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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 169

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 169 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 169. wie ein rocher de bronce, die Juden. Mit dem Schwinden liberaler Anschauungen sahen auch sie ihre Rechte bedroht. Und so schlossen sie mit der mangelnden politischen Reife, die leider vielen unserer Brüder innewohnt: „Wir haben Rechte besessen, als der Liberalismus an der Macht war. Wir haben Rechte verloren, als er sank. Also müssen wir dem Liberalismus wieder auf die Beine helfen, dann ist auch uns geholfen". Dieser Schluß ist ein Trugschluß. Der Liberalismus als politische Partei kann nie wieder zur Macht gelangen, weil die Zeit der Parteien der „Weltanschauungen" endgiltig vorüber ist. Wir haben oben gesagt, Liberalismus und Judentum seien früher in eine Art Ehe getreten. Der Tod scheidet. Was heute noch Leben im Liberalismus anzudeuten scheint, sind höchstens Reflexbewegungen! Und nun kommt man und wirft uns politische Undankbarkeit vor, fragt, ob wir uns mit den Agrariern verbinden wollen, oder was eigentlich unsere Absicht sei. Zunächst besteht die Dankbarkeit gegenüber Toten in Pietät, nicht aber darin, daß man dauernd gegenüber besserer Einsicht bet den Anschauungen der Altvorderen beharrt. Wir bleiben dem Liberalismus dankbar für das, was er uns gethan, obwohl vielleicht die Dankesschuld längst abgezahlt ist. Denn — gerade heraus gesagt — hat der Liberalismus seit Jahren nur noch vom Judentum gelebt. Jüdische Zeitungen haben ihn gestützt, jüdisches Geld machte seine Wahlen. Und schließlich verfocht der Liberalismus unsere Sache, weil es seine eigene war. Denn es ist oft genug von Rickert und Richter gesagt worden, daß man für uns eintrete, weil es sich um ein liberales Prinzip, um die staatliche Gleichberechtigung aller Bürger handle. Wenn man aber für sich, um sich selbst zu genügen, eine Sache vertritt, so muß man den Dank in sich selbst finden. Schließlich hofft auch von uns niemand auf Dank, die wir doch nicht einmal aus bloßer Theorie, sondern aus Liebe für unsere Brüder kämpfen. Daß der Liberalismus sich uns recht oft als lauer Freund zeigte, soll nur nebenbei erwähnt werden. Aber wir sind Juden und darum wollen wir dankbar sein. Rur soll man unter Berufung aus die Dankesschuld uns nicht zwingen wollen, gegen unser Interesse zu handeln. Run ist es allerdings richtig, wenn behauptet wird, daß die Freisinnigen noch immer die einzigen sind, die gelegentlich einmal für uns eintreten, daß z. B. bei den letzten Landtags- Debatten die Interpellation Peltasohn nur von ihnen unterstützt wurde. Gewiß. Aber was beweist das? Seit Jahren zum erstentnal regte sich der Liberalismus für uns, er wurde, wie üblich, abgesertigt, und damit war die Sache zu Ende. Die Regierung, von deren gutem Willen doch ganz allein und ausschließlich unsere Stellung im Staatsleben abhängt, hat wieder einmal die Ueberzeugung erhalten, alle Juden seien freisinnig, und sie wird nach dem Vertrauensvotum ganz gewiß umsoweniger für uns zu haben sein, als die Interpellation von einem oppositionellen Parlamentsmitglied ausging. Wenn man wieder interpelliert, wird man wieder nichts erreichen. Natürlich ist niemand so thörtcht, zu meinen, daß deshalb die Juden den Agrariern Gefolgschaft leisten müssen. Es steht überhaupt nirgends geschrieben, daß wir irgend jemandem Gefolgschaft leisten müssen. Wir können ganz gut auf eigenen Füßen stehen, und wir müssen es thun. Ungleichheit des Rechts besteht, das ist nicht wegzuleugnen, trotz der .Versassungsbestimmungen. Es ist, wie kürzlich ein Gegner sehr richtig schrieb, lediglich eine Machtsrage, wessen Recht geschmälert wird. Gewiß. Rur ist die Deduktion eigenartig, daß wir Macht nur haben werden, wenn wir mit der politisch ohnmächtigen freisinnigen Partei gehen. Rein, Recht wird uns, der kleinen Minderheit eben nicht im Kampf mit der Regierung, sondern, indem wir diesen Kamps einstellen und die für unsere Interessen einzig mögliche Politik von Fall zu Fall treiben. Das ist Jnteressenpolitik. Aber wir haben das Recht, auch einmal an uns selbst zu denken. Wir wollen nicht die liberale Opposition sans phrase sein, sondern wir wollen, wie alle um uns her, unsere jüdischen Interessen durch zweckmäßige Politik wahren, die durchaus nicht im Gegensatz zu den Ausgaben des Reichs steht. Drei oder vier jüdische Abgeordnete, als jüdische Vertreter gewählt, genügen, um von der Tribüne herab das Land aufzuklären, die Regierung zu belehren, daß die Verhältnisse verändert sind. Das im Volk noch nicht erloschene Gerechtigkeitsgefühl und der Sinn für Selbsthilfe und Selbstachtung werden uns viele Sympathien einbringen, sobald wir offen für uns selbst eintreten, während heute der ganze Landtag lacht, wenn ein freisinniger Abgeordneter für die Juden eintritt. Wir können bei dem herrschenden Drei-Klassen-Wahlsystem nicht nur in Berlin, sondern z. B. in fünf oder sechs Wahlkreisen in Posen Juden wählen. Und wenn nur in den anderen Wahlkreisen jüdische Minoritäten sich bilden, die lediglich dem philosemitischen Kandidaten, welcker Partei immer er angehört, ihre Stimme geben, dann wird der Wahlbewerber daraus Rücksicht nehmen, wie man bisher aus die antisemitischen Minderheiten Rücksicht genommen hat. Und das wird aus die uns bisher feindlichen Pa-teien nicht ohne Einfluß bleiben. SpvechscrclU Snniiiiftliriiii in Delingsdorf. Weitab vom Getriebe des Badelebens in der v. Bülowschen Villa, auf der Spitze des Kulnls, in der Mitte eines großen Parkes eröffnen die Damen Hedwig Sachs und Therese Salz neben ihrem Institut, das sie in unveränderter Weise in Berlin, Potsdamerftraße 113, Villa II, Winter und Sommer sortführen — vom 1. Mai ab ein Sommerheim in Heringsdors. Von dem Grundsatz ausgehend, daß nur im gesunden Körper eine gesunde Seele wohne, wollen sie ihr Heim allen den jungen Mädchen öffnen, die neben ausgezeichneter körperlicher Pflege ein feinsinniges Eingehen aus die der weiblichen Jugend eigentümlichen seelischen Bedürfnisse verlangen. Es ist namentlich für die blutarmen, oft nervösen jungen Großstädterinnen sehr wünschenswert, daß sie einmal aufs Land

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