Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 216 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605362--8133-9605370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 216. Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. Glückels war als Kind bereits im Französischen unterrichtet worden." Es ist aber doch ein bischen gewagt, aus den Kenntnissen eines Mädchens, das einen andern Vater und eine andere Mutter hatte, auf die Kenntnisse der Glücket zu schließen. Auch Glücke! erzählt viel Liebes von dieser Halbschwester. Sie soll ein ungewöhnlich schönes und kluges Mädchen gewesen sein und hat einmal ihrem Stiefvater einen artigen Dienst geleistet. Als sie einst am „Klaffzimmer" (Klavier) stand, traten zwei Männer in die Stube, die aus ein Pfand warteten, das sie auslösen wollten. Sie beredeten sich nun „auf französisch", das Pfand zu nehmen und damit sortzulausen, ohne das geborgte Geld zu bezahlen. Das Mädchen verstand alles und als der Stiefvater hereinkam, sang sie ihm zu: „Gieb das Pfand nicht heraus!" — Glückels Vater hat dieses Stiefkind sehr geliebt und es ganz wie ein eigenes betrachtet. Er verheiratete sie später mit Callmann Aurich, einem angesehenen und wohlhabenden Mann, aber die schöne junge Frau starb schon nach der Geburt des ersten Kindes. Nun trägt die Glücke! eine richtige Gespenstergeschichte einfach und packend vor: die arme schöne Frau war also begraben, da kamen Leichenräuber, zerrten sie aus ihrer Gruft und stahlen die Leichengewänder. In der Nacht erschien die Tote einer Frau, erzählte, wie man sie in ihrer Ruhe gestört, und bat um neue Kleider. Man eilte aus den Friedhof, und als man sich überzeugt hatte, daß wirklich eine Totenberaubung vorliege, setzten sich die Frauen zusammen, um für die Leiche neue Gewänder zu nähen. Als sie noch arbeiteten, trat eine Magd ins Zimmer und schrie entsetzt aus: „Eilt euch, ihr Frauen, seht ihr denn nicht, daß das „Meß" unter euch sitzt und wartet!" Als man dann die Tote wieder bestattet hatte, fand sie Ruhe und wurde niemals mehr gesehen. Eine seltsame Frau muß auch die Großmutter der Glückel, Mate, gewesen sein. Sie und ihr Mann Nathan Mehlreich waren mit ihren Kindern aus Detmold, von wo man sie vertrieben hatte, nach Altona gekommen und hatten sich dort angesiedelt. Sie brachten viel Geld und edle Steine mit sich und hatten sich ganz gut in der neuen Heimat eingerichtet. Ein Sohn und eine Tochter waren bereits verheiratet; da kam die schreckliche Pest, die niemanden verschonte, auch vor dem reichen Chajjim Fürst nicht zurückwich, und tötete Nathan Mehlreich und einige seiner Kinder. Als die Seuche endlich erlosch, blieb Mate mit zwei Kindern verarmt zurück, ihr Haus war geplündert, ihr Geld verschleudert. Nach Jahren der Not und Entbehrung gelang es ihr, ihre Tochter Ulik zu verheiraten, die andere Tochter (Glückels Mutter) war eine geschickte Spitzenklöpplerin geworden, die sich und ihre alte Mutter durch ihrer Hände Arbeit erhielt. Als sie später Löb Pinkerle heiratete, kamen für die beiden Frauen bessere Tage. Glückels Vater hat die Mutter seiner Frau sehr liebevoll im Hause ausgenommen und ist von keiner Messe zurückgekommen, ohne ihr ein Geschenk mitzubringen. Die alte Mate lebte angesehen und geachtet bei ihren Kindern und war schon gegen 74 Jahre, als polnische Flüchtlinge aus Wilna nach Hamburg kamen, verhungert, elend und mit ansteckenden