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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-05 · 14 (5.4.1901) · p. Seite 214

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
14 (5.4.1901)
Date
1901-04-05
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
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Seite 214. Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. Gewändern kommt die alte Judensrau zu uns und sie möchte gar zu gerne, daß wir ihr glauben, wenn sie versichert, dies sei ihre Alltagskleidung. Aber beim besten Willen vermögen wir das nicht; sie verrät sich selbst zu oft. Manchmal ist es ein Blick nach dem Spiegel, manchmal eine ungeschickte Bewegung in dem Prachtgewand, die uns stutzig und mißtrauisch macht und zuletzt lächeln wir ein bischen über die gute, geschwätzige Glücket, die vor uns posiert. Die Memoiren sind von dem verstorbenen Prof. Dr. David Kaufmann herausgegeben; sie umfassen die Jahre 1645—1719, die Zeit nach dem großen Krieg, eine Zeit der Sittenlosigkeit und der allgemeinen Verderbnis, eine Zeit, in der man Hexen verbrannte und Gold machte, eine Zeit, in der die vornehmsten Frauen die verfänglichsten Dinge schrieben, und nicht blos schrieben, eine Zeit, in der die frechsten französischen Madrigals gesungen wurden, und in der man im tollen Durcheinander lachte und folterte, tanzte und verbrannte; eine Zeit, in der sich alle Flammen der erdenklichsten Leidenschaften zu einem hellen Brand vereinigten, eine Zeit, die noch heute Schrecken und Bewunderung erregt und aus der man wohl mit Recht interessante Berichte erwarten dürfte. Aber in den Memoiren der Glücke! von Hameln wird man vergeblich nach einem Spiegelbild dieser tollen, erregten, genußfrohen Zeit suchen, es geht recht ernsthaft in den sieben Büchern der Denkwürdigkeiten zu, recht verständig, recht belehrend, und Frau Glücke! trägt ihre Tugend wie ein schönes Erbkleinod oft und gern zur Schau. Wer darüber staunt, der bedenke, daß sie Jüdin und als solche vom Geschick selbst außerhalb des glänzenden und lasterhaften Kreises ihrer Geschlechtsgenossinnen gestellt war. Also ist nicht eigentlich der Inhalt das Wunderbare an diesen Memoiren; die Glücke! hat, — so bedeutungsvoll und wichtig ihr Schicksal für sie selbst war, — doch nicht mehr erlebt und es auch nicht anders erlebt als tausende von jüdischen Frauen, aber sie ist die einzige, die uns Aufzeichnungen über ihr Leben hinterlassen hat, und daß sie solche überhaupt geschrieben, das ist das Erstaunliche und Seltsame. Sie mag das Ungewöhnliche ihres Beginnens wohl selbst gefühlt haben, denn sie versucht es, einen inner» Grund, ein zwingendes Muß für ihr Unternehmen zu finden. Sie erzählt „Wenn mir die malkulischi (melancholische) Gidankin seinen gikumin .... alsu ich manichi Nacht schlaflos zu gibracht .... also ich uft aus gestandin und die schlos lusi Nacht damit zugibracht". Nämlich mit Schreiben. Mit sicherem Fraueninftinkt hat sie einen Beweggrund herausgesucht, der am meisten aus das Gemüt ihrer Kinder — die sie sich vor allem als ihre Leser dachte — wirken mußte, und sie wiederholt diese rührende Klage bei jeder passenden und nicht passenden Gelegenheit. Seltsamerweise hat sie auch bei ihrem Entdecker und Manager Prof. Dr. David Kaufmann mit den melancholischen Gedanken Glauben gefunden; ein unbefangener Leser wird aber doch an dem fortwährenden Trübsinn und den ewig schlaflosen Nächten der armen Glücke! ein wenig zweifeln. Ueberhaupt entwirft Kaufmann in der Einleitung zu dem Buch ein Bild