Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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7*?r?-T»3SK/'-''aF ’iJy.i* Seite 202. Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. Geschichte angewandt, zu verschiedenen Zeiten verschiedenartig, selbstredend nicht im ursprünglichen Sinn, als Bild gebraucht. Wir leben in einem Zeitalter, in dem sich Jedem die soziale Frage aufdrängt. Es ist uns daher Bedürfnis, das Lied vom Lämmlein gleichsam sozial zu erklären und für die jüdische Geseüschaftsmoral zu verwerten. Der Arme ist das Opferlamm des Geschickes. Der Notleidende ist gewissermaßen das Eigentum Gottes, des himmlischen Vaters. Das Judentum wendet dem Bedürftigen alle Sorgfalt zu, sucht ihn zu heben und durch Einrichtungen, die von allen Freunden der Wahrheit bewundert werden, zu stärken. Die „Schnura", das Symbol der Naschhaftigkeit und Genußsucht, tritt unheilvoll aus. Allzu große Bedürfnisse und krankhafter Luxus verzehren den Armen und beschäftigen so sehr den Reichen, daß er für die Notleidenden weder Zeit noch Kraft übrig hat. Dieser Zustand weckt im Unglücklichen oft niedrige Triebe, die im Bild des Hundes dargestellt werden, die den Besitzenden zum Hervorkehren seiner Stärke, zur Anwendung des Stockes, der Gewalt veranlassen. Die Härte mancher mit Glücksgütern Gesegneten entzündet aber das Feuer des Klassenhasses und entfacht die Flamme des Gesellschastskampses. Vergebens verwendet man alsoann Wasser zur Löschung dieses Brandes; umsonst bemüht man sich dann, durch Gründung von Wohlthätigkeitsinstitutionen die Gegensätze auszugleichen. Denn das Tier im Menschen läßt sich schwer zähmen. Man hat es beobachten können, daß die Strenge, gleichsam der Schochet, blos den sozialen Todesengel, die Revolution hervorgerufen. Wahrhaft erlösend kann nur Gott, das heißt hier die Gesellschastsmvral wirken. Chad Gadja kann uns so einen traurigen Entwickelungsprozeß veranschaulichen. Der Egoismus der vom Schicksal Begünstigten macht die Armen schlecht, woraus die Hartherzigkeit der Glücklichen folgt. Die Härte der Großen verursacht das Feuer der Klassenkämpse. Mit Thränen des Mitleids für die Unglücklichen will man nachher die lodernden Flammen bekämpfen, aber dieses Wasser wird von der Bestie im Menschen verbraucht. Man muß es dann mit drakonischen Maßregeln, mit dem Schochet versuchen, was aber nur Tod und Verderben bringt. Wie in Hiob, Kohelet u. s. w. auf pessimistische Ausführungen ein optimistischer Schluß folgt, so auch in unserer Dichtung. In Gott findet Alles seine Versöhnung. An uns ergeht die Mahnung, an das Lämmlein zu denken, uns des Armen anzunehmen, eine unglückselige Entfaltung der Klassenkämpse in Israel zu hindern. Dieses Gedicht mahnt uns, Sorge zu tragen für den armen Juden, für das Opferlamm der Gesellschaft! Rrb Mosche Aphikomn inii) der Prophet Clios. Aus dem Leben der Ehassidim. Von Dr. I. Niemirower-Jassy. Im ganzen Städtchen E. ist niemand so beliebt wie Red Mosche Aphikomen. Er ist sehr reich, gilt als Millionär, der Korachs Vermögen, vielleicht sogar 10 000 Gülden besitzt. Er ist, wohlthätig, hat schon 11 arme Mädchen verheiratet. Er ist bei jeder Gelegenheit freigebig, beim Kauf des Esrog, bei der Honorierung für die Schmure Mazze, wie bei der Belohnung des Schames nach den erhaltenen „Malkesschlägen". Er ist eine Macht im Städtchen, da er Klausvorsteher ist und nach Belieben Schlischi geben kann. In seinem Haus werden stets vornehme Durchreisende sein bewirtet, besonders alle „Enkel", Nachkommen großer Rabbis. Sein Name ist in der ganzen Umgebung berühmt. Wer mit ihm verwandt ist, kann mit seinen Söhnen einen guten Schidech machen und seine Töchter „verzuckern". Reb Mosches Ruf ist so groß, daß man sogar behauptet, daß er den Propheten Elia gesehen. An dieser Behauptung zu zweifeln, ist nicht gestattet. Reb Mosche sagt, daß er Elia gesehen, und ein Mann, der Elia sieht, wird doch keine Lügen sagen! Er sucht bei jedem Briss „Sandik" zu sein, weil er dort seinen Bekannten Elias zu treffen hofft, und an den Peffachabenden ist der für Elias bestimmte Festkelch in seinem Haus von seltener Größe. Es soll sogar vorgekommen sein, daß in Zeiten des Regenmangels man sich an Reb Mosche gewendet, daß er gleich Elia durch sein Gebet Regen verschaffe. Wem diese Beweise nicht genügen, der höre die Erzählung unseres Helden am Sederabend. Am Peßachabend ist es gar feierlich im Haus unseres Reb Mosche. Er thront wie ein Herrscher und seine Gattin strahlt wie eine Königin. Licht erfüllt sein ganzes Haus und seine Tischgäste jubeln. Ehassidäische Lieder erklingen, geistreiche und witzige Thoras werden vernommen und bezaubernde Maaßes erzählt. Die Hagada wird gelesen, das Bitterkraut versüßt, die Speisen werden in Wein getränkt; die feierliche Stimmung erreicht ihren Höhepunkt, indem Reb Mosche selbst in Extase die Thür öffnet und den Propheten mit lauter Stimme als Gast einladet. Alle Anwesenden erheben sich, und weihevoll wird die Hagada fortgesetzt. Eine dramatische Szene spielt sich schon früher ab. Als unser Held den im Kissen versteckten Aphikomen sucht, schreit er laut auf. Wer hat ihn gestohlen? Seine reizende Tochter Sime bezeichnet sich schalkhaft als Diebin. „Simele, was willst du für den Aphikomen?" fragt lustig Reb Mosche. „Was sie will?" antwortet die Frau, „eine Brillantbrosche". „Nein", schreit einer der Ehassidim, der ein Schadchen von Beruf ist, „einen Brillantchoßen". Simele schaut aber hinüber zum gelehrten Hausbocher, als wenn sie diesen als Preis der Wiedergabe des Aphikomen bezeichnen möchte. Sie sucht nach Worten, findet sie nicht, schaut wieder hinüber und sie errötet. „Da hast du den Aphikomen", spricht sie zum Vater, „du mußt a Nowi sein, wie Elia, und wissen, was ich will". „Sage doch", spricht zärtlich der Vater. „Es legt sich mir nicht die Zunge", spricht gesenkten Blickes die Tochter. „Erzähle deine Eliahanowigeschichte. Nachher werde ich" . . . Reb Mosche läßt sie nicht enden, nimmt ihr den Aphikomen aus der Hand und betrachtet diesen, während er seine Geschichte erzählt: „Jüdelech, Gott hat mir Reichtum gegeben. Es giebt noch reichere Juden: Rothschild, Montefiore, aber ich habe genug. Gott hat mir Gesundheit geschenkt. Sckimschon Hagibor war stärker als ich, aber ich bin zufrieden. Eine Frau hat man mir im Himmel ausgewählt, die Sore, Riste Rochel und Lea gleicht. Kinder hat mir sein lieber Namen geschenkt, die Perlen, Diamanten, Brillanten sind. Was mein