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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1901-01-01 · No. 2. (1901) · p. Seite 13

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 2. (1901)
Date
1901-01-01
Page
Seite 13 (sequence 5)
Language
German
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13 traf mich auch dieses Unglück) fand ich in seinen Papieren einen mir vorenthaltenen Brief meines Bruders, in dem er von diesen empörenden Angriffen spricht und in den leidenschaftlichsten Ansdrücken des Schmerzes meinen Mann anklagt, ihm seinen treuesten angeborenen Jünger, seine Schwester, entwendet und verdorben zu haben. Er richtet die bittersten Anklagen gegen meinen Mann und fährt dann fort: ,,Ich nehme Schlafmittel über Schlafmittel, um den Schmerz zu betäuben, und kann doch nicht schlafen. Heute will ich soviel nehmen, dass ich den Verstand verliere. . . .“ Wer auch der anonyme Briefschreiber gewesen sein mag, er muss sich jetzt sagen, dass er das edelste Herz gebrochen bat — vielleicht war er sich der Tragweite seiner Handlungen nicht bewusst. Da mein Bruder in Turin so vollkommen allein war, so ist über den weitern Verlauf Vieles nicht mehr genau festzustellen. Am G. November schreibt er, dass seine Lebensgeschichte (Ecce hoirio). die er Anfangs — wie erwähnt — nur für sieb und höchstens noch für mich niederschreiben wollte, sogleich gedruckt und in vielen Tausenden in mehreren Sprachen veröffentlicht werden sollte. Wahrend die erste Hälfte noch ganz von dem glücklichen Geist jener goldenen Herbsttage erfüllt ist, kommt später ein gereizter Ton hinein, der sich hauptsächlich in den feindseligsten Ausfällen gegen Deutschland, die Deutschen und den Antisemitismus äussert. A11 welchem Tage nun äusserlich die Störung seines Geistes ausgebrochen sein mag, kann nicht mehr genau festgestellt werden; jedenfalls war es in den letzten Tagen des Monats Dezember 1888. Plötzlich ist er bei einem Ausgange in der Nähe seiner Wohnung niedergestürzt, ohne dass er sich selbst wieder zu erheben vermochte. Sein Hauswirth findet ihn und führt ihn mit grosser Mühe nach seiner Wohnung hinauf. Ziemlich zwei Tage lang hat er dann, fast ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu reden, auf dem Sofa gelegen. Als er aus diesem lethargischen Zustand erwachte, zeigten sich deutlich die Spuren geistiger Erregung und Verwirrung; er sprach laut mit sich selbst, sang und spielte ungewöhnlich viel und laut, verlor den Begriff für den Werth des Geldes und beschrieb einige Blätter mit seltsamen Phanthasien, in denen sich die Sage des Dionysos-Zagreus mit der Leidensgeschichte der Evangelien vermischten. Der von seinen Feinden zerrissene Gott wandelt neu erstanden an den Ufern des Po. Seine Freunde und Nächsten sind ihm zu Feinden geworden, die ihn zerrissen haben. Diese Blätter wenden sich gegen Richard Wagner, Schopenhauer, Bismarck, Prof. Overbeck in Basel, Frau Cosima, meinen Mann und mich. Während dieser Zeit Unterzeichnete er alle Briefe mit ,,Dionysos‘‘ oder: ,,der Gekreuzigte.“ Kritik und Tradition. Von Kircheimith I) r. T11. Krön er in Stuttgart. X Jesajah, Kapitel 1. Vers 17. הדלו הרע ,,Höret auf Böses zu tkun.