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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. Seite 233

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 233 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 233. ist so peinlich und verstimmend, wie nichts anderes in den ganzen Memoiren. Glücke! bereut und bejammert diese unglückliche zweite Verbindung mit dem dumpfen Groll des Ohnmächtigen, sie fühlt sich geschädigt und betrogen und verliert in diesem Gefühl jede Haltung. Es ist nicht so betrübend, daß die Glücke! ihr Geld verlor, aber daß sie dadurch arm wurde, das ist traurig. Ihre Geschäfte und.ihr Geschäft in Hamburg gingen also schlechter, sie fühlte, daß sie nicht mehr lange imstand sein werde, allen Anforderungen gerecht zu werden, und wollte doch nicht gern ihren Kindern zur Last fallen. Da wurde ihr der Antrag gestellt, dem Witwer Hirz Levi, einem berühmtreichen Bankier in Metz, die zweite Gattin zu werden, und nach einigem Ueberlegen „resolviert sie sich zu der Partie". Als sie nach Metz kommt, wird sie glänzend empfangen, der künftige Gatte sendet ihr einen Reiter entgegen, in einer Kutsche empfangen sie drei vornehme Frauen — unter ihnen die Rabbinerin und die reiche Verwandte Jachet Krumbach- Schwab — vor den Thoren, und sie findet im Haus ihrer Tochter bis zur Hochzeit eine liebevolle Ausnahme. Trotz alledem ist Glücke! traurig, bedrückt, sie fühlt sich fremd und haltlos in der neuen Umgebung, und wenn sie das auch nicht direkt ausspricht, so zeigen doch einige ihrer Berichte die innere Verlassenheit, in der sie in diesen Tagen dahinlebte. So sitzt sie am Sonnabend Vormittag, als alle anderen im Gotteshaus sind, allein zu Haus, als ein paar artige Kinder kommen, die sie höflich willkommen heißen. Sie kennt ihre Besucher nicht, und es ist niemand da, ihr die Namen zu nennen. Endlich fragt sie die Kinder selbst, von wem sie denn gesandt seien und die rufen voller Erstaunen: Wie, ihr kennt uns nicht, ihr sollt doch unsere Mutter werden! Und ein andermal berichtet sie, daß die vornehmsten Leute sie begrüßen kamen und sie nur traurig war, nicht Französisch zu können, um Rede und Antwort zu stehen, aber ihr Gatte habe für sie gesprochen. Im Haus des Hirz Levi ist alles auss glänzendste eingerichtet. Für Glückels sparsamen Sinn wird da direkt Verschwendung getrieben, aber wenn sie das äußert, so lächelt man über sie und sagt, ihr Blümchen (die erste Gattin Hirz Levis) habe das so gewollt und eingerichtet, und Glücke! muß sich bescheiden und schweigen. Auch in ihrer Ehe ist sie nicht sehr glücklich, sie, die gewöhnt war, ihrem Chajjim Beraterin und Gefährtin zu sein, weiß von Hirz Levi und seinen Sorgen und Wünschen fast nichts. In der Nacht hört sie ihn oft weinen und schluchzen und seufzen, und sie srägt ihn, ob er vielleicht einen geheimen Kummer habe, und als er das verneint, erkundigt sie sich bei ihrer Schwägerin, ob sich ihr Mann vielleicht um die erste Gattin gräme, aber auch diese Vermutung wird ihr ausgeredet. Dennoch läßt das nächtliche Klagen und Weinen nicht nach, und sie kränkt sich, unwissend und ratlos einem solchen Leid gegenüberzustehen. Dazu kommt noch /der Verlust ihrer beiden Söhne Löb und Samuel, die als junge Leute rasch und plötzlich sterben. Und dann erfolgt die große Katastrophe, der geschäftliche Untergang Hirz Levis. Zehn Jahre überlebt er den Verlust seines Vermögens, dann bleibt die Glücke!, im Jahr 1712 zum zweitenmal verwitwet, kränklich und säst zufluchtslos zurück. Nach mancherlei unangenehmen Nachlaßordnungen findet Glücke! endlich im Haus ihrer Tochter Esther ein Heim für ihre letzten Jahre, sie stirbt 1724, neunundsiebzig Jahre alt, nicht mehr die Glücke! von Hameln, die reizende Frau mit der Künstlerseele, über die wir lächeln und die wir dennoch bewundern und lieben, sondern eine stille Frau, ermüdet von einem Leben, das sie nicht mehr versteht. Die Aufzeichnungen selbst reichen nur bis in das Jahr 1719, sie enthalten neben häuslichen Berichten nur einiges von dem Gemeindeklatsch Metz's und moralische Abhandlungen. Glücke! erinnert sich wieder an jene Geschichten, die sie im ersten Buch so pathetisch vortrug, und versucht in ihnen den Trost zu finden, den ihr das eigene Herz nicht mehr zu bieten vermag. Es ist ein trauriges Lebewohl, das wir ihr sagen; sie hat uns so viel Köstliches gegeben und es thut uns leid, daß sie gerade beim Abschied nichts mehr zu verschenken hat. Und dennoch ist der Schluß der Memoiren wundervoll. Glücke! erzählt: Im Jahr 1719 stand nachts eine Frau am User der Mosel und reinigte Wäsche. Da wurde es aus einmal licht wie am Tag und der Himmel öffnete sich. Funken und Flammen sprühten, und darauf hat sich der Himmel wieder geschloffen, wie ein Vorhang, den man zuzieht, und es war dunkel wie vorher. Das sind die letzten Zeilen ihres letzen Buches, und sie sind mehr als der bloße Bericht eines merkwürdigen Ereignisses, sie sind ein Symbol der Glücke! selbst und ihres Lebens-Werkes. In der dunklen Nacht der Vergangenheit, in der alle versunken sind, die vor uns lebten, wird es auf einmal licht. Auf einmal teilen sich die Schatten, und der ganze Himmel einer wundervollen Seele thut sich vor unfern erstaunten Augen auf. Und dann schließt sich der Vorhang, die Flammen verlöschen, es wird dunkel wie vorher. Daß uns aber dieser eine Blick gegönnt war, daß es uns möglich war, solch ein Wunder zu schauen, dafür müssen wir dem Schicksal danken und der Glückel von Hameln. (Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde.) Mutt Stewart Chamdttlain's Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. Das eben genannte Buch, bei Bruckmann in München erschienen, hat unverdientes Aufsehen erregt. Wir haben besonderen Anlaß, uns mit ihm zu beschäftigen, nicht blos, weil es zu einem beträchtlichen Teil von Juden und Judentum handelt. In ausgezeichneter Weise hat uns hier eine Besprechung von H. E. vorgearbeitet, die zuerst in der „Gesellschaft" und dann in Sonderabdruck bei E. Pierson in Dresden und Leipzig erschienen ist und der wir in den meisten und wesentlichsten Punkten folgen: Houston Stewart Ehamberlain nennt sich einen ungelehrten Mann und einen Dilettanten.

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