Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 230 Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. diese Dinge geschrieben wurde, und sie verweist auf diese weltbekannten Berichte. Sie schildert nur, was sie selbst gesehen und erfahren, sie erzählt, welcher Jubel herrschte, wenn ein Brief oder eine Botschaft von Sabbatai Zebi eintraf, wie die Sephardim, die am häufigsten solche Nachrichten erhielten, unter Trommel- und Pseisenklang in das Gotteshaus zogen und sie dort öffentlich vorlasen; wie sich die Mitglieder der anderen Gemeinden in den sephardischen Tempel drängten, um auch die Heilsbotschaft zu vernehmen, und wie sich die jungen Männer breite, grünseidene Bänder umbanden, um die Farben ihres Messias zu tragen. Welcher Taumel, welche Raserei muß unter den stillen, ruhigen, gedrückten, vernünftigen Juden geherrscht haben! Wie rührend ist dieser Glaube, diese Begeisterungsfähigkeit nach Jahrhunderten des Elends und der Verfolgung! Die Erlösung schien mehr als möglich, beinahe war sie zur Gewißheit geworden, das „übers Jahr in Jerusalem" wurde nun wörtlich genommen, alle waren in fieberhafter Thätigkeit, man rüstete zum Ausbruch, zum Zug in die Freiheit. Eines Tags trafen bei der Glückel zwei große Fässer ein. Ihr Schwiegervater, dieser grundgescheite, liebenswürdige Mann sandte sie und sie enthielten außer dem verschiedensten Leinenzeug auch allerhand Lebensmittel, wie Erbsen, Bohnen, gedörrtes Fleisch, Apselschnitte u. s. w., Proviant für die große Reise, die morgen oder übermorgen oder nächste Woche nach dem heiligen Land angetreten werden sollte. Wer kann über diesen alten Mann und über sein grenzenloses Vertrauen lachen! Und warum hätte er auch nicht glauben sollen? Ist nicht sein Volk auch aus Egypten geführt worden, sind nicht schon oft Wunder geschehen, war nicht sein Volk, war nicht er selbst das größte, seltsamste, unbegreiflichste Wunder? Aber die Zeit verging, und als ein Jahr vorbei war, oder mehr als ein Jahr, da setzte er sich seufzend nieder und schrieb der Glückel, sie möchte die Eßwaren aus den Fässern nehmen. — Es dauerte doch ein wenig lange mit der Erlösung und dem Exodus. Aber die Hoffnung war deswegen nicht getötet. Mehr als drei Jahre standen die Fässer in Hamburg, mehr als drei Jahre war er täglich bereit für das große Ereignis, und erst dann verlosch seine Zuversicht, wie ein Feuer verlischt, wenn das letzte Scheit herabgebrannt. Das war Sabbatai Zebi, das waren seine Anhänger, das war das Ende einer glänzenden, leuchtenden, flammenden Hoffnung. Eine kummervolle Zeit kam für Glückel und ihre Familie. Erst war es nur ein dumpfes Gerücht, ein unbestimmtes Murmeln und Munkeln, aber auf einmal wurde es offenbar, daß die schreckliche Pest in Hamburg wütete, und ein allgemeiner Schrecken, eine allgemeine Flucht begannen. Meistens zogen die Juden nach dem nahen Altona, aber Chajjim und Glückel entschlossen sich, wohl aus Sorge um ihre drei kleinen Kinder, nach Hameln zu reisen und dort das Erlöschen der Seuche abzuwarten. Das Laubhüttenfest verlebten sie in Hannover. Glückel erzählt, welch entsetzliche Tage das für sie waren; wie durch einen unseligen Zufall ihr kleines Töchterchen von der grausigen Krankheit befallen scheint, wie man das Kind von ihr trennt und nach einem kleinen Dorf Hainholz bringt, wie die Festtage unter Kummer und Thränen endlich vergehen, und wie an Simchas Thora das genesene Kind, „die Jungfer von Hainholz", zurückkehrt. In Hameln lebten sie weltabgeschieden und still im Haus ihrer Schwiegereltern; wenn ein Brief aus Hamburg eintrifft, so berichtet er nur von Krankheit und Tod, Tod und Krankheit, kaum daß man das Schreiben mit vorsichtigen Fingern berührt, nachdem es zuvor „bdräuchert" ist, — traurige Tage für die ganze Welt, die auch noch heute unvergessen sind. Nur „Grin Mosche", ihr Geschäftsreisender und Kompagnon, schreibt, Chajjim möge nach Hamburg kommen, die Seuche sei erloschen, das Geschäft erfordere es. Und als Chajjim nicht kommt, da tritt er an einem kalten Wintertag, in eine dichte Kapuze gehüllt in das Zimmer zu den Eheleuten, die ihn wie einen Geist anstarren, nicht begreifend, wie es ihm möglich war, in die Stadt zu gelangen, vor der man jeden Reisenden scharf examinierte. „Grin Mosche" nimmt Chajjim Hameln mit sich nach Hamburg, die Glückel mit den Kindern bleibt noch einige Zeit in Hameln, bis ihr Mann ihr endlich einen Boten schickt, der sie nach Hamburg bringen soll. Dieser Bote „Jakob", eine Art Reisemarschall, und die ganze tragikomische Fahrt überhaupt ist reizend und lebensvoll geschildert, weit amüsanter zu lesen als zu erleben. In Hamburg beginnt wieder das gewohnte Leben; das Geschäft nimmt das hauptsächlichste Interesse in Anspruch, es gewinnt an Ausdehnung, der Gewinn wird größer, aber auch die Anstrengung, und Chajjim, der ohnedies nicht allzukräftig ist, erkrankt in Leipzig, das er zur Messezeit besucht. Dort trifft er Jost Liebmann (R. Inda Berlin), der ihm vorschlägt, sein Kompagnon zu werden und das so beschwerliche Reisen ganz aufzugeben. Nachdem sich Chajjim mit seinem Glückelchen beraten, wird ein Vertrag ausgesetzt, dessen Einzelheiten Glückel mitteilt und der hauptsächlich die Bestimmung enthält, daß der Reingewinn, der zwischen Beiden geteilt wird, mindestens zweitausend Reichsthaler betragen müsse. Tausend Reichsthaler war der Verbrauch in Glückels Haushaltung, nicht wenig für die damalige Zeit. Diese Geschäftsverbindung dauerte aber nur ein halbes Jahr, dann wurde der Vertrag unter mancherlei Aergernissen für Glückel und Chajjim wieder gelöst. Glückel erzählt ausführlicher über diese Dinge und darunter mancherlei Interessantes. Trotzdem dieser geschäftliche Mißerfolg sie ein wenig bedrückte, überwanden ihn die Eheleute rasch, besonders, da neuer Gewinn sie bal8 entschädigte. Schwer traf sie der Tod der kleinen Mate. Glückel grämte sich so sehr um den Verlust dieses Töchterchens, daß sie selbst durch die Geburt eines kleinen Mädchens nicht getröstet wurde und in eine schwere Krankheit verfiel. Endlich aber erholte sie sich, ihr Schmerz wurde milder und ruhiger, und mit mancherlei tröstlichen Betrachtungen schließt das dritte Buch. Eine Tochter wird geboren, ebenso der Sohn Mordochai Levi. Glückel fährt zu ihren Schwiegereltern nach Hildesheim und verlebt drei schöne Wochen mit ihnen; ihre Tochter Zippor wird, 12 Jahre alt, mit Elia Cleve verlobt. Die Hochzeit fand in Cleve statt, der Kurprinz von Brandenburg