“ In dieser Mahnung, die alle die vorhergenannten rein negativen Weisungen abschliesst, sieht Cheyne nach Duhm eine der Sprache und der Denkweise des Jesajah fremde abstrakte Redeweise und eliminirt sie ans seinem Texte. Eine Kritik, welche auf solche subjektive ästhetische Urtheile baut, ist schwer zu widerlegen und leicht vorzunehmen. Was ist denn eigentlich, so muss man verwundert fragen, in diesen Worten Abstrakteres als in den Worten הסירו רע מעללירם? Ainu־ gerade diese Art der Kritik zeigt wie unberechenbar ein subjektives Empfinden ist. Vers 17. אשרו המוץ Diese Worte machen in der That einige Schwierigkeiten. Das Zeitwort אשר im Piel bedeutet ,,eine gerade fortschreitende Richtung einnehmen bei seinem Wege“ Prov 23. IG. ,,einen fortschreitenden Weg führen“ Jes. 9,15. ,,als einen Fortschreitenden anselien •und nennen“ Mal. 3,12, Ps. 12,17; Provrb. 34,28. Jemandem zu einer Förderung seiner Habe, seiner Macht helfen, ihn fordern!‘ In diesem Sinne ist es auch synonym und synthetisch-parallel zu דרשו משפט, zu שפטו יתום, zu ריפו אלמנה. Denn alle diese Zeitwörter bezeichnen die helfende, wohithuende, zum Rechten verhelfende That, wie man sie von Propheten. Richtern, Führern des Volkes, erwartet. Nun aber חמדן, nach seiner Stellung muss dieses Wort, synonym und parallel zu יתום und אלמנה, eine Gattung Ohnmäehtiger, Hilfsbedürftiger, Wehrloser bezeichnen. Das Wort kommt aber in dieser Bildung nicht mehr nn biblischen Schriftthum vor; wohl in der Form חומץ Ps. 71,4, wo es mit מעול synonym den Gewaltthätignn. den Erpresser bezeichnet. Stände חמדן (Cliamüz) als Part, passe, so würde das Wort sofort verständlich erscheinen; es bezeichnete dann den .,Gepressten, Bedrängten, Gedrückten, den in seinem Fortschreiten l>ehinderten“. Aber die Forip, .Qhainpz^al.^ Passivum •^r fassen! König' in seinem Lehrgebäude Hälfte II, Tlieil IS. 124 fasst unser Wrort im Sinne von violentiae plenus et simul expromptor als ״Gewaltthätiger, Vergewaltiger“. Aber die Aufgabe, den Vergewaltiger auf gerade Bahn zu führen, ist nicht parallel zu der. der Witiwe und Waise zu helfen. Das führte auch Cheyne dazu, den massoretisclien Text, den einige durch das Auffassen von אשרו gleich אפרו ,,bindet, fesselt״, zu verteidigen suchten, nicht festzuhalten und statt אשת die Lesart יפרו zu setzen. Gesenius, Ewald. Drechsler fassten die Stelle wie König: ,.leitut den Gewaltthätigen“. Und doch hat das Targum רה רה זבו דאניפ" Ibn G’anach in seinem פפר הש*רשים (Berlin 1899 ed. Bacher) S. •IGO die Erklärung הוליבו בעשוק. Rasclii, Kimchi, Malbim die Erklärung גזול. also alle diese Erklärer fassen Chamöz wie Chamüz. Es stehen sich also traditionelle Uebersetzung, traditionelle Grammatik und moderne Spracht! nschauung gegenüber. Vielleicht dürfte aber gerade hier recht deutlich der Beweis geliefert werden können, dass die echte Wissenschaft nicht Regeln aufstelle, 11111 mit ihnen die Tradition umzustossen, sondern aus der Tradition richtige Regeln aufstellen lerne. Gleich neben המרץ steht יתום. Dieses Wort hat die ganz gleiche Verbalform oder Nominalform, die auch der Infinitiv hat und bezeichnet eine in einem Zustande des Leidens befindlichen Person, nicht eine thätige. Warum soll denn nun auf einmal המוץ, das ganz gleich gebildete Wort, eine thätige Person bezeichnen? Und dann! Ist nicht der

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