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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · p. Seite 165

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
Seite 165 (sequence 5)
Language
German
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T Nr. 11. Israelitische Wochenschrift. Seite 165. ist keine neue Erscheinung, und von der gesamten Thätigkeit der antisemitischen Abgeordneten ist die im Dienst jüdischer Journalisten ausgewendete weitaus der anständigste Teil. * * * (Verhaftung.) Zur Konitzer Affaire ist wieder eine Verhaftung zu melden. Bei dem Polizeipräsidium von Berlin war früher ein Agent Schiller beschäftigt. Dieser stellte sich, als die Konitzer Angelegenheit alle Welt zu beschäftigen anfing, in den Dienst von Zeitungen, verließ die Polizei und ging als „Berichterstatter" nach Könitz. Seitdem wurde er in dieser Sache oft genannt, zuletzt noch im Prozeß gegen Moritz Lewy. Jetzt ist er aus Ersuchen der Konitzer Staatsanwaltschaft wegen Anstiftung und Verleitung zum Meineid in Berlin verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Moabit gebracht worden. Die FMilienreliM. (Zum Sabbat-Hachodesch.) Von Rabbiner Dr. B. Seligkorvitz-Cöthen. Mit dem Abschnitt, der uns am Sabbat-Hachodesch verlesen wird, beginnt gewissermaßen ein neuer Charakter der mosaischen Bücher. Bis dahin ist alles Erzählung, alles Geschichte, von eigentlichen Verordnungen kaum die Rede. Mit diesem Abschnitt erst beginnt das eigentliche Gebiet der Verordnungen und Vorschriften. Und was betrifft die erste Verordnung der mosaischen Bücher? Eine Familienfeier. Die Schrift verordnet nämlich, daß für den Zweck des Paffahopsers und des Paffahfestes jedes Familienhaus ein Altar und jeder Familienvater ein Priester sein könne. Diese Verordnung bedeutet gleichsam das Fundament, auf dem das israelitische Leben ausgerichtet worden, sodaß alle Stürme der Weltgeschichte es nicht unterwühlen und nicht untergraben könnten. Das Judentum ist keine Kirchenreligion, sondern eine Familtenreligion. Mit dem kleinlichen, peinlichen, religiösen Ceremoniell, diesem Durcheinander von Gottesdienst und Hausübung verband sich im Laus der Jahrhunderte eine Innigkeit und Anhänglichkeit der Familienglieder, eine Pietät und Wertschätzung des häuslichen Lebens, ein treues Verhältnis und Anschluß der Gemeindegenoffen, die die edelsten Früchte zeitigten. Der schon durch Absperrung und Zurückweisung von außen gebotene Familiensinn erweckte dem häuslichen Leben Sonnenstrahlen, die insbesondere wärmend in das Kinderherz einzogen und ihm die Freitagabende, die häusliche Osterabendseier mit ihrer innigen, sinnigen Verschmelzung von Religionsbrauch und Wohlgenüssen zu unvergeßlichen Erinnerungen stempelten, auch für die Zeiten, in denen eine kühlere Betrachtung Platz griff. Wo aber Pietät ist, da ist auch ein Sinn für Tradition. Denn auf der Vergangenheit ruhen wir. Es gehört zur Pietät, die Vergangenheit zu ehren. Jmpietät aber ist es, die Vergangenheit zu mißachten und nur ein Heute zu kennen und kein Gestern. Denn das ist es, was erst dem Leben Seele verleiht und es voll und warm macht, wenn es vom Hauch der Vergangenheit durchweht ist. Der Sinn für die Vergangenheit gewinnt aber seine feste Form und Heimat in der Sitte. Die Sitte ist der Niederschlag der Vergangenheit im Leben der Gegenwart. Sie ist nicht blos eine Sache der Uebereinkunst, sondern sie hat eine tiefere sittlich-religiöse Bedeutung. In ihr bewahren wir den Zusammenhang der Vergangenheit. Ein Volk ist wie ein Baum. So lange dieser mit seinen Wurzeln fest in seinem mütterlichen Boden haftet, so lange die Aeste und Zweige fest verbunden mit dem Stamm bleiben, so lange wird kein Sturm ihn entwurzeln, so lange wird auch seine Triebkraft die Schößlinge immer erneuern und vergrößern. Ist aber der Boden gelockert, haften die Wurzeln nicht mehr fest in ihm, wie soll der Baum wachsen, wie soll er widerstehen? Ein Spielball des Sturmes, wird er herausgerissen und verdorrt, um von andern vernichtet zu werden. So auch mit einem Volk. Es hat gemeinsame Wurzeln; wer sind aber diese anders, als die Vergangenheit? Die Lehren und Sitten, in denen diese ihre Schicksale ausbewahrt, sind die geistigen Grundlagen, auf denen eines Volkes Stamm emporragt. Die Ideen, von denen die Vergangenheit erfüllt war, der Geist und der Charakter, der sie gestaltete und durchdrang, sind der heilige Boden, auf dem ein Volk stehen muß, um seinen Bestand zu erhalten. Dieser Sinn der Tradition aber stellt sich in erster Linie dar in der Familie, daher ist auch im Judentum die Familienreligion der Unterbau, der fester ist als Granit und Trotz bietet den Zerstörungsversuchen aller Nationen. Diese pädagogische Seite des Judentums, das sich nicht begnügt, schöne Lehren auszustellen, sondern sich bestrebt, durch geeignete und wirksame pädagogische Mittel sich den Herzen tief einzuprägen und durch Gewöhnung in lebensvolle Thaten umzusetzen, ist einer seiner höchsten Vorzüge, der es vor anderen Religionsbekenntnissen auszeichnet. Denn nicht jene Religion erreicht ihr Ziel und erfüllt ihre Aufgabe, die blos gute Lehren im Munde führt, während der Arm gleich zum Schwert greift, sondern die mit einer weisen und religiösen Pädagogik verbunden ist, die nicht blos belehrt, sondern auch erzieht, gegen die zahllosen Versuchungen und Prüfungen des Lebens mit einer siegreichen Widerstandskraft ausrüstet. Sokrates hat die herrlichsten ethischen Lehren verbreitet, denen es aber nicht gelungen ist, die Athener zu ethischen Personen in seinem Sinn umzugestalten. Dem Judentum ist es gelungen, nicht durch bloße schöne Worte und die lautersten ethischen Lehrsätze, sondern durch die pädagogischen Einflüsse der Familienreligion die Volksmassen, die untersten Schichten und die in den letzten Reihen der Gesellschaft Stehenden der Herrschaft der tierischen Instinkte zu entreißen und zu Menschen zu erziehen, die von allen Rohheiten, Wildheiten und Grausamkeiten sich sernhalten. Freilich soll der lebendige Fluß des fortschreitenden Lebens durch die Familie hindurchgehen. Die Familie soll nicht erstarren in religiöser Form und Sitte. Denn das Haus gehört nicht blos der Vergangenheit, sondern vor allem der Gegenwart an. Aber, wenn wir die Pforten des Hauses dem Strom der Gegenwart öffnen, so wollen wir auch daraus bedacht sein, die schützenden Dämme zu bewahren, die den Strom in Schranken halten und ihm seinen geordneten und segensreichen Laus anweisen. Der religiöse Fortschritt besteht

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