Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15. Israelitische Wochenschrift. Seite 229. Oben, sondern auch einen Servilismus nach Unten, der eines wahren Volksvertreters nicht würdig ist." Drollig ist es aber, wenn das antisemitische „Deutsche Volksblatt" schreibt, daß „das Parlament am Ende nicht dazu da sei, daß einige Leute unter dem Schutz der Immunität sich den Ruf schneidiger Politiker erwerben." Gerade die Leute jenes Blattes sind es gewesen, die die Immunität schamlos und gewissenlos mißbraucht haben, die in der Beschimpfung Abwesender Unerhörtes geleistet, sich als Meister in der Denunciation, Verleumdung und Verdächtigung erwiesen haben. CrKliirnng -es Rabbiner-Urrbands in Deutschland. In ihrer Nummer vom 6. März hat die „Staalsbürgerzeitung" ein von Leopold Landau in Pforzheim verfaßtes, den „Deutschen Rabbinern" gewidmetes Gedicht veröffentlicht und daran die Bemerkung geknüpft, daß eine solche Anklage, öffentlich von jüdischer Seite erhoben, nicht unbeachtet bleiben dürfe. Dies hat den „Rabbiner-Verband in Deuschland" veranlaßt, der „Staatsbürgerzeitung" nachstehende Berichtigung zugehen zu lassen: Es ist unwahr, daß den deutschen Rabbinern eine starke Sekte bekannt ist, die noch im rohesten Aberglauben verharrt. Wahr ist, daß die deutschen Rabbiner überzeugt sind, daß eine solche jüdische Sekte überhaupt nicht existiert. Es ist unwahr, daß ganz Israel von dem Bestehen einer Blutsekte weiß, daß die Rabbiner daher auch um die Blutmorde wissen. Wahr ist, daß weder ganz Israel noch die deutschen Rabbiner das Vorkommen von jüdischen Blutmorden für möglich halten. Es ist unwahr, daß die Rabbiner die Thäter der Strafe zu entziehen und den Verdacht aus unschuldige Christen zu lenken suchen. Wahr ist, daß die Rabbiner die Ermittelung der Urheber jeder Mordthat dringend wünschen und daß der Verdacht, der gegen unschuldige Christen in Könitz erhoben wurde, nicht durch Rabbiner, sondern durch christliche Zeitungsberichterstatter hervorgerufen worden ist, die selbst eingestandenermaßen zeitweise im Solde der Judengegner standen. Es ist unwahr, daß die Anklage, die den deutschen Rabbinern ins Stammbuch geschrieben wurde, von jüdischer Seite öffentlich erhoben wurde. Wahr ist, daß jene gereimte Anklage von einem unzurechnungsfähigen Psorzheimer Goldwarenhändler herrührt, der bereits dreimal in der badischen Heilanstalt Jllenau untergebracht gewesen ist. Da die Staatsbürgerzeitung diese Berichtigung nicht ausgenommen hat und wir es mit unserer Würde unvereinbar halten, die Aufnahme durch Anrufung des Staatsanwalts zu erzwingen, begnügen wir uns damit, diese Sache der Oeffentlichkeit zu übergeben und daraus hinzuweisen, daß die Staatsbürgerzeitung erst eine Aeußerung der Rabbiner aus die von einem wiederholt in einer Heilanstalt untergebrachten jüdischen Helfer der Antisemiten erhobene Anklage herausforderte und, als dieselbe erfolgte, sie ihren Lesern vorenthalten hat. Rabbiner-Verband in Deutschland Dr. S. Maybaum, Vorsitzender. Einiges ans den Memoire» der Ginckel non Kami«. Von L. Asaye. (Schluß.) Bei Beginn des dritten Buches ist die Glücket 25 Jahre; ihre Erinnerungen sind Legion, sie weiß kaum, was sie wählen soll aus der Fülle von Ereignissen und Bildern, die sich ihr zudrängen: alles scheint wichtig, alles bedeutungsvoll und es ist zu bewundern, wie sie dennoch mit sicherem Instinkt eine gewisse Beschränkung walten läßt und mit ordnender Hand ihren Stoff gruppiert. Dieses dritte Buch ist die Geschichte der kleineren und größeren täglichen Begebenheiten, die in ihrer Gesamtheit das Leben sind, das Leben, das wie ein gewebtes Bild bunt und farbenprächtig genug aussieht und dennoch nur aus armseligen kleinen Wollfäden besteht. Aber in diese Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, in das Mühen um das tägliche Brot, in das Geschrei der Kinder, in das Gezänk der Großen, in all das Hasten und Jagen und das Herddämmerglück mischt sich zuweilen ein seltsamer Ton, ein Widerhall von dem gewaltigen Chor, der weit draußen in der Welt die Melodien singt, die noch den Kindeskindern in die Ohren klingen. Zuweilen erhebt sich hinter den Geschehnissen des Tages das Schattenbild eines finsteren Verhängnisses, eines düsteren Ereignisses, zuweilen werden die Geschichten der Glücket zur Geschichte, zuweilen glauben wir nicht nur ein Kapitel aus dem Leben einer Judenfrau zu lesen, sondern ein Kapitel aus der Tragikomödie der Menschheit. Der Name jenes geheimnisvollen Mannes, der wie ein Zaubertrank die Gemüter aller Menschen berauschte und verwirrte, der wie keiner je vor ihm eine schwärmerische Raserei, eine wahnsinnige Begeisterung erweckte, dem die zitternden Hoffnungen, der schluchzende Jubel eines gehetzten, gequälten, gemarterten Volks galt, das seine Erlösung nahe glaubt, diesen Namen hören wir auch von der Glücke! nennen, auch von ihr vernehmen wir, wie ungewöhnlich, wie märchenhaft, wie grotesk sich der Glaube an den neuen Messias, an Sabbatai Zebi äußerte. Zuerst berichtet die Glücke! die traurige Geschichte ihres Haus- und Geschästsgenossen Mardochai aus Polen, sie spricht von der Geburt ihres Töchterchens Mate, von tausenden anderen nebensächlichen Ereignissen, und aus einmal nennt sie den Namen des merkwürdigen Propheten. Um diese Zeit, erzählte sie, begann man von „Schabse Zwi" zu sprechen. Sie weiß, welch ungeheures Aussehen die Verkündung der neuen Heilslehre gemacht hat, sie weiß, welch fanatische Anhänger, welch unversöhnliche Gegner dem morgenländischen Propheten entstanden, der die Juden erlösen und nach Jerusalem führen wollte und in seinen Feierstunden von der weißen Königstochter Meliselde geträumt hat, sie weiß, wie viel über