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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · p. Seite 201

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. Israelitische Wochenschrift. Seite 201. großen Stil. Durch die Jahrtausende geht sie hindurch, immer anwachsend, immer Heller leuchtend, immer gewaltiger wirkend. Und jede besondere Hoffnung, die in irgend einem einzelnen Fall das Herz eines gläubigen Juden bewegt, hängt mit jener großen Hoffnung des ganzen Gottesvolks zusammen, Die durch Jahrtausende reichende messianische Hoffnung des israelitischen Volks, die nicht nur mehr als einmal die Zertrümmerung seines Bestands überdauert, sondern auch den besserungsfähigen Rest des Volkes erhalten und seine Neugestaltung wesentlich bedingt hat, erscheint wie ein großes, heiliges Erbgut, das von den ersten Urvätern des menschlichen Geschlechts herabkommt, durch den Glauben der ganzen Bundesgemeinde bewahrt geblieben ist. Propheten sind die Künstler, die in dem Wort ihrer Predigt, oder in bedeutungsvollen Zeichen die Hoffnung Israels gestalten und als bleibende Zeugnisse uns vor Augen stellen. Wir meinen keineswegs, daß der Hoffnungsgehalt in der prophetischen Weissagung lediglich aus dem Glaubensbewußtsein der Gemeinde entnommen und in die feste Form des Wortes oder des Zeichens gebracht worden sei; vielmehr halten wir an der Grundvoraussetzung fest, daß keine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden ist, sondern die Propheten haben geredet, getrieben von dem göttlichen Geist, und wir können gerade an der Weissagung als an der vollkommensten Darstellungssorm der Hoffnung am deutlichsten wahrnehmen, daß alle Zechte Hoffnung in dem Gott der Hoffnung ihren Ursprung hat; aber wir lernen aus der Betrachtung der Weissagung, daß die Hoffnung eines Einzelnen, selbst wenn sie dazu angethan ist, die Hoffnung der ganzen Gemeinde zu vertiefen, zu erweitern und zu bereichern, doch niemals abgelöst von dem Glauben und dem ganzen religiösen Leben der Gemeinde, niemals gleichsam isoliert, etwas für sich Bestehendes sein kann. Auch die Hoffnung des Einzelnen ist ein Stück geistigen Gemeindeguts, und je bedeutungsvoller, je weiter greifend, je mehr auf die geistige Gesamtentwicklung der Gemeinde gerichtet die Hoffnung erscheint, die etwa ein einzelner Prophet musterhaft ausspricht, desto gewisser hat sie auch ihre innerliche Verknüpfung mit dem Glauben, dem Hoffen, dem Leben der Gesamtgemeinde. Diese Gottesgemeinschast, glaubensvolle Hoffnung und gehorsame Hingebung ebensowohl fordernd als gewährend, wird uns zuerst in Abraham vor Augen gestellt. Unter einer Verheißung, deren Segen von vornherein allen Geschlechtern aus Erden zugesprochen wird, wird Abraham aus seiner natürlichen Heimat in das Land geleitet, das eine neue Heimat im höheren, geistigen Sinn werden sollte. In der festen engen Grenze der einen gewählten Geschlechtslinie soll die Hoffnung wachsen und erstarken, die dereinst allen Geschlechtern aus Erden zugute kommen soll. Abraham gehört zu den größten Meistern in der heiligen Kunst des Höffens. Die Hoffnung, die aus dem Glauben an die alten, den frommen Urvätern erteilten Gottesverheißungen erwuchs, hat die werdende Volksgemeinde unter dem Druck Egyptens ausrecht erhalten und hat ihre Führer und Berater, vor allen andern das erste Haupt des Volkes, den Mittler des Bundes, Mose, jenen gottbegeisterten Helden des Glaubens und der That, zu ihrem einzigartigen Werk tüchtig gemacht. Mit allen Wurzeln seines Lebens hastet Mose in dem Gott der Väter, den er als einen Gott der Hoffnung erkennt. In der Kraft dieses unerschütterlichen Grundes der Hoffnung zerreißt er die Bande der egyptischen Knechtschaft und führt das Volk in das Land der Verheißung und der Hoffnung, in dem der Gott der Väter unter seinem Volk wohnen wollte, und diese .Hoffnung aus eine Zukunft hat dieses Volk aus dem Dornenpfad eines langen Märtyrertums, unter allem Druck, unter allen Leiden und Schmerzen aufrecht erhalten. Am Peßachsest wecken und nähren wir diese Hoffnung in unserm Herzen „dieses Jahr noch hier, — im künftigen Jahr im heiligen Land", wo die ganze Erde ein heiliges, gelobtes Land sein wird, in dem Wahrheit, Recht und Friede unter den Menschen walten wird, wo die Freiheit über das Gesetz der Natürlichkeit, die allgemeine Ueberzeugung von der Kraft und der Wahrhaftigkeit des Reiches des Geistes über das Reich der Materie obsiegen wird. Das Peßachsest, das zur Erinnerung an die Erlösung aus schmerzlichen Banden einst eingesetzt worden ist, ist der deutlichste Zeuge dafür, daß Gott allmählich die ganze Menschheit aus den Banden der Engherzigkeit und Selbstsucht, der Ungerechtigkeit und des Unfriedens in das gelobte Land der Wahrheit, des Friedens und der Liebe führen wird. Bei den alten Völkern lagen alle Seligkeit, alle Höhen des Menschengeschlechts rückwärts; vorwärts dagegen nichts, als Versunkenheit und Elend. Selbst nach dem Tod erwarteten sie nur ein ödes Vergessen und einen Zustand zwischen Sein und Nichtsein, einen Zustand der Ohnmacht in dem Hades. Von einer dereinstigen Erhebung, Veredelung, von einem Fortschritt der Menschheit sindct sich kaum eine Spur. Eine veredelte Zukunft für's Erdenleben, eine geistigere, sittlichere Aera der Menschheit im Ganzen noch hienieden kennt und lehrt einzig das Judentum. Diese frohe Botschaft an die Menschheit, diese Verheißung einer lichter» Zukunft der Geschichte hebt an mit dem Bund und dem Segen Abrahams, setzt sich durch die Patriarchenzeit fort und erreicht ihren höchsten Glanz mit dem traurigen Verfall des politischen Reichs in den Verheißungen der Propheten. Dieses ist das lichte Ziel, das unsere Hoffnung am Peßachsest uns vor die Seele gestellt, das sie in stiller erhabener geistiger Einsamkeit unserm inneren sehenden Auge eröffnet hat. Bon Rabbiner Dr. I. Niemirower-Jassy. An den Sederabenden, die auf das Gemüt der jüdischen Kinder tiefen Eindruck machen, ertönt an der Festtafel das Lied vom Lämmlein. Dieses Chad Gadjalied, über dessen Ursprung die Gelehrten streiten, spiegelt die Welt als im Kampf Aller gegen Alle ab und verkündet ein unerbittliches Vergeltungsgesetz, dessen Vollstrecker einerseits Rächer und andererseits Verbrecher sind, und läßt Gott als den Höhepunkt aller Entwicklung erkennen. Dieser natürliche Sinn des Sederliedes, der Israel, dem Volk der Leiden zusagen mußte, reichte doch nicht aus. Chad Gadja wurde daher vielfach symbolisch gedeutet, auf das Seelenleben, aus die

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