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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 168

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 168 (sequence 8)
Language
German
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Seite 168. Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. und während der drei ersten Jahre werde ich die Kosten ihrer Ansiedelung und ihres Unterhalts tragen. Im Lauf der Audienz, die ich beim König Ludwig Philipp in Paris hatte, hat mir der König zugesichert, daß die französische Regierung gern das nötige bebaubare Land geben würde, um die Existenz dieser Einwanderer zu sichern". Diese Einzelheiten, die Altaras dem jüdischen Gelehrten Dr. Fürst in Leipzig erzählte, hat dessen Freund, der hebräische Bibliograph I. Benjäcob, der sich damals in Leipzig aufhielt, dem Schriftsteller A. B. Lebensohn-Wilna im Jahr 1846 geschrieben und in dem hebräischen Werk “Pin (II. Auflage) als historische Urkunde abgedruckt. Dieser Apostel der jüdischen Kolonisation, mit Empfehlungsbriefen der höchsten Personen seines Landes, auch vom Minister Guizot, versehen, ging nach Petersburg. Die Rothschilds und mehrere andere reiche englische und deutsche Juden wollten sich seinem Plan anschließen. Ein anderer Wilnaer W. Rosenthal, der in Berlin mit Altaras eine Unterredung hatte, berichtet unter dem 20. September 1846 seinem Bruder in Wilna, Leon Rosenthal (gleichfalls im genannten hebräischen Werk mitgeteilt), von dem Mißerfolg seines Unternehmens. Kein geringerer als Sir Moses Montefiore hat ihm, leider richtig, vorausgesagt, daß seine Reise nach Petersburg ganz nutzlos sein werde. Trotz aller Protektionen hat Kaiser Nikolaus Altaras nicht in Audienz empfangen. „Wir werden Ihnen keinen Juden geben, nicht den Aermsten der Armen, nicht einen Juden, nicht ein Viertel eines Juden".77) Weit imposanter und einflußreicher gestaltete sich in dem Jahr 1846 die Reise des hochherzigen Philanthropen und Anwalts seines Volks Sir Moses Montesiore nach Petersburg, um Erleichterungen zu schaffen. Kaiser Nikolaus nahm den edlen Fürsprecher für sein Volk gnädig aus und überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen. So lautet ein Brief Monteflores an einen seiner Freunde in London: „Ich habe das Vergnügen, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ich durch den Segen des Herrn die Gelegenheit hatte, die Sache unserer Brüder in diesem Reich vor dessen mächtigem Herrscher zu vertreten; vorigen Donnerstag (27. März 1846) hatte ich die Ehre einer Vorstellung beim Kaiser, der mich sehr gnädig ausnahm und alle meine Angaben sehr geduldig anhörte. Seine Majestät sagte, ich solle die Genugthuung haben, seine und seiner Minister Versicherung mitzunehmen, daß er sehr eifrig für die Verbesserung meiner Glaubensgenossen in seinem Reich strebe, und dieser Gegenstand gerade jetzt seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. Seine Majestät drückte den Wunsch aus, daß ich meine Brüder in den Städten besuchen möge, wo sie am zahlreichsten seien, und wolle er mich mit seinem Minister in Verbindung setzen".^) Während der. Anwesenheit Montefiores in Begleitung seiner Frau Judith und seines geistreichen Sekretärs in der jüdischen Metropole Wilna wurden dem Gast, dem Retter seines Volks, enthusiastische Huldigungen dargebracht, die zugleich das jüdisch-patriotische Hochgefühl ausdrückten. Die innige Verständigung zwischen 77) Im on£is‘ Epb (eä. Zederbaum Petersburg 1889) p. 82—9. und nach dem Woskhod 1897 ausführlich in dem Bericht der Alliance Jsraelite Universelle 1896 p. 40-44 veröffentlicht. 7S) Dr. S. Mandelkern Geschichte Rußlands III. Bd. Ende. dem hochherzigen Anwalt und seinen Glaubensgenossen, denen er manche ihrer Mängel offenherzig aufdeckte, hat in hervorragender Weise stattgesunden. Der glänzende Empfang ist in dem historisch gewordenen Merkchen mfctn (der Gast) von A. M. Dick ausführlich geschildert.^) Die letzten Regierungsjahre Kaiser Nikolaus I. brachten einige Erleichterungen in der Lage der Juden, die wohl hauptsächlich aus den Besuch Monteflores zurückzusühren sind. , Alles in allem liegt hinter uns ein mächtiges Werden im jüdischen Leben aus der Regierungszeit Nikolaus I., aber blos ein Werden, kein gedeihliches Wachsen und Blühen; denn die Sonne der bürgerlichen Rechte, der gesetzlichen Stellung, hat dem Gedeihen und Wachsen nicht die erforderliche Wärme verliehen. Erst der milderen Regierung Alexanders II. war es beschieden, die Knospen und Blüten der Humanität zur Entfaltung zu bringen. (Fortsetzung folgt.) Judentum und Liberulismus. Von Dr. A. Friedemann (Berlin). Liberal ist, sagt Stahl, wer den Menschen betrachtet als Individuum an sich, als ein gegebenes und gleichberechtigtes Ganzes; konservativ dagegen denkt, wer den Menschen in seiner Beziehung zur Sache, zu dem Kreis seiner Lebensthätigkeit, seiner äußeren und inneren Entwicklung betrachtet. Dieser liberalen Weltanschauung schlossen sich zu Anfang des verflossenen Jahrhunderts die Juden allerwärts an. Ihr verdankten sie die Emanzipation. Und weil 50 Jahre lang um beide Weltanschauungen gerungen wurde, traten Judentum und Liberalismus in eine Art Ehe. Die Juden lieferten dem Liberalismus sein bestes Menschenmaterial, und der Liberalismus emanzipierte die Juden. Dieses gegenseitige Geben und Empfangen dauerte bis ins letzte Drittel des vorigen Jahrhunderts. Dann veränderte sich das Verhältnis plötzlich. Der Liberalismus' hatte alle seine politischen Forderungen erreicht. Ec hatte die Standesunterschiede beseitigt, ohne Ansehen der Person gleiches Recht geschaffen und das Wahlrecht der Massen eingerichtet. Mit der Notlage der Landwirtschaft aber erinnerte sich der Bauer, daß er einen Stand bilde, der Sonderinteressen zu wahren habe, es kamen die Arbeiter und stellten das Prinzip des Klassenkampses aus. Den praktischen Verhältnissen mußten die politischen Parteien Rechnung tragen. Den Konservativen, die ihren Standpunkt selten verlassen hatten, wurde dies leicht. Die Liberalen tasteten haltlos hin und her. Sie fühlten den Prinzipienbruch, der für sie in einer zielbewußten Sozialpolitik — der Fürsorge für einen bestimmten Stand — gelegen hätte. Sie konnten auch keine Agrarpolitik treiben und so das Interesse des Landmanns wahren, sie blieben also dem Prinzip treu und verloren darüber völlig die Wählermassen. Sie waren eben eine Partei der Weltanschauung geblieben, als alle anderen Parteien wieder ständische Parteien zu vertreten begannen. Und unter den wenigen alten Liberalen blieben, 79) Dr. S. Mandelkern Geschichte Rußlands HL Bd. Ende.

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