von seiner Heldin, das zwar glänzend gemalt aber teilweise falsch gezeichnet ist und im Grunde genommen nur die knappste Familienähnlichkeit mit der wirklichen Glücke! besitzt. Schon was er über die große Bildung GlÜckels sagt, erweist sich bei näherer Prüfung als unzutreffend, und ihre That ist uns um so wunderbarer, je mehr wir einsehen, wie wenig ihr Geist von Erziehung und Vorbild beeinflußt wurde. Sie war nichts als eine einfache Judenfrau, aber ein gewaltiges Streben, eine ungewöhnliche Energie und eine köstliche Schaffenslust beseelten sie, und daher kommt es auch, daß wir die alte Glücke! als so modern, so lebendig, so liebenswert empfinden. Sie war nicht gelehrt und nicht so unendlich vortrefflich, aber sie dachte, daß es notwendig sei, gelehrt und vortrefflich zu sein, weil das die einzigen Eigenschaften waren, die sie ihr Leben lang rühmen hörte. In Wahrheit war sie keine Moralistin, sondern eine Künstlerin, die einen schöpferischen Geist und den Blick eines Malers besaß, gepaart mit der Unsicherheit der Eitelkeit, den kleinen Verstellungen und Komödien und der Plauderlust des echten Weibes. Sie muß reizend gewesen sein, die liebe Glücket, viel, viel reizender, als Kaufmann es ahnte, und ihre Passion war das Erleben und das Schildern. Ihre Lebenssreudigkeit und Lebenslust waren unverwüstlich, das Morgen ein goldener Schimmer für sie, und sie hoffte und liebte mit der ganzen Kraft ihres immer jungen, immer thörichten Herzens. Was erzählte nun diese interessanteste aller Frauen? Sie beginnt mit moralischen Betrachtungen und belehrenden Erzählungen. Sprichwörter wechseln mit eigenen Sentenzen ab, Ermahnungen an ihre Kinder mit den Schilderungen von der Nichtigkeit und Wertlosigkeit des menschlichen Lebens, den Lobpreisungen Gottes und der himmlischen Seligkeit. Niemals erfährt man Genaues, woher sie die zitierten Geschichten kennt, sie scheint sie aber teilweise abgeschrieben zu haben, zur Unterstützung der von ihr vorgetragenen Ansichten über unser irdisches Dasein und seine Qualen, den Lohn, der den Gerechten endlich zuteil wird, die Strafe, die den Bösen sicherlich ereilt. So wenig war sie selbst von der Wahrheit dieser Meinungen überzeugt, so dringend schienen ihr diese der Belege zu bedürfen, daß sie säst wahllos eine Fülle von Aussprüchen der Gelehrten, Erzählungen und Sprichwörtern um ihre Thesen gruppiert. Die ewigen Gesetze von der Schönheit und von der Güte, der Einfachheit und dem Verstehen, die heute die schweigende Voraussetzung überall da bilden, wo ein Mensch von seinem inner» Leben zu einem andern Menschen spricht, diese ewigen Gesetze, die auch in ihr lebten, werden übertönt von den ererbten Werturteilen über gut und böse, gerecht und ungerecht, gottlos und gottessürchtig. Das ganze erste Buch ist in dem hochtrabenden moralischen Stil gehalten, Frau Glückel geht mir tragischen Schritten in dem starren Glanz dieser erborgten Ansichten einher und forscht in unseren Augen nach unserer Bewunderung. Die wird ihr aber erst viel, viel später zuteil, vorläufig begnügen wir uns, zu hören und zu staunen. Aber selbst in diesem weniger fesselnden ersten Buch wirkt sie zuweilen packender als manch ein moderner^Erzähler. So trägt sie einmal folgende Geschichte vor: Ein Mann fiel ins Meer. Sicherlich wäre er ertrunken, wenn ihm nicht der Schiffer einen Strick zugeworfen hätte, an dem er sich fefthielt und der ihm zur Rettung wurde. — Nun beginnt eine Paraphrase: Wie jener Mann sind wir in das Meer

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