Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 2. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
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Hiob das grossartigste Gemälde von Weltelend und Mensclienjammer vor unseren Augen auf. Und wie ^.gar oft klingen mitten durch den vollen und reichen m-Chor der Psalmen schrille Dissonanzen tliränenvoller Klagen über die Uebel in der Welt. Aber seiner ganzen sittlichen Stimmung, seiner religiösen Ueberzeugung• nach ist das Judenthum optimistisch. In seiner festgeschlossenen Lehre von dem einigen Gotte und einer sittlichen Weltordnung giebt es keinen Raum für ein blind waltendes Schicksal. Das Schöpfungswerk wird als ein Werk Gottes mit den Worten: ,.Und siehe, es war sehr gut“ zum Bilde vollkommener Harmonie gestempelt. Das Leben fordert seine Rechte und das Judenthum leitet zur Klarheit und Bestimmtheit der Lebensauffassung an. Sein religiöses und sittliches Ideal ist daher die fortschreitende moralische und geistige Erkenntniss und die praktische Pflichtübung. Das pessimistische Yerschwimmen im Wahne des süssen Vergessens des Menscheneiends schafft dagegen kein sittliches Ideal. Es bietet höchstens Illusionen, die aber vor der rauhen Wirklichkeit nicht Stand halten. In der zweiten Periode verwirft Nietzsche den Pessimismus. Er hält Schopenhauer und Richard Wagner für eine Gefahr für die europäische Cultur, N ־-.da sie nur Schwächlinge und Lebensmüde schaffen, und würdigt darum die Juden, die als die stärkste, zäheste und reinste Rasse auf Grund des kräftigen Geistes des alten Testaments das Leben bejaht. Der Unterschied zwischen dem Standpunkt des Judenthums und dem Nietzsche’s ist aber unverkennbar. Während re das Judenthum die Lebensbejahung aus der religiösen A■ und moralischen Quelle eines lebendigen Gottesglaubens f und einer sittlichen' Weltordnung schöpft, entspringt dieselbe bei Nietzsche seiner erwachten schäumenden Daseinslust, seinem wildgährenden, tobenden Lebensdränge,' der alle heiligen Bande, Institutionen und Ideale: Religion, Ehe, Recht. Cultur und Wissenschaft zerstört. Auf diesen Trümmern erhebt sich der ,,Uebermensch“, eine Rasse von Adligen, denen gegenüber die Anderen Dienende. Herdentiere sind. Gut heisst dann vorn e h m un d schlecht: g e r i n g, niedrig. Durch den Sklavenaufstand wurden diese Begriffe umgekehrt. Gut liiess von nun an tugendhaft und böse lasterhaft und so verfielen allmählich die ursprünglichen Ueberlnensclien, die Macht. Kraft und scliranklosen Lebensdrang in sich vereinten. Darüber erhebt Zarathustra seinen Weheruf. Bedenkt man aber die Niedertracht und die Yerfolgungssuclit der Menschen gegen einander, so ist es nicht zu verwundern, wenn ein Nietzsche an allen Idealen verzweifelte. Wir können aber aus ihm lernen, dass wir uns zu einer höheren moralischen Ueberart hin aus sehnen sollen — ,,der Weg des Gerechten ist wie anbrechend Licht, immer heller strahlend bis zur I Mittagshelle der Erleuchtung“. 2. Nietzsche, ein Opfer des Antisemitismus. Aus einem von Nietzsche’s Schwester, Erau Elisabeth Förster, in der ,,Zukunft“ (No. 14 Jhrg. 1900) veröffentlichten Aufsatze über Nietzsche’s Krankheit, geht geradezu hervor, dass Nietzsche ein Opfer des Antisemitismus geworden. — Sie weist daselbst zunächst .nach, dass von einer erblichen Belastung bei ihm nicht die Rede sein könne, ,,denn wir stammen von väterlicher und mütterlicher Seite aus kerngesunden Familien.“ Dass deshalb, weil der Yater in Folge seiner Kurzsichtigkeit eine steinerne Treppe rücklings in den gepflasterten Hof hin unter stürzte und infolge dieser Gehirnerschütterung nach elf monatlicher Krankheit starb, ihr damals ö Jahre alter Bruder erblich belastet sein müsste, sei doch ein vollkommener Fehlschluss. ,,Würde man etwa von erblicher Belastung reden, wenn ein Mann an den Folgen eines Beinbruchs stürbe und sein Sohn im spätem Leben ebenfalls einen Beinbruch erlitte Ueber die Veranlassung zum Ausbruch der Katastrophe äussert sich die liebevolle Schwester wie folgt: ,,Nach dem unglaublich arbeitreichen Frühling und Sommer 1888 ging mein Bruder im Herbst wieder nach Turin, das ihm vom Frühjahr her in der schönsten Erinnerung geblieben war. Hier fühlte er sich ausserordentlich glücklich. Er schrieb mir Anfang Oktober einen ganz begeisterten Bericht von Turin und fährt dann fort: ,,Ich schreibe in diesem goldenen Herbst, dem schönsten, den ich je erlebte, einen Rückblick auf mein Leben, nur für mich selbst u. s. w.“ Und die ersten Kapitel des Ecce liomo tragen auch einen dieser Stimmung entsprechenden Charakter. In diese glückliche Herbststimmung hinein fielen zwei Angriffe gegen meinen Bruder; der eine von überraschender Taktlosigkeit, der zweite aber von einer Bosheit, wie man sie eigentlich für unmöglich halten sollte Ich will sie nur andeuten. Der erste Fall betraf seinen eigenen Verleger; Herr E. W. Fritzsch in Leipzig hafte gestattet, dass in seinem Musikblatt ein Angriff gegen meinen Bruder veröffentlicht wurde, der niedrige Insinuationen und Unwahrheiten enthielt. Also der eigene Verleger hatte nicht einmal so viel Achtung vor einem Autor seines Verlages, um ihm diesen Angriff zu ersparen! Mein Bruder fühlte sich auf das Tiefste gekränkt und in der Ferne so machtlos und ungeschützt einem Angriff gegenüber, der sozusagen aus dem eigenen Lager kam. Der andere Angriff ging von antisemitischer Seite aus. In einigen anonymen Schreiben wurde auf wahrhaft raffinirte Weise meinem Bruder der Glaube beizubringen gesucht, als ob mein Mann von Südamerika aus einen gegen den ,,Zarathustra“ gerichteten Artikel geschickt hätte und als ob dieser nur mit seiner und sogar mit meiner Billigung in einem antisemitischen Blatt zum Abdruck gelangen solle. Der anonyme Brief Schreiber wollte sich für einige judenfreundliche und antisemitenfeindliche Bemerkungen meines Bruders rächen; und um dem Einsamsten der Einsamen zu zeigen, dass er selbst die Wenigen verloren habe, die seinem Herzen nahe standen, schrieb er ihm diese boshaften Erfindungen. Mein Bruder fühlte sich tötlich verletzt. Mit keinem Menschen konnte er sich in seiner Verlassenheit aussprechen. Und diese antisemitischen Angriffe müssen sich wiederholt haben — schliesslich brachen sie ihm das Herz. Erst nach dem Tode meines Mannes (5 Monate nach der Erkrankung meines Bruders