Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 153 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 10. Israelitische Wochenschrift. Seite 183. Natur. Der langwierige Kampf ums Recht, die nie aufhörenden neuen Zurücksetzungen ließen wieder die Bedenken auskommen, ob nicht auch die Einrichtung der Schulen doch böse Absichten enthalte. Es war nicht glaublich, daß dieselbe Regierung mit der einen Hand begnadigt, mit der andern mit Plagen heimsucht; es ist aber wirklich so gewesen: ausrichtig wollte die Regierung die Juden ausklären und veredeln, aber statt der vom Grafen Uwardw empfohlenen Uebereinstimmung aller Verwaltungsteile in Bezug auf die Juden, hat die Regierung in der Umgestaltung ihrer ökonomischen Lage einen ganz anderen Weg, den der Unterdrückung und mannigfachen Beschränkung eingeschlagen. Jede neue Einschränkung, jede neue Serie von Unterdrückungen waren daher nicht ohne böse Wirkung aus das Geschick des kaum ins Leben gerufenen Schulwesens. Und hier begegnen wir auch der sonderbaren Thatsache, daß die beiden Männer, die die Hauptschöpser dieses Schulgesetzes waren, von der Bildfläche verschwinden, bevor das neue Schulgesetz seine Anwendung findet. In den ersten Jahren der Errichtung der Schulen verläßt Uwarow selbst seinen Posten — zwar nicht wegen Meinungsverschiedenheiten in jüdischen Kultursragen, sondern aus anderen Ursachen allgemeinen Charakters. So ging bald die Leitung dieser neuen und weitverzweigten Kulturbewegung, die Verwaltung der jüdischen Schulen, in die Hände von Männern über, die an der Initiative für die Organisation keinen Teil gehabt. Dr. Lilienthal, der mit begeisterter Hingebung für die geistige Hebung seines Volkes wirkte und schon die Schranken gefallen glaubte, sah seine Hoffnungen fehlschlagen, seine idealen Erwartungen durch Enttäuschungen entweiht, und gedachte der ernsten Worte, die er in gehobener Stimmung seinen Glaubensgenossen in Wilna zu Anfang seiner Kulturreise zugeschworen hatte. Mit dem Gefühl des Unbehagens quittierte er den russischen Staatsdienst und wanderte Ende 1845 nach dem freien Amerika, wo er ein Rabbinat annahm und als hervorragender Kanzelredner in New-Aork und später in Cincinnati fungierte. An seinen Freund Dr. Rottenberg in Berditschew (auch ein Ausländer) schrieb cr den Grund seiner Abreise in kurzen Worten: „Ich verlasse meine elenden beklagenswerten Glaubensgenossen, denen ich nicht zu helfen vermag, um nach den Freistaaten zu meinen frei lebenden Brüdern überzusiedeln".(Fortsetzung folgt.) (Sfiicröltifrfiiinroliiiig der israelitischen Lehrer ii» ehemaligen Herzogtum Uaffa«. Zu der am 20. November v. I. in Ems abgehaltenen Generalversammlung des ^Vereins israelitischer Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau waren die meisten seiner Mitglieder erschienen, außerdem die Herren Bezirksrabbiner Dr. Silberstein-Wiesbaden,; Dr. Landau-Weilburg und Dr. Weingarten-Ems, sowie der Präses der Kultusgemeinde in Ems, Herr Thalheimer. Die Sitzung begann nachmittags 3 Uhr. Der erste Vorsitzende des Vereins, Kollege Traub-Wiesbaden, richtete herzliche Begrüßungsworte an die Versammelten und er- 67) S- L. Citron a. a. O. p. 24 und Bramsohn a. a. O. p. 311. stattete den Geschäftsbericht, aus dem ersichtlich wurde, daß die vor Jahresfrist ins Leben getretene Pensionskaffe des Vereins — dank den Bemühungen der Wiesbadener und einiger auswärtiger Kollegen — bereits über einen bedeutenden Fonds verfügt. Ein von dem Vorsitzenden verfaßter Aufruf an die