Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 228. Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. hat sie ihren Daseinsbeweis dadurch zur Genüge erbracht, daß sie die Mutter aller christlichen Kirchen ist. * * * (Eine Antisemiten-Petition.) Von Könitz aus soll an den Reichstag nachstehende Petition gerichtet werden: „An den hohen Deutschen Reichstag richten die Unterzeichneten Bürger der Stadt und Umgegend von Könitz die ehrerbietige Bitte: „den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, feststellen zu lassen, an wem die Schuld liegt, daß der unter den auffälligsten Begleitumständen am 11. März 1900 verübte grauenhafte Mord an dem Gymnasiasten E. Winter noch keine Sühne durch Bestrafung der Mörder und Mithelfer gefunden hat." Begründung. Vor einem Jahre sind die Körperteile der zerstückelten Leiche des Gymnasiasten Ernst Winter und im Januar d. Js. die Kleider des Ermordeten an verschiedenen Stellen der Stadt und der nächsten Umgegend gefunden worden. Diese Thatsache beweist, daß eine größere Anzahl von Einwohnern von Könitz um den Mord wissen müssen. Die naturgemäße Erregung in der Bevölkerung unserer Gegend ist, wenn auch äußerlich Ruhe eingetreten ist, eher gewachsen als geschwunden. Man ist allgemein überzeugt und durch die Aeußerungen des Herrn Justizministers im Preußischen Abgeordnetenhause noch darin bestärkt worden, daß verhängnisvolle Fehler im Anfänge der Untersuchung gemacht worden sind. Man befürchtet, daß es jetzt in der Absicht der Behörden liegt, das Verfahren einzustellen, während große Kreise der Bevölkerung, nicht zum Wenigsten die Gebildeten, meinen, daß sich im Laufe der Zeit ausreichendes Material angehäuft habe, um gegen bestimmte Personen wegen Beteiligung an dem Morde selbst und gegen andere wegen Beihilfe die Anklage erheben zu können. Da alle Schritte, die angesehene Personen aus hiesiger Gegend bei hohen Staatsbeamten im Sinne der obigen Bitte gethan haben, erfolglos geblieben sind, so setzen die Unterzeichneten ihre Hoffnung auf den Deutschen Reichstag." Wir freuen uns über die Petition. Im Reichstag wird es an der erforderlichen Antwort nicht fehlen. Die Herren Mörder müßten sehr undankbar sein, wenn sie die Petition nicht mit Unterzeichneten. * * * (Ein geschmackvoller Herr.) Anläßlich einer Reichstagsersatzwahl hat kürzlich der Landratsamtsverweser des Kreises Grimmen Freiherr v. Maltzahn im Kreisblatt die Neuaussteüung der Wählerlisten nach einem in dem amtlichen Organ abgedruckten Schema angeordnet, das fingierte Wähler eines bestimmten Bezirks nach den verschiedenen Berusszweigen anführt. In diesem amtlichen Schema, das landratsamtsverweserliche Billigung gesunden hat, wenn es nicht landratsamts« verweserlicher Phantasie seine Entstehung verdankt, heißt der Schankwirt Meyer Cohn, und bei dem Handelsmann Hirsch Cohn ist angemerkt: „Ist im Konkurs, daher gestrichen." Der Schwung der Phantasie ist um so erstaunlicher, als gerade in Grimmen das Beispiel des früheren Landrats viel näher lag: „Osterroth; ist im Konkurs, und — unbekannt, wohin — verzogen." Das wäre allerdings keine Dichtung gewesen, sondern prosaische Wahrheit. Der Herr Landratsamtsverweser Freiherr v. Maltzahn zieht aber allem Anschein nach die Dichtung der Wahrheit vor. * * * (Der Pariser Rothschild als Antisemit.) Den Antisemitenblättern wird, angeblich aus Lemberg, gelogen: „Wie der vom Abgeordneten Breiter herausgegebene „Monitor" meldet, hat die Direktion der dem Pariser Rothschild gehörigen Petroleumgruben in Mraznica sämtlichen jüdischen Angestellten und Arbeitern den Laufpaß gegeben. In der letzten Zeit war nur noch ein einziger Jude in den Diensten dieser Unternehmung geblieben, nämlich der Nachtwächter Krügel. Nunmehr wurde auch dieser entlassen. Als er sich bei der Direktion um die Gründe seiner Entlassung erkundigte, erhielt er zur Antwort: Du bist ein Jude und wir wollen keine Juden halten!" * * * (Luegers Ende.) Den Wiener Antisemitenhäupling Lueger hat das Schicksal ereilt. Vor wenigen Wochen noch hegte er die Hoffnung, mit seinem Genossen im Antisemitismus, dem verkommenen Fürsten Liechtenstein, zur Ministerschast berufen zu werden, hoffte er es so zuversichtlich, daß er bereits andeutungsweise in einer Volksversammlung davon sprach, und jetzt ist er abgethan und fertig. Im österreichischen Abgeordnetenhaus wurde mit Abrechnung gehalten, verdient und gründlich. Vorausgegangen war, daß das Ministerium einen Beschluß des Wiener Gemeinderats für nichtig erklärte; vorausgegangen war ferner, daß Lueger als „Herr von Wien" die Wählerlisten schamlos gefälscht und diese Fälschungen gegen alle Beschwerden aufrecht erhalten hatte. Mit diesen Spitzbübereien hatte er alle die entfremdet, die nicht zu seinem persönlichen Anhang gehörten, hatte er die Niederlage bei den Reichsratswahlen herbeigesührt. Im Abgeordnetenhaus, das er bisher wie den Gemeinderat von Wien terrorisierte, hatte er nicht mehr zu Wort kommen können, ist er mit denselben Mitteln mundtot gemacht worden, die er bis dahin selbst wider seine Gegner angewandt. Mit ihm ist's aus. Auch sonst melden sich Zeichen der Wiederkehr moralischen Sinns, des Erwachens aus dem vom Antisemitismus verursachten moralischen Stumpfsinn. Der Abgeordnete Dr. Grabmayr sagte jüngst im Parlament: „Die große Majorität wird mit mir wohl übereinstimmen, wenn ich auf das Lebhafteste den schroffen und leidenschaftlichen Ton bedauere, der leider in die Verhandlungen dieses Hauses eingerissen ist. (Zustimmung.) Da können wir aber nicht umhin, es etwas merkwürdig zu finden, daß sich in jüngster Zeit gerade jene Fraktion über diese Umwandlung des Tones bitter beschwert hat, die diesen Ton zuerst in diesem Hause eingeführt hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir je zu einer Reform der inneren Verhältnisse des Hauses gelangen sollten, muß sich diese Reform in der Richtung bewegen, daß sie der privaten Ehre, den Ständen und auch den Konfessionen Schutz gewährt. (Lebhafter Beifall.) Meinem Gefühle und Empfindungen widerstrebt es ganz gleich, wenn man die katholische, die jüdische oder eine andere Konfession angreift. Und gerade jene Fraktion, die sich gegen gewisse, von mir nicht gebilligte Angriffe in letzter Zeit so außerordentlich nervös gezeigt hat, war seinerzeit ganz ruhig, wie in einer ähnlichen, ebenfalls ganz unzulässigen Weise gegen die jüdische Konfession hier losgegangen wurde. (Lebhafte Zustimmung.) Ich schäme mich nicht einer gesunden Reaktion gegen Roheit und Zügellosigkeit. Die Volksvertretung soll nicht nur nach Oben, sie soll auch nach Unten nackensteif sein. Es giebt nicht nur einen Servilismus nach