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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 167

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 167 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11 Israelitische Wochenschrift. Seite 167. Jnspektorate der jüdischen Schulen als Versorgungsftelle erhielten — lauter Leute, die nicht mit dem gehörigen Ernst an die Wichtigkeit der vorliegenden Aufgabe herantraten. Nicht blos, daß sie, die berufen waren, die jüdische Jugend auszuklären und zu erziehen, nicht im Geringsten wußten, was uns frommt, waren sie noch voll Voreingenommenheit in Beziehung aus die ihnen anvertrauten Zöglinge. Sie haben ihre Position verscherzt und die Schulen in den Augen der jüdischen Bevölkerung stark diskreditiert.^) Auch das Kontingent der ersten Lehrer der jüdischen Fächer stand durchaus nicht aus der Höhe seines Berufs. In der ersten Zeit war es nicht möglich, jüdische Lehrer zu gewinnen; größtenteils mußten dazu die früheren „Melamdim" genommen werden, die auch in ihrer neuen Form als offizielle Pädagogen die veralteten Eigenarten, die Routine des Cheders beibehielten. Die wenigen Ausnahmen der bereits vorgebildeten jüdischen Lehrer hatten manchen harten Strauß mit der feindseligen Stimmung der christlichen Inspektoren einerseits und mit den Jntriguen der Melamdim andererseits auszufechten. Die Fühlung mit dem Volk ging den jüdischen Lehrern verloren, sie bemühten sich auch nicht, diese zu finden und ausrecht zu erhalten.^) Das Programm fand gewiß nicht die Zustimmung der Juden. Die Regierung meinte, daß, sobald die gegründeten Schulen „jüdische" Schulen heißen, ein jüdischer Lehrer den Religionsunterricht erteilen, am Sabbat und an jüdischen Feiertagen der Unterricht unterbleiben würde und noch äußerliche Vorrichtungen im jüdischen Geist gemacht würden, alle Hemmnisse aus dem Weg gebahnt wären und die Schulen Anklang finden müßten. Die Juden suchten aber den jüdischgeistigen Gehalt des Schulwesens, und den fanden sie nicht. Der Talmud war völlig von den Schulen verwiesen, und statt dessen haben die Lehrer lose Abschnitte aus dem Pentateuch mit deutscher Uebersetzung vorgetragen. Die Propheten, Hagiographen wurden nicht gelesen, die notwendigen Ritualgesetze nicht gelehrt, die Gebete nicht erläutert, die Religionslehre und Geschichte der Juden wurde nicht vorgetragen.^) Es wäre ja ganz anders geworden, wenn Dr. Lilienthal mit einer Legion jüdischer Schulamtskandidaten aus Deutschland mit der Ausführung der Uwarow'schen Schulpläne betraut wurde. Unter diesen Umständen aber hat das hoffnungsreiche Schulgesetz 1844, wie es sich unter den Nachfolgern Uwarows entwickelte, Schiffbruch erlitten. In amtlichen Berechnungen der 9. Revision (Volkszählung) und den statistischen Arbeiten Keppens wird nachgewiesen, daß in den Ostseeprovinzen und am Schwarzen Meer die Juden mit großer Bereitwilligkeit die Kronsschulen besuchten, während im Innern des Territoriums es nicht der Fall war. Während in den Oftseeprovinzen (Lehrbezirk Dorpat) 1 Schüler aus 39 Einwohner kam und in den neurussischen Gouvernements (Lehrbezirk Odessa) 1 Schüler aus 66 im Durchschnitt, kommt in den littauischen Gouvernements (Lehrbezirk Wilna) 72) Jbid. und Zederbaum a. a. O. p. 14. 73) Bramsohn a. a. O. p. 320. Zederbaum a. a. O. p. 14. u) Zederbaum a. a. O. p. 15. 1 Schüler auf 190 und in den südlichen Gouvernements (Lehrbezirk Kiew) sogar aus 272 Einwohner.^) Auch die beiden Rabbtnerschulen erreichten nicht ihren Zweck, die altehrwürdigen Jeschiboth wenigstens einigermaßen zu ersetzen. Da begegnen wir der sonderbaren Thatsache, daß die Direktoren beider Rabbinerschulen nur Christen oder getaufte Juden sein dürfen. Es ist wohl eine Merkwürdigkeit, die in keinem Lande und zu keiner Zeit ihresgleichen hatte, daß an der Spitze eines Seminars für Geistliche eines bestimmten Glaubens ein Angehöriger eines anderen Glaubens stehen mußte. Sogar der russische Publizist Katkow spricht darüber sein Befremden aus.^) Der christliche Direktor konnte unter keinen Umständen und beim besten Willen nicht der Mann sein, der hebräische Rabbiner erziehen soll, da er deren Literatur, Ansichten und ihren Geist überhaupt nicht kennt, und dieses Direktors Unterschrift war die erste auf dem Diplom für die das Rabbiner-Institut als Rabbiner oder Lehrer Absolvierenden. Und auch die anderen, die das Rabbinatsdiplom beglaubigten, waren zunächst die christlichen Lehrer für die allgemeinen Fächer, und zuletzt die jüdischen Lehrer, die nicht als Talmudkenner galten, sondern Bibel und Sprachkenntnisse unterrichten. Auch das Pensum der Rabbinerschulen genügte nicht im Geringsten für einen angehenden Rabbiner, denn umfassende theologische Kenntnisse, die Wiffenschast des Judentums, der Talmud mit allen Kommentaren waren sehr mangelhaft vertreten, für den Begriff Rabbiner in Jüdisch-Rußland kaum ausreichend. Die zu Rabbinern berufenen Zöglinge des Instituts waren daher blos die sogenannten „Krons- Rabbiner", die hauptsächlich die standesamtlichen Bücher führten und der Regierung gegenüber die Religion vertraten. Die eigentlichen Rabbiner und geistigen Führer des Volks blieben die aus den talmudischen Lehrhäusern hervorgegangenen Talmudbefltssenen, die nicht nur in theologischer Gelehrsamkeit, sondern auch in frommer, gesitteter Lebensweise ihrer Umgebung als leuchtende Vorbilder vorangingen. Zum Schluß ist noch nachzutragen, daß die damalige elende Lage der russischen Juden ihre ausländischen Glaubensbrüder nicht gleichgiltig ließ. Das Blatt Ludwig Philippsons schlug die Schaffung eines Auswanderungskomitees vor. Man sollte durch Erlangung der gesetzlichen Erlaubnis die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, dem Kapland und Australien dirigieren. Daß die russische Regierung aber ihre Juden nicht auswandern lassen wollte, beweist eine interessante Unternehmung eines alten französischen Juden, Mitglied des Handelsgerichts und Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums von Marseille, mit Namen Altaras, der sein großes Vermögen opfern wollte, um die elende Lage seiner russischen Brüder zu erleichtern. Er wollte nämlich 40 000 jüdische Familien aus Rußland und Polen nach Algier übersiedeln, und wenn die russischen Behörden diese Zahl zu hoch halten, so nur die 1000 ärmsten Familien. „Ich bin bereit, dem russischen Schatz 1000 Frcs. Entschädigung für jede Familie zu zahlen. Diese 1000 Familien werde ich auf meine Kosten aus Ländereien ansiedeln, die ich selbst in Algier kaufen werde. 7b) Bramsohn a. a. O. p. 312. 76) Zederbaum a. a. O. p. 17.

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