Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605379--8149-9605386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 231. und Fürst Moritz von Nassau wohnten ihr bei, und mit un- ' gewöhnlicher, niegesehener Pracht wurde sie gefeiert. Nach einer beschwerlichen und kostspieligen Rückreise beginnt in Hamburg wieder das gewohnte Leben, zuweilen sind es unangenehme Geschehnisse, ungünstige geschäftliche Verbindungen, wie mit Moses Helmstädt, die die häusliche Ruhe ein wenig beeinträchtigen, dann bringt wieder eine günstige Konstellation reichlicheren Gewinn. Alles in allem wird uns ein ruhiges behagliches arbeitsreiches Leben gezeichnet und die Zeit vergeht für Glücke! und ihre Familie still, geräuschlos und säst unmerklich. Nur wenige wirklich traurige Ereignisse werden in diesem vierten Buch berichtet: der Tod von Glückels Vater und Schwiegervater. Aus der Trauer wird eine stille Wehmut, und auch die wird verscheucht durch das Lärmen und Lachen der wachsenden Kinderschar. Noch drei ihrer Kinder verheiraten sich, die Tochter Channa mit ihrem Vetter Samuel, der Sohn Nathan mit Mirjam, der Waise Elia Ballins, eines reichen und angesehenen Mannes, und Mardochai mit der Tochter Mose b. Nathans. Eine andere ihrer Töchter, Esther, wird mit Moses Krumbach-Schwab verlobt. Aber in Glückels Hause wird es deswegen nicht stiller. Immer neue kleine Ankömmlinge (Joses, Hendelchen, Samuel, Moses, Freudchen, Miriam) stellen immer neue Anforderungen an ihre mütterliche Sorgfalt und Liebe, mancherlei Mühe, aber auch viele Freude wird ihr zuteil, und in ruhiger, vertrauensvoller Zufriedenheit lebt sie den Tag und hofft auf den kommenden. Und dieses friedliche Heim, diese glückliche Familie, wird auf einmal von einem wirklichen, schweren unüberwindlichen Leid betroffen. Wie weiße Baumblüten beim Gewittersturm, so flattert alles Glück und aller Frohsinn mit einemmal aus Glückels Hause. Chajjim Hameln stirbt. Sie nennt das folgende fünfte Buch „das Buch der Klage", sie findet erschütternde Worte in dem Jammer um ihren verlorenen Gatten, „der Freude ihres Herzens, der Krone ihres Hauptes." Glücke! hat ihren Chajjim nach dreißigjähriger Ehe verloren, Hand in Hand gingen beide all diese Jahre hindurch ihren Lebensweg und haben kaum jemals an das Ende, an die Trennung gedacht. Und ganz plötzlich ist alles vorbei, ganz plötzlich steht sie an einem offenen Grab und hat kaum Zeit, sich ihrem Schmerz hinzugeben, so viel ernste Arbeit, so viel neue Pflichten warten ihrer. An einem eisigen Wintertag holte man Glücke! von ihrer Mutter nach Haus, und als sie ihre Wohnung betrat, stand Chajjim bleich und zitternd am Ofen,' unfähig, sich allein zu bewegen und zu entkleiden. Er war über einen spitzen Stein gefallen und hatte sich eine schwere Verletzung zugezogen, die umso gefährlicher war, da er keinen Arzt kommen lassen wollte und kaum zu bewegen war, sich in einem warmen Zimmer niederzulegen. Als aber das Leiden immer schlimmer wurde, und Glücke! mit Bitten und Thränen nicht nachließ, wurden doch Aerzte und Barbiere herbeigeholt, unter ihnen der portugiesische Chirurg Lopez und der berühmte Abraham de Fonseca, aber alle Hilfe war vergeblich, nach jammervollem Leiden starb Chajjim Hameln und der letzte Wunsch, den er aussprach, war: „Tröstet mein Glückelchen!" Und nun erzählt Glücke!, wie unendlich einsam sie zurückbleibt in dem verwaisten Haus, wie ihr Schmerz immer größer und größer wird und über ihr zusammenschlägt, wie die finsteren Wellen über ein verlorenes Schiff. Alle Trostesworte lassen sie ihr Leid nur immer peinigender und-herber empfinden, und rührend klagt sie, daß nach allen schönen Reden die Tröster in ihr glückliches Heim zurückkehrten und sie allein ließen mit ihrem grenzenlosen Jammer. Und nach einiger Zeit hört auch diese Teilnahme aus, das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen, nur Glückel vermag nicht zu begreifen, wie es denn möglich ist, ihr entsetzliches Leid zu vergessen und'ist erstaunt und voll Bitterkeit, wenn sie der gleichgiltig gewordenen Worte und Mienen selbst ihrer Verwandten gedenkt. Ung doch war es für sie notwendig, dem Tag und seinen Pflichten gerecht zu werden, ihr allein oblag jetzt die Sorge um das Haus und die Kinder, und mit bewundernswertem Mut tritt sie an diese schwere Ausgabe heran. Sie „macht die Bilanz" und sieht, daß die Schuldenlast des Geschäftes 20 000 Reichsthaler beträgt, bares Geld ist fast nicht vorhanden, das ganze Vermögen ist in Waren angelegt. Glückel veranstaltet nun einen Ausverkauf, und nach einem Jahr ist es ihr gelungen, die Schulden abzuzahlen. Sie verheiratet und versorgt ihre Kinder, den Sohn Löb mit der Tochter des Hirschel Ries in Berlin, eine Verbindung, die ihr später noch viel Kummer und Kränkung gebracht hat, die Tochter Esther mit Moses Krumbach-Schwab. Ihr Lieblingskind Hendelche verheiratete sich wie Löb ebenfalls nach Berlin, stirbt aber schon 18 Wochen nach ihrer Hochzeit. So wechseln in Glückels Leben traurige und freudige Ereignisse, immer aber fühlt und empfindet sie den entsetzlichen Verlust, den sie erlitten, und beklagt den geliebten Gatten, den sie verloren. Mit staunenswerter Energie widmet sich Glückel dem Geschäfte, sie handelt mit Juwelen, mit Waren, hat sogar ein offenes Geschäft, und ein andermal spricht sie von einer Strumpffabrik. Auch ihren Kindern geht es gut, sie find tüchtige Geschäftsleute geworden, bis auf Löb, der ihr manche trübe Stunde bereitet. Ihr Sohn Joseph, ein begabtes, lerneifriges Kind, vermählte sich mit der Tochter Meir Stadthagens und ließ sich in Kopenhagen nieder. Von entscheidendem Einfluß auf Glückels Leben wäre beinahe die Verbindung geworden, die 'ihr Sohn Samuel mit der Tochter Mose Wertheimers aus Bamberg einging. Glückel sollte nämlich damals nach Wien zu dem Onkel der Braut ziehen, dem berühmten Samson Wertheimer, der ihr bereits einen Paß versorgt und zwei Zimmer seiner Wohnung eingeräumt hatte. Glückel war auch bereit, des großen „Rtschus" wegen, das in Hamburg herrschte, diese Uebersiedlung vorzunehmen, und versorgte sich mit reichlichen Mitteln, ihrem Sohn zuliebe aber gab sie den Plan auf. Blättert man diese letzten Seiten nochmals durch, so amüsiert man sich wieder über das merkwürdige Erlebnis Joses Hamelns in Lissa. Josef war, wie bereits erwähnt, lernbegierig und fleißig, und Frau Glückel bemühte sich natürlich, ihrem Sohne eine möglichst umfassende, jüdische Bildung zu ermöglichen. Da erscheint eines Tages ein jüdischer Me-