Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 152. Israelitische Wochenschrift, Nr. 10 Schulen für die Juden erforderlich"?") Während seiner Anwesenheit in Warschau 1843, wo der edle Minister sich von den bedeutenden Kultusverbesserungen überzeugte, gab er die Versicherung, daß die Absichten des Kaisers durchaus nur dahin gerichtet seien, eine ihrer Religion gemäße, von keinerlei Proselytenmacherei bestimmte Entwickelung herbeizuführen?') So hätte ja das Gesetz vom 13. November 1844 zu mannigfachen Hoffnungen berechtigt. Viele angesehene Mitglieder mehrerer Gemeinden fanden sich sogar bewogen, ihre Dankbarkeit offenkundig zu bezeugen, und beabsichtigten, dem Kaiser ein großes historisches Gemälde zu überreichen, das zu diesem Zweck bei Prof. Oppenheim in Frankfurt a. M. bestellt ward; dieses Gemälde sollte den Anbruch des neuen Tages symbolisch veranschaulichen??) Aber alle frohen Hoffnungen und glänzende Entwürfe trübten sich; die Regierung selbst hat ihren eigenen Plänen beinahe den Boden entzogen, und daher blieb die Vollbringung ihres Werkes der Bildung hinter den so groß angelegten Entwürfen weit zurück. V. Während die Regierung sich so groß anschickte, ihr Bildungsstreben zum geistigen und bürgerlichen Emporkommen der Juden durchzusühren, ließ dieselbe Regierung zu gleicher Zeit — lediglich aus politischen Rücksichten aus den Handel — ein furchtbares Zwischenspiel eintreten, das den Juden Rußlands wiederum zeigte, daß sie noch nicht aus Meuschenrechte zählen durften. Abgesehen von vielen kleineren Einschränkungen, die schon immer aus der Tagesordnung standen und an die die Juden leider gewöhnt waren, erschien 1813 ein kaiserlicher Befehl, der alle Juden 50 Werst von der preußischen und österreichischen Grenze verbannte; alle Juden, die in Städten, wie die in Dörfern wohnenden, sollten binnen 2 Jahren ihre Häuser verkaufen; in die schon von einer Million Juden bewohnten 17 Gouvernements sollten sie wandern. „Mehr als 360 nicht unbedeutende Städte mit fast ausschließlich jüdischen Einwohnern, befinden sich innerhalb des Rayons, aus dem die Juden nun verwiesen werden sollten, und die müssen alle nach den Oertern des innern Rußland ziehen, um sich ihren tief gebeugten und gedrückten Brüdern als eine neue Last auszubürden"?^) Als Grund des Ukases wurde der Schmuggelhandel bezeichnet. Zutreffend sagt ein Korrespondent der Aachener Zeitung in einem Artikel von der Ostgrenze: „Zugegeben, Tausende von Juden treiben den Schmuggelhandel,' müssen dies dann Hunderttausende büßen? Und schmuggeln denn die Juden als solche oder als Schmuggler? Wer den russischen Tarif kennt, muß zugeben, daß das Schmuggeln eine Folge des Tarifs ist. An allen Grenzen, wo ein hoher Tarif ist, selbst wo nie eines Juden Fuß hingekommen (wie an der finisch-russischen Grenze), wird geschmuggelt"?0 Die jüdischen Grenzbewohner entwickelten mehr Energie, als man erwartet hatte, das ihnen zugedachte Unrecht abzu- 60) Bramsohn (russisch) a. a. O. p. 308-9. 61) Jost, Neuere Geschichte der Israeliten Bd. II p. 312. 62) Jbid. 311. 66) A. Z. d. 1.1843. Korrespondenz aus Brody Nr. 47 p. 699. 64) Jbid. (aus der Aachener Zeitung) Nr. 51 p. 748. wehren. In einem unparteiischen Bericht heißt es hierüber: „In 33 Städten und Flecken der littauischen westlichen Grenze wurden alle gesetzlichen Mittel versucht und alle nur möglichen Wege betreten, um diesen Mas zu mildern; es wurden Deputierte nach Petersburg geschickt, die durch Dokumente und Zeugnisse von den Behörden klar erwiesen, daß unter 100 eingesangenen Schmugglern kaum 5 jüdische waren, daß von den 33 Gemeinden 17 seit 14 Jahren nicht einmal mit eingeschmuggelten Waaren Handel getrieben, gleichsam als hätten sie den tragischen Ausgang geahnt. Was nun das Einschreiben der Plätze anbelangt, wohin die jüdischen Familienväter auszuwandern gedenken, so haben 19 Gemeinden, die von Polangen bis Jurburg, dieser Aufforderung nicht Genüge geleistet. Sie erklärten, daß sie ihren Herd, wo sie geboren und erzogen, als ihre einzige Heimat ansehen, daß sie bei aller Liebe zum russischen Vaterland außerhalb dieses Herds keine Heimat aufsuchen können, und wenn die Regierung über sie ein Exil verhänge, sv möge derselbe höchste Wille auch über den Zielpunkt entscheiden, wo die Heimatlosen ihre Ruhe finden, damit die Nachwelt und die Geschichte nicht sage, man hätte durch eigene Wahl den Ukas seiner Härte beraubt". „Dieser gemeinsame Beschluß von 19 Gemeinden wurde nach Petersburg geschickt. Es ist aber bei dem Juden nicht blos das schauerliche Gefühl der Verarmung und der Heimatlosigkeit, das ihn zu Trauer und Klage stimmt, sondern auch die Aussicht, daß alles, was ihm heilig und wert geworden ist durch die Weihe seiner Religion, nun der Zerstörung und Verödung, der Entweihung und Prosanierung preisgegeben ist. Wie oft habe ich die Juden über den Untergang der schönen Synagogen zu Szalanten, Plungian und Neustadt, über die Entweihung der Gottesäcker, wo ihre Altvordern seit Jahrhunderten ruhen, heiße Thränen vergießen sehen, ohne daß ihnen einfiel, auch nur an das persönliche Elend, an den Bettelstab zu denken! Und zur Ehre der russischen Ortsbehörden muß man es sagen, daß sie diese Trauer, wenn auch nur vom Standpunkt der Zivilisation teilen; sie sehen in diesem Ukas die Verwüstung und Verarmung so vieler Städte und Flecken, da bekanntlich die jüdische Bevölkerung fast immer mehr als die Gesamtmasse der ganzen übrigen Städtebevölkerung ausmacht, und an manchen Punkten ihnen sogar kaum etwas zu verwalten übrig bleiben wird. Diese Bcamtenklasse ist es auch vorzüglich, die die Juden zu Bittschriften und anderen gesetzlichen Schritten ermuntert, und zwar in so teilnehmender Weise, wie man es sich kaum gedacht".66) Ganz Europa hallte wider von allgemeiner Entrüstung. Mehrere Gemeinden Deutschlands, ja sogar einige Fürsten verwendeten sich für die Unglücklichen, einige Einflußreiche in England machten dem Kaiser bei seiner Anwesenheit daselbst Vorstellungen?") Kaiser Nikolaus ließ schließlich Gerechtigkeit widerfahren und Milderungen eintreten, denn die Ausführung der schrecklichen Maßregel stieß auf manche Hindernisse ökonomischer 66) Jurburg in der Allgem. Deutschen Zeitung, von da in der A. Z. d. I. 1843 Nr. 61 und im Rückblick auf das Jahr 1843 von Ludwig Philippson im Jahrbuch für Israeliten von Isidor Busch. 66) Jost I. M. a. a. O. 311.