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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 166

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
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Seite 166 Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. nicht darin, daß wir alles ehrwürdig Ueberkommene über Bord werfen und uns eine neue Religion nach unserer Phantasie und nach unserem modernen Geschmack zurechtstutzen, sondern indem wir den ihr innewohnenden Geist zu erkennen trachten und den so erkannten Geist beleben zu Neubildungen und Neugestaltungen. Ist es nun der Geist des Hauses, der sich in seiner Tradition ausspricht, so soll das Haus auch der religiöse Geist der Tradition sein. Jedes richtige jüdische Haus fordert auch seine religiöse Sitte. Denn diese giebt erst dem Geist des Hauses Weihe und Wahrheit und erhebt den natürlichen Sinn der Pietät zur höheren sittlichen Würde und macht ihn zu einem Bestandteil unseres Lebens in Gott. Mit solchen Vorsätzen werden noch heute unsere Feste wahre Familienfeste werden, werden wir auch die tiefste Innigkeit und den Reiz unserer religiösen Einrichtungen wahrhaft erkennen. Zur Geschichte der russischen Juden m 19. Jahrhundert. Von Leon Scheinhaus-Memel. (Fortsetzung.) Außer den äußeren Kalamitäten, die eine Vermehrung der Erpressungen brachten und auch die gewünschte Ausführung des Schulgesetzes so heftig gefährdeten, waren es Hindernisse innerer. Natur, die Dr. Lilienthal zwangen, seine besseren Erwartungen aufzugeben. Gleich beim Beginn des Unternehmens hatte ihn das Ministerium der Volksaufklärung autorisiert, „sich mit den berühmtesten jüdischen Männern Deutschlands in Verbindung zu setzen, um die Anzahl derjenigen zu ermitteln, die einen Ruf an die neu zu errichtenden Schulanstalten annehmen würden. Bald trafen auch durch die gütige Verwendung der DDr. Philippson, Jost, Geiger, Mannheimer, Auerbach u. dergl. die Namen von über 200 Männern ein, die unter günstig gestellten Anträgen einwandern und die zu errichtenden Stellen einnehmen wollten".^) Die erprobten jüdischen Pädagogen aus dem Kreis der deutschen Schulmeister, die reiches jüdisches Wissen mit allgemeiner Schulbildung in sich zusammenfassen, wären die richtigen Pioniere der Kultur am rechten Ort und den zukünftigen russischen jüdischen Mentoren bahnbrechende Vorbilder geworden. Die russische Regierung hätte entschieden die schönsten Resultate für das jüdische Schulwesen von der Berufung deutscher Ordner und Bildner gezogen. Als aber die Schulen eröffnet werden sollten, trat die Regierung von ihrem Vorhaben zurück. Sie konnte es nicht mit ihrem System der Russifizierung vereinbar finden, jüdische Lehrer aus Deutschland zu berufen, und beschloß, die jüdischen Schulen ohne deutschen Einfluß zu gründen, die I. Klasse nach Muster der allgemeinen parochialen Schulen, die II. nach Art der Kreisschulen, und die Rabbinerschulen nach Muster der Seminare für kirchliche Theologie.^) Die Nachfolger des Grasen Uwarow teilten zwar im Ganzen seine Anschauungen; es fehlte ihnen aber jene Energie und jener Eifer, die dem Initiator eigen waren. In einem Punkt sind sie dem Meister sogar zu beharrlich gefolgt: in den Grundlagen zur Aufklärung der Juden, die anfangs der 40 er Jahre entworfen waren (nur längere Zeit geheim und unveröffentlicht gehalten und auch Dr. Lilienthal unbekannt), finden wir die Meinung Uwarows, daß die spezifisch jüdischen Fächer nach Möglichkeit eingeschränkt werden sollen, „die jetzige Lehrweise des jüdischen Glaubens durch einen Katechismus zu ersetzen, den Talmud nur zum Schein einzusühren, die religions-philosophischen Kommentarien bei der ersten Möglichkeit auszuschalten"?o) An diesen Zielen einer Gegenwirkung auf die religiösen Begriffe der Juden hielt das Volksausklärungs - Ministerium fest. Im Jahr 1846 und später wurden eine Reihe neuer Bücher zur jüdischen Glaubenslehre verlegt, die Stellen ausschließend, die angeblich mit den „schädlichen" Talmudlehren durchdrungen sind. In den nächsten Jahren ließ das Ministerium Auszüge aus Bibel, Talmud und Maimonides, ein Gebetbuch und Alphabet mit grammatikalischen Uebungen neu drucken, woraus aus der Lichtsteuer mehr als 200 000 Rubel verwendet wurden, und machte die Bücher in den Schulen und Chedorim obligatorisch. Der Gedanke an sich, den religiösen Unterricht in den jüdischen Schulen systematisch anzuordnen, verdient volle Aufmerksamkeit, aber leider fand das Ministerium damals unter den Juden selbst nicht die geeigneten Männer zur Durchführung eines so wichtigen Unternehmens. Die wenigen russischen Juden (Dr. Mandelstamm), die das Ministerium dazu berief, und deren Verlagsthätigkeit scharfe und bisweilen begründete Vorwürfe hervorries, blieben ganz unter dem Einfluß der Regierung, unter dem Bann eines außerjüdischen Prinzips religiösdogmatische Bücher herauszugeben, zu kürzen und zu „verbessern". Es war ein in der Geschichte bisher seltenes Beispiel, der Versuch seitens des Staates, sich mit Erforschung der Quellen der Glaubenslehre einer in seinem Gebiet wohnenden Nationalität zu befassen, mit dem ausgesprochenen Zweck, das zu „verbessern", was in diesen Quellen dem Ministerium unrichtig und überflüssig erscheinen würde. Ein derartiger Versuch war im Voraus zum Mißlingen verurteilt. Und in der That, die von dem Ministerium herausgegebenen jüdischen Werke haben niemals die Sympathie der Juden gewonnen, die meisten Lehrer haben ihre Anwendung gemieden. Der letzte Beweis, wie wenig diese Bücher den Anforderungen der Beteiligten genügten, ist die Thatsache, daß außer dem Pentateuch in russischer Uebertragung, der später erschien, alle anderen Ausgaben Dr. Mandelstamms heute längst vergessen und vollständig außer Kurs gesetzt sind.^) Bedeutend hemmte das Gedeihen der Schulen und die Verwirklichung ihrer Ziele die ungeeignete Zusammensetzung der Lehrerverwaltung. Zunächst waren schon die Inspektoren Christen; die Direktion der Volksschulen ernannte dazu parochiale Lehrer, den Abhub der Kreisschulen, Reserveoffiziere oder zurückgesetzte Polizeibeamte, die durch Fürsprachen die es) A. Z. d. I. 1842 Brief Lilienthals Nr. 41. 69) Zederbaum im Jahrbuch (1881) nbnp pl4. 70) Bramsohn a. a. O. p. 316. 70 Bramsohn a. a. O. 317—8.

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