Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- Seite 174 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605328--8105-9605342- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 174. Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. Dein Glaube muß der wahre sein; den Gott, den du verehrst, \ will auch ich anbeten". Entzückt schloß Diego seine Tochter in seine Arme. „Ich erwartete es nicht anders von meiner Juanita. O, du bist in Wahrheit mein Fleisch und Blut, braves Mädchen. — Aber du bist so bleich, mein Kind, rege dich nicht zu sehr aus. Du hast ja immer ruhig und friedlich gelebt. Vorsicht und Verschwiegenheit ist das einzig Erforderliche". In der That war das arme Mädchen ties ergriffen von den Mitteilungen, die es soeben erfahren hatte. Gestern noch eröffnete sich vor ihren Augen eine glückliche, freie und schöne Zukunft — und heute sah sie sich überall von Gefahren umgeben, von Schrecken umringt, einem ewigen Zwang unterworfen und bedroht von zahllosen unbekannten und unbarmherzigen Feinden. Diego merkte wohl die Gefühle, die Juanitas Herz bewegten. „Vergieb mir, meine Tochter", fuhr er nach einigen Augenblicken peinlichen Stillschweigens fort, „vergieb mir, daß ich dich in diese schmerzlichen Beängstigungen des geheimnisvollen Streits eingeweiht habe. Ich hätte deiner Jugend gern die Kämpfe und die Furcht, die unser hartes Los sind, erspart, ich hätte dir nur zu gern das schreckliche Geheimnis, das alle deine glücklichen Jugendträume mit einem Schlag zertrümmert, vorenthalten. Ich habe lange gezögert, aber könnte ich mein Stillschweigen jetzt noch vor Gott rechtfertigen? Schuldete ich dir nicht die Wahrheiten, die ich besitze? Denn darin besteht jetzt vor allem unsere Pflicht und unsere Größe, unsern Nachkommen trotz der zahllosen Gefahren, trotz der grausamsten Martern mit wahrhafter Todesverachtung den Glaubensschatz, der seit Jahrtausenden den Trost und die Hoffnung unseres Volkes ausmacht, ungesälscht zu überliefern. Und fürwahr, er bietet uns tausendfachen Ersatz für die Unmasse unserer schweren Prüfungen. Später, wenn du mehr wissen wirst, wirst du begreifen, welche beseligende Genugthuung, welchen erhabenen, bittern Stolz die Erfüllung unserer heiligen, aber schmerzlichen Mission uns verleiht, wie sehr wir uns geadelt fühlen durch diese unvergängliche Hingebung an den Glauben der Väter, durch diesen heimlichen, aber unbesiegbaren Widerstand gegen die grausamste, gegen die furchtbarste aller Mächte, durch den Trotz gegen die Gefängnisse, die Folterqualen und Scheiterhaufen! Und in welchem Maß befestigen diese ewigen Gefahren, diese unaufhörlichen Drohungen die süßen Bande, die uns vereinen! Glaube mir, mein Kind, ich habe dich immer unaussprechlich geliebt, um so mehr, als ich dazu berufen war, dich inmitten unversöhnlicher Feinde zu erziehen, dich zu bewahren vor ihren Schlingen; nun denn, du bist mir tausendmal teurer, seitdem du so mutig die Gefahren teilen willst, die du jetzt kennst. Ach, ich habe schon viel gelitten für meinen Glauben! Ich habe grausame Schicksalsschläge überstanden, aber in diesem Augenblick fühle ich mich reichlich belohnt durch deine Liebe und deine kindliche Hingebung". Die Stimme Diegos zitterte, während er die letzten Worte sprach. Juanita vergaß beim Anblick der Erregung ihres Vaters des eigenen tiefen Seelenschmerzes. Sie dachte nur an ihn, und bebend am ganzen Körper warf sie sich in Diegos Arme. „O, mein Vater", murmelte sie halblaut, „ich werde dich stets lieben". Sie konnte nicht fortfahren, heiße Zähren erstickten ihre Stimme. Vater und Tochter verharrten einige Zeit in inniger stummer Umarmung. Juanita unterbrach zuerst das Schweigen. „Vater", sagte sie, „setze jetzt deine Mitteiluugen nicht fort; du siehst, daß du zu aufgeregt bist, daß du zitterst. Ein andermal . . ." „Ach nein, meine Juanita", antwortete Diego, „laß mich sprechen, es thut mir wohl. Ich wollte dir schon lange dieses furchtbare Geheimnis offenbaren. Ich habe immer damit, zurückgehalten, aber es scheint mir, daß du erst jetzt recht meine Tochter bist, jetzt, da du mein Hoffen und Glauben und mein Leiden für beides kennst". „Armer Vater, wie unglücklich mußtest du dich fühlen", sagte Juanita. „Mein Herz schaudert noch", fuhr Diego seufzend fort, „wenn ich mich an das erinnere, was meine Augen gesehen haben. Ich habe jenen schrecklichen Metzeleien, mit denen sie Gott zu preisen vermeinen, beigewohnt. O, die Teufel! Du ahnst nicht die Foltern, die sie erfunden haben, ihre Opfer zu martern, mit welcher kalten Grausamkeit sie täglich die Majestät des Schöpfers in seinem Meisterwerk, das er in seinem Ebenbild geschaffen, schänden. Ach, ich habe meine besten Freunde gesehen, längst gebrochen durch die Schrecken des Kerkers, durch die höllischen Qualen, ich habe sie den Scheiterhaufen besteigen sehen; aus mich waren ihre letzten verzweifelnden Blicke gerichtet; mein Ohr hat der jähe Aufschrei ihres grausigen Todeskampses getroffen; ich habe die fanatischen Mönche und die vertierten Volksmassen diesem infamen Schauspiel wie einem Opfer, dargebracht dem Höchsten, beiwohnen sehen. Auch ich war da, ja ich selbst! — Ich mußte wohl, denn hätte ich mich fern gehalten, man hätte mich verdächtigt, und der Verdacht der Inquisition — tötet! . . . Ich war dabei, mein Herz war zerrissen von Schmerz und Mitleid, meine Seele empört von solcher Verderbtheit und Grausamkeit, und doch mußte ich alle meine Gefühle in die tiefste Tiefe meines Innern zurückdrängen. Ich mußte kalt, noch mehr, ich mußte befriedigt, im Herzen erfreut scheinen. Denn ich wurde ohne Zweifel beobachtet, eine Bewegung des Mißfallens oder des Bedauerns, und ich war verloren. . . . Welch eine Strafe! Mein Gott, welch eine Strafe!" Diego hielt inne; die Erinnerung an jene schrecklichen Augenblicke ries den alten Schmerz in seiner Brust wiederum wach. Juanita hatte die Hände ihres Vaters ergriffen und drückte sie krampfhaft, sprechen konnte sie nicht. „Und auch du", fuhr Diego fort, „auch du wärest verloren gewesen, denn diese Elenden kennen keine Rücksicht. Ihre unversöhnliche Wut kennt keine Schonung für die Jugend, für die Unschuld. Sie vernichten alles, was ihrer Macht im Wege steht, sie verderben alle, deren Güter ihre Habsucht reizet. Ihre Mörderhand schont nicht einmal die wahren Christen; sie entvölkern das edle Land der Spanier,