Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 2. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
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11 mit Förstern, die das Fällen der Baume gewerbsmässig betreiben, mit der Verleihung von Wasserrohren und Wassereimern, mit dem Ertrage geschäftsmässiger Uebersetzungen, mit den Geschäften mit Waisengeldern und überseeischen Werthen.46) Hingegen nehmen Buchhändler und Schreiber heiliger Schriften eine bevorzugte Stellung ein, wenn sie gottgefällig und menschenwürdig in Handel und Wandel sind.47) Musste doch auch ein Gottesgelehrter sich der Schreibekunst befleissigen und sich die Fähigkeit an eignen, den Segen bei Trauungen zu sprechen und sonstige rituelle Handlungen vorzunehmen.48) Auch anderweitige Arbeiten übernahm der Gottesgelehrte gern, wenn die Bewohner der Stadt ihn mit solchen betraut hatten 49) Nach der Lehre Simon II, des Gerechten, eines der letzten unter den Männern der grossen Versammlung und eines der ersten unter den Tanaim (219 ante), der mit dem Diadem der Hohenpriesterwürde die Krone der Wissenschaft verband, hatten die Gottesgelehrten die Gemeinde auf drei Pfeilern errichtet: auf Gottes wort, Gottesdienst und hülfreicher Men schenthat.50) Die Anhänger der Gemeinde hatten aus der Gotteslehre die Kraft gewonnen, das Recht zu begründen, in der gottesdienstlichen Gemeinschaft die Wahrheit zu erkennen und durch Wohlthätigkeit den Frieden zu stiften. Und Wahrheit, Recht und Frieden bilden das Verhältniss R. Simon ben Gamaliels’, des Tanaiten und Synedrialmitgliedes, um nach der Zer- Störung des Tempels (70 post) die Gottesgemeinde zu erhalten.51) Während des Bestandes des Tempels blühte das Kunstgewerbe im Heiligthume. Berühmt wurden trotz aufänglicherVerkennungdie Bäckerei desHausesGorino durch Lieferung der Schaubrode, das Haus Abtinas durch die Parfümerie bei Lieferung des Weihrauchs und Hogros Sohn Levi’s durch Leistungen auf dem רז רז Gebiete der Vokal-Musik im Heiligthume.52) Der Stamm Levi war auch auf dem Gebiete der Instrumental-Musik bekannt53). Im Dienste des Heiligthums standen auch Weber,54) welche die Aermel an den Priestergewändern woben, und Musterzeichner für Vorhänge.55) die Schriftsetzer für gottesdienstliche Schriftheiligthümer; BenKamzer, welcher sich geweigert hatte seine Kunst zu lehren, wird in folge dieser Weigerung nur unglimpflich genannt.56) Unter weitliehen Arbeiten des Kunstgewerbes wird von den Talmudweisen die Stickerei als reines und leichtes Kunsthandwerk empfohlen.57) Von den Handwerkern galt im Allgemeinen die Norm, dass ihnen an vertraute Objekte als die eines Verwahrers für Entgelt (Schomer Sachar) betrachtet wurden. Die verwahrten Gegenstände mussten daher von den Arbeitnehmern nur in dem Falle erstattet werden, wenn sie entwendet wurden, aber nicht wenn sie unbrauchbar wurden oder in Verlust gerathen waren.58) Veränderungen, welche der Arbeitnehmer ohne Auftrag und zum Nachtheile des Arbeitgebers vorgenommen 46) Pesacliim 60b. 47) das. 48) Chalin 9 a. 49) Joma 72b. ß0) Pirke Aboth 1,2. 51) Pirke Aboth 1,18. 52) Joma 38a und b. 53) Kelim 24,14. 54) Joma 72b. 55) Joma 72b (Exodus 26). 56) Joma 38b. 67) Berachoth 33b. 58) Baba Mezia 80b, Exodus, 22, 9—13. (Raschi z. St.) hatte, fielen, ebenso wie die Pachtungen von Feldern und Bauunternehmungen, dem Arbeitnehmer zur Last.59) Lehrherren, welche keine Religion hatten, wurden zur Unterweisung im Handwerk oder für den Wissenschaftliehen Unterricht Lehrlinge nicht übergeben.60);Schluss folgt.) Etwas über Friedrich Nietzsche. I. Nietzsche s Weltanschauung und die biblische* *), Nietzsche hat den Denkenden und Wissenden seiner Zeit mit seiner Weltanschauung schwere Räthsel aufgegeben. Unter seinem dröhnenden Schreckens- und Wehruf über den Verfall der ursprünglichen Natur der Menschen hat man das Gefühl, als ob Lawinen von den Gletschergebirgen herabstürzten, gewaltige Krater aufbrächen, Gluthströme und Schneemassen die Thäler der Kultur, die so viele Generationen angepflanzt, in einen Schutthaufen, in ein ausgebranntes, eisstarrendes Chaos verwandeln sollten. Aber Nietzsche will nicht die Verwüstung, er ist kein Herostratus, der aus eitler Selbstgefälligkeit den Tempel der Menschenkultur mit den Flammen seiner Kritik der Moral und Sitten in Brand stecken möchte, sondern er will aus dem Chaos angeblich gesunde Keime zu ausserartigem Blühen und Wachsen herauflösen; er will auf den Trümmern einer unter ihrem Glauben, ihren Sitten und Anschauungen verkümmerten Menschenwelt eine neue urgesunde und urkräftige aufrichten, die von keinen Vorurtheilen eingeengt, sich ungehindert voll und ganz auslebt. Diese neue Menschen weit, oder doch eine u Klasse derselben, die dann die ,,,Uebeivnyezisv'heo^ - miU"T fasst, soll sein wie ein Urwald mit starken, knorrigen Baumriesen, starke gesunde Menschen, markig und / kraftvoll, mit Macht und Besitz ausgestattet, die selber die Tafel der Moral- und Kulturwerthe bestimmen. Das wäre dann die ,,Herrenmoral“ gegenüber der hergebrachten ,,Sklavenmoral“ der grossen Menge. Mit dieser Lebensanschauung hat Nietzsche auf Kunst und Litteratur der Gegenwart, besonders auf dramatische und belletristische Werke einen grossen Einfluss geübt. Es lassen sich aber in Nietzsche’s geistigem Schaffen im Grossen und Ganzen zwei Perioden unterscheiden. In der ersten Periode schliesst er sich mit Begeisterung Schopenhauer und Richard Wagner an. Beide sind ihm die modernen Repräsentanten des altgriechischen Geistes in der Tragödie; jener durch seine tragische Philosophie des Pessimismus, dieser durch seine tragischdithyrambische Musik. . Wie nach Schopenhauer das Mitleid den ,,dummen Willen zum Leben“ aufhebt, so vermittelt uns die Kunst, speziell die Musik (Richard Wagners) den süssen Wahn des Vergessens des Weltleidens. Diese Ideen stehen mit der biblischen, beziehungsweise mit der Weltanschauung des Judenthums in hellstem Widerspruch. Zwar zieht dieses das Weltelend und das Menschenelend sehr ernstlich in den Kreis seiner Lebensbetrachtung. Rollt doch das Buch 59) Baba Kama 39a. 60) Aboda sarab 16b. *) Gedankengang eines von Herrn Dr. Ludwig Pick aus Berlin in Magdeburg gehaltenen Vortrages über obiges Thema. (Rd.)