Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14 Israelitische Wochenschrift. Seite 216. des Lebens hinausgeworfen, und wir wären hilflos verloren, wenn uns nicht in der Lehre Gottes ein rettendes Seil gegeben wäre, an das wir uns klammern können in unserer Angst und Not. — Ein Hauch von Größe, von Erhabenheit, von Musik liegt in dieser Darstellung, wir fühlen darin das ewige Meer und das ewige Leben und die Angst und das Zittern der Kreatur. Manchmal aber ermüdet und langweilt sie durch Wiederholungen und langatmige Betrachtungen, wie in der merkwürdigen Geschichte vom Vogel und seinen Jungen oder vom Leibarzt des Königs. Schön ist wieder die letzte Erzählung in diesem ersten Buch, wie ein Philosoph mit seinem Freund eine Höhe ersteigt und ihm alle Häuser der Stadt zeigt: „Siehe, ein jedes Haus verbirgt ein Leid!" Wir alle, wenn wir erst eine gewisse Höhe erstiegen haben und die Wohnungen der Menschen zu unseren Füßen liegen sehen, — wir alle wissen, daß jedes Haus sein Leid birgt, und wenn wir auch nicht, wie der Freund des Philosophen in Glückels Geschichte, unser Leid nicht vertauschen wollen, weil es am Ende noch das leichteste ist, sondern weil es uns am teuersten und keinem andern zu vergleichen, so fesselt uns doch das Bild der schweigenden Häuser mit dem verborgenen Leid unter den verstehenden Blicken der beiden Männer auf der Höhe. Rührend ist es, wie sich die Glückel mit den vielen unbegreiflichen Dingen im Leben, dem seltsamen Walten des Schicksals abzufinden sucht. Sie ahnt, daß da ein Geheimnis verborgen ist, daß da unbekannte Gesetze wirken müssen nach einer höheren Gerechtigkeit als die der Menschen; aber all das kommt ihr nicht klar zum Bewußtsein, und so sagt sie nur: Wir können es nicht begreifen, aber es wird schon alles gut sein, der Böse wird bestraft, der Gute belohnt werden, wenn nicht hier, so doch in jener Welt. Sie hat den primitiven vertrauensseligen Glauben eines Kindes, sie übt keine Kritik, und wenn das Leben und das Geschick diesen ererbten Lehren widersprechen, so flüchtet sie sich hinter die ewige Vergeltung und ist beruhigt. Gottes Walten ist überall ersichtlich, sagt sie, und sie fordert ihre Kinder zum Glauben und Vertrauen aus. Sie ist wirklich glücklich; sie hat niemals vor dem großen Nichts den leisesten Schauer empfunden, sie hat niemals dem Leben in die leeren Augen geblickt, sie weiß nicht, aber sie glaubt, und wir beneiden sie darum, wir, die wir im Wissen fast nicht weiter gekommen sind und im Glauben so Vieles verlernt haben. Erst im zweiten Buch beginnt sie wirklich mit der Geschichte ihrer Memoiren. Wieder erzählt sie, wie sie nach dem Tod ihres Mannes, der ihr ein treuer Hüter und Schützer war, und der „um ihrer großen Sünden willen" von ihr genommen wurde, zum Schreiben ihre Zuflucht nahm. Und sie beginnt ihre Erzählung bei ihrer Geburt. Sie ist eine Hamburgerin, 1645 geboren, und sie war über 45 Jahre alt, als sie mit ihren Auszeichnungen begann. Sie muß wohl schön oder doch mindestens hübsch gewesen sein, wenigstens sagt sie, daß sie ihrem Schöpfer dankt, der sie nach seinem Wohlgefallen geschaffen hat, und dieser Dank klingt so warm und herzlich, daß er nicht blos ein religiöses Gebot zu erfüllen scheint. Es ging den Hamburger Juden nicht allzu gut damals. Als die Glückel etwas über 2 Jahre war, mußten alle Juden nach Altona auswandern, und erst nach mancherlei Bemühungen und Bittgängen dursten sie sich wieder in Hamburg niederlaffen. Schließlich litten die wohlhabenden Familien noch weniger; aber für die Armen, denen das Geld mangelte, einen Paß zu lösen, und die deswegen oft heimlich in der Stadt verblieben, waren es recht traurige Zeiten. Glückel erzählt, daß ihre Eltern wohlthätig und freigebig waren und daß, wer hungrig das Haus betrat, eS gesättigt verließ. Auch wäre — fährt sie fort — ihr Vater bedacht gewesen, seine Kinder, sowohl Söhne wie Töchter, nach Möglichkeit unterrichten zu lassen; dennoch ist es nicht wahrscheinlich, daß die Glückel zuviel studiert hat, aber wenn auch nicht das Wissen selbst, so besaß sie doch die große Achtung vor dem Wissen, die alle Juden auszeichnet. Wie aus einer alten, wunderschönen Chronik klingen die Berichte über den Krieg zwischen Schweden und Dänen. Die Glückel war noch recht klein zu dieser Zeit, so zehn Jahre, und hat nicht sehr viel gesehen, da sie „den ganzen Tag in dem Cheder hat sitzen müssen". Aber sie erinnert sich doch, welch ein strenger Winter damals herrschte; seit Menschengedenken war eine solche Kälte nicht dagewesen, und man nannte noch lange nachher diesen Winter den „schwedischen". Eines Nachts — sie wohnten damals noch in Altona — ertönte der Rus: „der Schwed kommt!" Und „nackigt" sind sie aus den Betten gesprungen und in die Stadt (Hamburg) geflüchtet, alle die Männer, Frauen und Kinder, eng aneinander gedrückt, zitternd vor Furcht und Kälte. Dann erzählt sie wieder köstlich naiv und amüsant von der Hamburger Khille. Der Angesehenste, d. h. der reichste Mann war Chajjim Fürst, „ein Mann von 10000 Reichsthalern". Der Vater der Glückel stand in der gesellschaftlichen Wertschätzung einen Grad tiefer, er besaß blos 8000 Reichsthaler; dafür zeichneten ihn eine Menge vortrefflicher Eigenschaften aus: er war weltklug und gottvertrauend, fleißig und geschäftstüchtig, und wenn ihn nicht das Zipperlein geplagt hätte, so würde er noch viel mehr erreicht haben. Ein Mann hatte sogar nur 2000 Reichsthaler, aber dafür hat er sich sehr schön „geführt", und wurde deswegen mit für voll genommen. Aber selbst der, erzählt die Glückel, der nur 120 Reichsthaler im Vermögen hatte, hat es sich ganz wohl sein lassen, und die wohlhabenden Juden haben besser gelebt, als die Reichen unter den Andersgläubigen. Geradezu begeistert spricht sie von der Hochzeit ihrer Schwester Handelche, die den Sohn von Gumpel aus Cleve geheiratet hat. Niemals vorher war solch eine Mitgift (1600 R.-T.) gegeben worden, und alle Welt sprach von diesem großen „Schidduch". Trotz dieser nur zu natürlichen Wertschätzung des Geldes war die Mutter der Glückel ein armes vaterloses Mädchen. Der Vater hatte schon vorher eine Frau gehabt, eine Witwe, die ihm ein Kind mit in die Ehe gebracht hat. Dies ist die berühmte Halbschwester der Glückel, die schon als Kind französisch und Klavier gekannt hat, und von der Professor Dr. David Kaufmann sagt: „Die feinere Sitte hatte darin (in Glückels Vaterhaus) längst eine Heimstätte; eine Halbschwester