesetzten Buche ist es mir nicht gelungen, die Anekdote „wiederzusinden; vielleicht hat sie der Autor inzwischen unter- „drückt." In dieser Darstellung ist nichts weniger als alles falsch! Das Buch Israel chez les nations ist nicht von Paul Leroy-Beaulieu, sondern von dessen Bruder Anatole Leroy- Beaulieu. Die Erzählung,. auf die Chamberlain sich stützt, ist aus der Revue des deux mondes unverändert in das Buch Israel chez les nations übergegangen. Diese Erzählung lautet in Wahrheit: