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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. Seite 234

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 234 (sequence 10)
Language
German
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Seite 234. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. Die negative Bezeichnung verdient cr mehr, als er vielleicht selbst glaubt, und auch die positive Bezeichnung kommt ihm nur soweit zu, als sie eine negative Bedeutung hat. Er ist ein ungelehrter Mann und wird es trotz angelesenen Halbwissens immer bleiben, weil ihm die feste Grundlage der Gelehrsamkeit, eine ausgeglichene und geordnete Schulbildung, fehlt. Ohne solche Grundlage findet sich nur ausnahmsweise die Fähigkeit, die den Gelehrten ausmacht: in der Forschung nicht nach der Bestätigung einer vorgefaßten Idee zu suchen, sondern die Ergebnisse der Forschung mit unbeschränkter Wahrheitsachtung hinzunehmen. Damit soll nicht gesagt sein, daß Chamberlain geflissentlich der Wahrheit aus dem Wege gehe; ihn verhindert nur seine ganze Veranlagung, eine noch so handgreifliche Wahrheit zu erkennen, sobald diese seinem Bor- Urteil widerspricht, das er nicht aus dem Verstand, sondern aus dem Gefühl geschöpft hat. Chamberlain ist ein Dilettant nur soweit, als dieser Begriff den des Fachgelehrten ausschließt. Er ist aber nicht Dilettant, soweit dieser die Wissenschaft wirklich liebt und ihre inneren Gemächer blos deshalb nicht betritt, weil äußere Umstände ihm verbieten, sich der Gelehrsamkeit ganz zu widmen. Er hätte sich ihr gern gewidmet, doch er konnte es nicht, nicht weil äußere Umstände ihn abhielten, sondern weil unwissenschaftliche Phantastik bis zu einem krankhaften Grad ihn beherrscht. Er selbst hat in der Vorrede zu einer Schrift „Recherche sur la seve ascendante“ (Neuchatel, 1897) dies unbewußt bekannt, indem er von sich erzählt, daß er 1884 erkrankte und mehrere Jahre zu jeder anhaltenden Arbeit unfähig war. „Als meine Gesundheit", fährt er fort, „sich ein wenig gekrästigt hatte, versuchte ich, den Faden meiner physiologischen Forschungen wieder aufzunehmen, und bereitete mich eifrig zur Doktorprüfung vor. Doch zweimal führten meine Anstrengungen, die begonnene Arbeit zu beenden und den Grad zu erlangen, nach dem ich strebte, zu schmerzlichen Rückfällen. Meine Begeisterung für die Naturwissenschaften hatte nicht abgenommen und nichts wird sie jemals vermindern können; doch die Studien aus diesem Gebiet scheinen auf mein Nervensystem einen besonderen und heimlichen Einfluß (ime influence speciale et leletere) auszuüben. Ich war zur Entsagung gezwungen. . Daß Chamberlain auf diesen seinen neuropathischen Zustand nicht dauernd Rücksicht genommen hat, ist begreiflich; ebenso begreiflich ist, daß er aus dem jetzigen Ausbleiben für ihn „schmerzlicher Rückfälle" aus das Schwinden des „besonderen und heimlichen Einflusses aus sein Nervensystem" schließen mag; doch die wissenschaftliche Wertlosigkeit seiner jüngsten tausendseitigen Schrift „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" wird dadurch nicht ausgehoben. Vielmehr drängt sich die Vermutung auf, daß diesmal der Nervenchoc ausgeblieben ist, weil der Verfasser in instinktivem Selbsterhaltungstrieb jedem wirklich wissenschastiichen Ernst aus dem Weg gehend, sich begnügt hat, seine fixen Ideen in einer weitbauschigen Umhüllung vorzutragen, deren dichte Falten die vielfachen Widersprüche — vor ihm selbst versteckten. Wäre Chamberlain, was er