Krankheiten behaftet. Viele lagen damals krank im Hause Löb Pinkerles, auch zwei seiner Kinder, darunter Glückel, ergriff die Krankheit, am ärgfterr abet traf es die alte Großmutter. Als sie ihr Ende nahen fühlte, ließ sie alle Kinder und Ktndeskinder kommen und^sprach zu ihnen: „Du, mein lieber Schwiegersohn, hast mir nicht nur Nahrung und Kleidung gegeben, sondern auch oftmals Geld geschenkt, damit ich es nach meinem Gefallen verwenden möge. Ich habe dieses Geld nicht verbraucht, sondern auf kleine Pfänder verliehen und so 200 Reichstbaler erspart? '^Von rechtswegen gehört nun dieses Geld dir, aber wenn du darauf verzichten wolltest, so möchte ich es den armen Kindern meines Sohnes hinterlassen." Auf diese Rede folgte eine allgemeine Rührung, der Schwiegersohn verzichtete aus die! 200^R.-T., und die alte geschäftstüchtige Großmutter segnete Kinder und Kindeskinder und starb zufrieden. Die schönste Partie dieses Buches, vielleicht der ganzen Memoiren, ist die Schilderung von Glückels Vermählung. Das ist wirklich köstlich geschrieben, niemand dürfte das der Frau Glückel so bald nachthun. Da vergißt sie jede Pose, jedes Moralisieren, eine liebe, entzückende Frau erzählt eine liebe, entzückende Geschichte, und schon um dieser paar Seiten wegen lohnt es sich, die ganzen Erinnerungen zu lesen. Die Glückel war noch nicht 12 Jahre alt, als sie verlobt wurde; zwei Jahre drauf war Hochzeit. Nun berichtet sie, wie sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und 20 Leuten nach Hameln zur Hochzeit „gezogen" ist. Damals gab es noch keine Post zwischen Hamburg und Hameln, wie in der fortgeschrittenen Zeit, in der Frau Glückel ihre Erinnerungen niederschreibt, und die Hochzeitsgesellschaft mußte sich in den Dörfern Wagen mieten und in solchen Fuhrwerken bis nach Hannover reisen. In Hannover wurde Station gemacht und man schrieb nach Hameln um Wagen. Ihre Mutter, erzählt Glückel, „hat sor meint, das man zu Hameln kan so kutschin habin als wie in Hamburg", wenigstens aber erwartete sie, daß für die Braut und ihre Eltern ein passendes Fuhrwerk gesendet würde. Welche Enttäuschung, als am dritten Tag drei oder vier „Bauernwagen" für die illustre Gesellschaft eintrasen. Die künftige Schwiegermama war sehr verletzt und geärgert über diesen ganz unpassenden Vorempfang, und wenn sie schließlich auch den Bauernwagen bestieg, so war ihr ihre Verstimmung doch deutlich anzusehen. Am Abend, in Hameln, als ein gemeinsames Souper die beiden Familien und die Hochzeitsgäste vereinte, blieb die Brautmutter unnahbar und beleidigt, trotz der Galanterien von Glückels Schwiegervater, der ihr aus einem großen Glase Wein zutrank und in seiner liebenswürdigen, herzlichen Art sie zu begütigen suchte. Aber erst, als er ein Erlebnis aus seiner eigenen Brautzeit zum besten gab, versöhnte sich die gestrenge Hamburgerin, und die Hochzeit wurde in Frieden und Fröhlichkeit zu Ende geführt. Diesem Schwiegervater hat Glückel ihr ganzes, liebevolles Herz geschenkt. Ihre Liebe zu dem alten Mann ist so wunderbar, sie zeigt so viel innere Schönheit und Güte, daß wir mehr Ehrfurcht und Rührung vor ihr empfinden, als vor der größten Weisheit aller Gelehrten. In ein paar Worten schildert sie nicht nur ihre Zuneigung, sondern auch ihr Leben, das Leben ihrer Schwiegereltern, die kleine Stadt und tausend andere Dinge so lebendig und herrlich, wie nur ein echter Künstler es kann.