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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · p. Seite 232

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
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Seite 232. Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. lammed aus Posen und fordert Frau Glücke! auf, ihm das Kind anzuvertrauen; in zwei Jahren will er einen tüchtigen Gelehrten aus ihm machen. Glücke! gehl darauf ein, und Josef zieht mit seinem Lehrer nach Liffa, aber nach einiger Zeit, als Frau Glückel schon dem weisen Melammed einmal Geld gesendet, trifft ein seltsamer Brief des jungen WeisheitSbcfliffenen ein. In rührenden Worten bittet er feine Mutter, ihm eine größere Summe unverzüglich zu senden, da die Gemeinde Liffa, von einer fürchterlichen Schuldenlast bedrängt, den Plan gefaßt habe, die deutschen Schüler den christlichen Gläubigern zu verpfänden. Sein braver Lehrer aber wolle ihn retten, die Mutter möge nur das nötige Geld dazu hergeben. Der Brief kommt Freitag Abend an; nach Ausgang des Sabbats macht sich der älteste Sohn der Glückel aus den Weg nach Liffa, um seinem gefährdeten Bruder beizustehen, doch trifft er Josef bereits auf der Hälfte des Weges und erfährt, daß jener von dem Schreiben garnichts wisse, und nur weil er von seinem Melammed bestohlen worden, aus Liffa geflohen sei. Jntereffant ist auch die Erzählung, wie ein christliches Ehepaar und seine Magd, die einen Hamburger Juden ermordet haben, durch eine tapfere kluge Frau entdeckt und überführt werden. Dieses Ereignis, dar die ganze Gemeinde in begreifliche Spannung und Aufregung versetzte und eine Gefahr für alle Juden bedeutete, fand im Jahr 1687 statt und in einem Anhang wird noch eine zweite Aufzeichnung darüber, die des Samuel b. Meir Hekscher, mitgeteilt. Glückel selbst erzählt alle diese und ähnliche Geschichten nur nebenher, die Hauptsache bildet für sie ihr Heim und ihre Kinder, für die fie mit innigster Liebe und Treue sorgt. Aus diesem Grund mag gerade in diesem Abschnitt ihres Lebens und ihrer Schriften manchem Leser sie und ihre Arbeit etwas prosaisch erscheinen; es fehlen hier sowohl das falsche Pathos des ersten Buches, wie die zuweilen so reizenden und entzückenden Schilderungen ihrer Jugend- und Ehejahre, aber bei näherem Zusehen entdeckt man doch, wie rührend und wie bewundernswert ihr Aufgehen in ihre mannigfachen Pflichten ist und wie groß ihre künstlerische Veranlagung gewesen sein muß, wenn fie trotz aller Mühe, trotz aller Arbeit ihre Aufzeichnungen fortsetzte und so ein beachtenswertes Werk schuf, zu dem jeder anderen, nur geschäftlich tüchtigen Frau die Lust und Ausdauer gefehlt hätten. Eine seltsame Geschichte erzählt die Glückel gegen Ende des fünften BucheS und sagt ausdrücklich, daß sie sich jedes Urteils über diese wunderbare Begebenheit enthalte und die Thatsachen nur so mitteilte, wie fie sich zugetragen haben. Bella Cohen, die Gattin eines angesehenen und gelehrten Mannes, Berend Cohen, war schwer krank und lag im Sterben. Sie ließ zwei Männer, Anschel Hamburg und Samuel OrgelS, zu sich kommen, und vor ihnen mußte ihr ihr Mann versprechen, falls sie sterbe, die Waise Glückel zu heiraten, die eine Nichte und Pflegetochter des Ehepaares war. Berend Cohen sagte alles zu, die beiden Zeugen entfernten sich, und nach einiger Zeit starb Bella Cohen. Der Wittwer zögerte nun, sein Versprechen zu erfüllen, und die Waise Glückel zu heiraten, trotzdem ihn die beiden Zeugen und die Verwandten seiner verstorbenen Gattin mahnten und drängten. Endlich, nach vielen Ausreden, erklärte Berend Cohen, er könne die Glückel nicht zur Frau nehmen, er wolle ihr aber eine reichliche Mitgift geben und sich bemühen, sie zu versorgen, wenn sie ihm sein Wort zurückgeben wolle. Seine Vorstellungen und Bitten waren vergeblich, die Waise pochte auf ihr Recht, die Verwandten zürnten ihm, und er konnte sich zu dieser Heirat dennoch nicht entschließen. Als man in Hamburg erfuhr, Berend Cohen wolle die Glückel nicht heiraten, wurden dem Wittwer viele Mädchen angetragen, unter ihnen auch Freudchen, die Tochter der Glückel von Hameln. Allein Berend Cohen hatte schon längst gewählt, sein Herz gehörte Tewele Schiffs Tochter, und nachdem er noch oft vergeblich versucht hatte, sich mit der Waise Glückel zu verständigen, und das erzwungene, übereilte Verlöbnis rückgängig zu machen, vermählte er sich mit dem geliebten Mädchen und nach einem Jahre wurde ihm ein Söhnchen geboren. So schien alles gut nnd erfreulich, da starb einer der Zeugen eines plötzlichen, jähen Todes, bald darauf auch die junge Frau Berend Cohens und der zweite Zeuge. Alle Leute waren entsetzt und unheimliche Gerüchte flüsterte man sich zu. Glückel fällt, wie erwähnt, kein Urteil, sie teilt blos die Thatsachen mit, die auch sie erstaunlich und seltsam findet. Glückels Tochter, Freudchen, die beinahe die Gattin Berend Cohens geworden war, vermählte sich später mit Mardochai, dem Sohn Mose b. Löb in Altona und zog mit ihrem Gatten nach London. Mose, der letzte unversorgte Sohn Glückels, heiratete die Tochter des bekannten Samson aus Baiersdorf und wirkte später in dieser Gemeinde als Rabbiner. So wird es stiller in Glückels Heim; nur noch eine Tochter, Mirjam, ist im Haus bei der allmählich müder werdenden Mutter, und mit dem fünften Buch schließt die Geschichte der jungen Glückel, der Glückel, die uns lieb geworden ist, trotz aller ihrer kleinen Schwächen, die uns selbst in den ödesten Stellen ihres Berichtes durch ein gutes, kindliches Wort, durch eine köstliche humorvolle Darstellung, durch ein scheues Forschen nach den unbekannten Gesetzen der Ewigkeit gefangen nimmt. Was nun folgt, ist die traurige und enttäuschende Erzählung, wie sich die alternde Frau noch einmal auf den Weg macht, um ein neues Glück zu finden, und auf diesem vergeblichen Pilgerzug nicht nur das Ziel nicht erreicht, sondern auch, ohne es zu bemerken, die besten Schätze ihrer Seele verliert und bettelarm zurückbleibt in der fremd und kalt gewordenen Welt. Die Glückel wurde alt. Die freudige Tapferkeit, mit der sie trotz ihres Leides dem Schicksal entgegentrat und den oft so ermüdenden Kamps mit dem Leben aufnahm, schwindet langsam, sie sehnt sich nach einem ruhigen Geschick, ihre Heiterkeit verliert sich, die Erinnerungen verblassen, sie fühlt ihre Kraft erlahmen und sucht nach einem Stab, aber der zerbricht zwischen den zitternden Händen. Das sechste und siebente Buch erzählt die Geschichte ihrer zweiten Ehe, der Ehe mit Hirz Levi in Metz. Das seltsame Gemisch von Anklagen und Vorwürfen, von Beschuldigungen und Selbst-Verteidigungen, das das Buch einleitet,

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