zu sein vorgiebt, ein Dilettant, er würde Achtung vor der Wissenschaft und ihren Vertretern haben, er würde das Abweichen von seiner Meinung nicht daraus erklären, daß brutale Bestechung diese Abweichung hervorgerusen habe. Gegenüber der Renan'schen Versicherung „Jesus Christ etait un Juif“ stellt er die Vermutung aus: „Sollte nicht die Alliance Jsraelite, mit der Renan in seinen letzten Lebensjahren in so eifrigem Verkehr stand, hier ein Wort mitgeredet haben?" Die Alliance Jsraelite hat nicht das leiseste Interesse daran, durch Männer unserer Zeit bestätigt oder bestritten zu hören, was die Apostel gesagt haben: daß „Jesus dem Fleisch nach ein Jude war". Was kann es die Alliance Jsraelite oder die sonstige Judenheit angehen, ob christliche Männer die Apostel Lügen zu strafen sich unterfangen, die Jesu Stammbaum bis zu König David hinauf belegen! Die Rqssenschnüffelei mag ihre besonderen Reize haben — für die Juden ist sie in Bezug auf Jesus unter allen Umständen belanglos. Im Uebrigen hat sich Chamberlain eine eigenartige Methode zurechtgelegt, die ihm gestattet, mit selbstgefälligem Hochmut aus die Gelehrten von Beruf herabzusehen und ihnen Jrrtümer nachzuweisen, die er, der „Dilettant", sofort durchschaut hat und auch allen Laien darzulegen imftand ist. Die Methode besteht darin, daß er einem Wort willkürlich eine Bedeutung eigener Prägung unterschiebt und dann gegen die Gelehrten den Vorwurf erhebt, sie zögen aus jenem Wort falsche Folgerungen. Thatsächlich sind die Folgerungen richtig, nur hasten sie naturgemäß an dem wissenschaftlich festgelegten und nicht an dem von Chamberlain willkürlich untergelegten Begriff. Er spottet beispielsweise über die Gelehrten, bie der „Rasse" entweder keine Bedeutung zuschreiben, weil sie in der lebenden Menschheit eine reine „Raffe" nach der wissenschaftlichen Begriffserklärung überhaupt nicht finden, oder eine „Rasse" da nicht zu erkennen vermögen, wo er, Chamberlain, ihr Vorhandensein behauptet. Der billige Spott wird aus der Grundlage möglich, daß Chamberlain, „Typus" mit „Rasse" verwechselnd, nach eigenem Gutdünken sich den Begriff einer „germanischen Rasse" konstruiert, die Kelten und Slaven einschließt. Das hat allerdings vor Chamberlain noch keiner gethan, es ist unbedingt neu, aber es ist ebenso haltlos, wie es neu ist. Da Chamberlain auch nicht einmal andeutet, weshalb er die Slaven unter die „germanische Rasse". einbegreist, so ist man aus Vermutungen angewiesen. Solche Vermutung bietet sich in der Erwägung, daß der Verfasser von einer Art Scheu geleitet worden ist, die Bewohner Europas ostwärts der Elbe unter die „Bastardvölker",das „Völkerchgos",wie er sich ausdrückt, einzureihen. Die Scheu ist verständlich, aber sie würde nur einen Beweis mehr bilden für des Verfassers Gruvdneigung, überall blos nach einer Bestätigung seiner vorgefaßten Ideen zu suchen und nach den Erfordernissen dieser Bestätigung die Thatsachen selbst zu gestalten oder darzustellen. In seinem verblendeten Eifer kommt es ihm auch nicht aus falsche Zitate an. Er sagt aus S. 288: „Daß es in unserem „Jahrhundert eine Zeit gab, wo gelehrte Forscher (Buckle an „der Spitze) lehren konnten, die geographischen Verhältnisse „erzeugten die Rassen, des dürfen wir heute füglich mit der „kargen Ehre einer Paralipse gedenken". In Wahrheit spricht Buckle nie von Rassen, sondern von Nationen und sagt ) Kap. II Anm. 1: „Ich unterschreibe von Herzen die Bemerkung

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