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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 175

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 175 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 176. die Arbeit liegt darnieder, der Acker bleibt unbebaut, aber die Scheiterhaufen rauchen fort!" „Und der König!" warf Juanita ein, „weiß der König, daß man seine unglücklichen Unterthanen in dieser Weise mißhandelt?" „Der König?!" antwortete Diego bitter lächelnd, „er steht mit der Inquisition im Bund, wenn er sich überhaupt noch stark genug fühlt, sich nicht zu ihrem Schergen zu erniedrigen. Wehe diesem unwürdigen Hirten der Völker! Ich selber habe ihn der grausamen und unverdienten Hinrichtung seiner braven und treuen Unterthanen beiwohnen sehen. Unter den zahlreichen unglücklichen Opfern, die an einem Tag umkamen, befand sich auch ein Weib, jung und schön wie du, meine Juanita". Juanita schauderte. „Ach ja", sprach Diego träumerisch weiter, „sie war noch schön trotz der Leichenblässe, die ihr edles Antlitz bedeckte, trotz der schrecklichen Qualen, die sie offenbar hatte erdulden müssen. Ich weiß nicht, wie es kam. aber die Unglückliche glaubte sich auf dem Weg zum Henkertod dadurch retten zu können, daß sie sich unter den Schutz der königlichen Majestät flüchtete. Sie entschlüpfte den Händen ihrer Mörder und warf sich der Königin zu Füßen. Sie beschwor sie bei ihrer Jugend, bei denen, die sie liebte, bei ihrer Mutterliebe — die Arme hatte ebenfalls Kinder — Mitleid mit ihr zu haben, sie zu retten, sie beteuerte ihre Unschuld . . . Die Königin war gerührt, sogar der König machte eine Bewegung des Mitleids: da trat der Großinquisitor hervor mit dem schwarzen Kruzifix in der Hand, und das Königspaar, die Beschützer des Volks, blieben ohnmächtig gegenüber dem frechen Austreten eines Pfaffen . . . Der Scheiterhaufen verlor sein Opfer nicht". „Großer Gott! Und was hatte sie verbrochen?" fragte Juanita. „Ihr Gatte, der einige Zeit abwesend war, sollte nach Haus kommen ... In der Freude legte die Unvorsichtige Festgewänder an ... es war ein Samstag . . . man klagte sie des Judaisierens an . . . Der Gatte kam erst nach einigen Tagen an, sie wurde der Ketzerei verdächtigt und eingesperrt. Einer ihrer Bedienten sagte aus, daß sie ihre Hände segnend auf die Häupter ihrer Kinder gelegt habe ... wie die Juden thun . . . das war ihr Todesurteil". „Schrecklich, schrecklich!" sagte Juanita leise. „Du siehst, mein Kind", fuhr Diego fort, „welche Vorsicht uns not thut. Ach, ich habe mich oft gefragt, ob unsere Väter nicht eher hätten den Märtyrertod erleiden sollen, als diese ewige Heuchelei aus sich zu nehmen und uns zu überliefern diese Angst ohne Ende. Tod oder Taufe! das war das Geschrei ihrer unversöhnlichen Feinde, die ihnen schon ihre Kinder entrissen und zum Altar Christi hingesührt hatten. Was sollten die Unglücklichen thun? Sterben für den Glauben? — Es wäre eine große, der Standhaftigkeit Israels, ihrer selbst würdige That gewesen. Aber ihre getauften Kinder wären mit den Christen vermischt, dem Gesetz Moses ewig entfremdet worden, sie wären für Israel alle Zeit verloren gewesen! Sie mußten das Haupt beugen, um das Wasser der Taufe zu empfangen, aber ihr Herz blieb treu dem wahren Gottesgesetz, und sie überlieferten es um den Preis von tausend Gefahren, von tausend Opfern, im Geheimen ihren Söhnen und Töchtern. So entdeckte mir mein Vater eines Tags seinen Glauben, so lehrte er mich das Gesetz unseres Lehrers Mose kennen, wie ich es dir heut mitgeteilt habe, und wie ich dich später darin unterrichten werde. Wie du, war ich einen Augenblick betroffen, aber der Gedanke an die Pflicht hat mich aufrecht erhalten. Darum, meine Tochter, sei mutig und vorsichtig, lebe ruhig wie bisher, erfülle regelmäßig diese leeren Bräuche, um den Verdacht zu entfernen; aber in der Tiefe des Herzens erhebe dich zum einzigen, unsichtbaren Gott, er wird dir vergeben, er wird dein Gebet erhören, denn du bist rein und unschuldig und er ist allliebend . . . Traue Niemandem, antworte keinem Zeichen, denn die Spione lauern überall . . . Hüte dich vor unfern Dienern, vor Jago und Josepha . - . Ich habe sie mit Wohlthaten überhäuft, aber sie meinen ihre heiligste Pflicht zu erfüllen, wenn sie uns denunzierten . . . Vergiß ganz, daß du Jüdin bist, du seiest denn allein vor Gott oder bei mir . . ." „Und er — Fernando?" fragte bebend das junge Mädchen. „Mein Kind", antwortete Diego lächelnd^und seine Augen nahmen wieder einen tiefen, zärtlichen Ausdruck an, „mein Kind, glaubst du wirklich, daß ich so wenig besorgt um dein Glück hätte sein können, dir einen Gatten anderen Bekenntnisses zu wählen? Auch er gehört dem verfolgten, heimatlosen Stamm an. Ein edles Herz! Auch er versteht schon zu leiden und zu schweigen . , . Aber du bist sehr aufgeregt, meine Tochter, brechen wir unser Gespräch ab; ich glaube überdies herannahende Stimmen zu hören, man tritt, wenn ich nicht irre, schon in das Vorzimmer . . . Gehen wir hinaus, Juanita, und nun — Vorsicht und Kaltblütigkeit!" 4. Als Diego diese letzten Worte gesprochen hatte, öffnete er die Thür und ging, von Juanita begleitet, hinaus. Das arme junge Mädchen fühlte sich bedeutend erleichtert, als sie das mysteriöse Halbdunkel des Gemachs, in dem sie ein so furchtbares Geheimnis erfahren hatte, hinter sich sah; sie war viel gefaßter, als sie sich wieder in der freien Luft befand und das helle Tageslicht ihr neuen Mut einflößte. Aber ihre Phantasie war noch voll von den schrecklichen Bildern und ihr Herz war schwer beengt. Das junge Mädchen trat an das weit geöffnete Fenster, um freier atmen zu können; sprachlos stand sie da, bleich und zitternd. Sie hatte im Hof soeben den Bruder Enriquez bemerkt, der jeine Schritte auf das Haus zu nahm. Es war ein menschenfeindlicher Dominikaner, der als erster Geheimschreiber des Großinquisitors der Stadt, Molina de Medrano. für einen der fanatischsten Anhänger des heiligen Offiziums galt. Noch nie hatte Juanita den Mönch bei ihrem Vater gesehen, und als sie ihn jetzt erblickte, wurde sie von einem unbeschreiblichen Schrecken ergriffen; alle Schauderscenen der Inquisition, die ihr Diego vorhin mit so beredten Worten und in so glühenden Farben geschildert hatte, traten ihr wieder

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