israelitische Einwohnerschaft Wiesbadens bezw. Nassaus zu freiwilligen Beiträgen habe einen über alle Erwartung günstigen Erfolg erzielt. Fast 200 Mitglieder der israelitischen Gemeinde Wiesbadens, der sich auch Auswärtige anschlossen, sind der Pensionskaffe als außerordentliche Mitglieder mit Jahresbeiträgen von nahe an 2000 Mk. beigetreten. Eine nicht unbeträchtliche Summe sei der Pensionskasse durch einmalige Zuwendungen zugeführt worden. Der unantastbare Fonds verfüge bereits über ein solches Kapital, daß der Bestand der Kaffe als gesichert betrachtet werden könne, und diese in der Lage sei, schon im nächsten Jahr vorkommenden Falls Ruhegehälter bis zum Betrag von 250 Mk. zu bieten. Wenn man berücksichtige, daß die ordentlichen Mitglieder jährlich nur 5 Mk. Beitrag zu leisten haben, daß der Verein eigentlich erst seit 2 Jahren ins Leben getreten sei, so könne diese Leistungsfähigkeit geradezu als einzig bezeichnet werden. Die von ihm - er dürfe dies wohl sagen — mit aller Sorgfalt und Vorsicht entworfenen Vereinssatzungen seien schon in der Generalversammlung vom 10. Juni v. I. zur Begutachtung vorgelegt worden, und er habe die Befriedigung gehabt, daß sämtliche von ihm aufgestellten Paragraphen ohne irgend wesentliche Abänderungen bestätigt worden seien; er habe inzwischen eingetretener veränderter Verhältnisse halber noch weitere zwei Paragraphen eingefügt, und bitte hierzu um so dringender um die Zustimmung der Versammlung, als es sich um vermögensrechtliche Fragen handle. Die Vereinssatzungen habe er einem anerkannten Rechtskundigen zur Begutachtung vorgelegt und dieser habe sie als mit den Bestimmungen des bürgerlichen Gesetzbuchs übereinstimmend befunden. Er werde sie nunmehr redaktionell ausarbeiten und sie dem Wiesbadener Amtsgericht zur Eintragung ins Vereinsregister einreichen; ist diese erfolgt, so wird einem jeden Mitglied je ein gedrucktes Exemplar der Vereinssatzungen zugestellt werden. Im weitern Verlauf seines Jahresberichts spricht der Vorsitzende den drei Herren Bezirks-Rabbinern den Dank dafür aus, daß sie mit so vielem Interesse die Bestrebungen der nassauischen israelitischen Lehrer fördern und ihnen ein so hohes Maß von Wohlwollen entgegenbringen.^ Schließlich gab er dem Wunsch Ausdruck, daß gegenseitige Achtung und Brüderlichkeit die Mitglieder des nassauischen Lehrervereins beseele, daß sie alle von dem Gedanken einheitlichen und solidarischen Zusammenwirkens geleitet sein möchten. Die Versammelten waren dem Bericht mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt. Kollege.Katzenstein - Schierstein sprach^ dem Vorsitzenden und dem Gesamtvorstand Anerkennung aus für die umsichtige und mühevolle Leitung der^Vereinsgeschäfte und für die Verdienste, die sie sich um den Verein erworben. (Als Zeichen der Zustimmung erhoben sich die Mitglieder von ihren Sitzen.) Hierauf wurden die Vereinssatzungen nochmals durchberaten und en bloc angenommen. Herr Bezirks-Rabbiner Dr. Silberstein sprach sich in meisterhafter Rede über das Wesen, die Bedeutung^und die Ziele der jüdischen Lehrerkonferenzen aus. Seine geistreichen Ausführungen ließen den gewandten Redner und den trefflichen Pädagogen erkennen; seine fachmännischen Erläuterungen machten einen überzeugenden Eindruck auf die gesamte Zuhörerschaft, seine gedankenreichen Worte verliehen der Versammlung^so^zu sagen eine gewisse Weihe. Ueber das Verbandsthema („Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Religionsschule als besonderer Unterrichts-