Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · p. Seite 148

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605303--8078-9605307
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 148. Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. (Utilitätstaufen.) In Potsdam hat ein jüdischer Lehrer ll an der städtischen Gemeindeschule, Silberstein, sich taufen lassen. Ein Stadtverordneter Frölich gab im Stadtverordnetenkollegium der Vermutung Ausdruck, die Taufe sei nicht aus inneren Gründen erfolgt. Dem neuen Christen sei vom Rektor die Erteilung des christlichen Religions-, auch des deutschen Geschichtsunterrichts übertragen worden. Die Frage, ob man einem Neubekehrten den Religionsunterricht übertragen darf, ist ein Jnternum der protestantischen Kirche, das uns nichts angeht. Wir nehmen an, daß der betreffende Rektor die Ueberzeugung gewonnen hat, Herr Silberstein habe sich von den Heilswahrheiten des Protestantismus so durchdringen lassen, daß er sich zum Protestantismus bekannt haben würde, auch wenn er zufällig an einer jüdischen Schule angestellt gewesen wäre. Sonst wäre ja der Täufling ein charakterloser Mensch, sittlich disqualifiziert, ein Lehramt zu bekleiden, und der Rektor machte sich zum Begünstiger der Charakterlosigkeit. * * * (Der allgemeine deutsche Iudentag.) Noch wissen die Erfinder der „Judentag"-Vokabel selbst nicht, welchen Sinn sie dieser „Vokabel" unterlegen sollen — der in voriger Nummer veröffentlichte Entwurf bedeutet in dieser Hinsicht durchaus keinen Fortschritt — und schon wissen die frommen Freunde des Judentums, die uns für die völlige Bekehrung zu Christus die allmähliche Aufnahme in das Deutschtum gnädigst in Aussicht stellen wollen, ganz genau, was der Judentag will und zeigt. In der „Monatsschrift für Stadt und Land" äußert sich Professor D. Martin v. Nathusius in Greifswald darüber wie folgt: „In dem Bestreben, die Unterschiede der Juden von den deutschen Christen zu verwischen, sind alle Freisinnigen mit ihnen einig. Die ganze Gesetzgebung seit 1848 ruht auf der falschen Voraussetzung, daß es den Juden möglich sei, Deutsche zu werden. Die gläubigen Christen haben es immer gewußt, daß ein solches Ausgehen nur aus der Grundlage einer völligen Bekehrung zu Christus, und auch dann nur allmählich möglich sei. Sie haben daher auch die Emanzipation bekämpft. Jetzt zeigt es sich, daß dies richtig war. Die Juden selbst beweisen es. Und die es unter ihnen nicht zugeben wollen, handeln nur im geschäftlichen Interesse. Was Treitschke einst in völliger Unparteilichkeit aussprach, leuchtet jetzt weiten Kreisen ein: die Juden sind unser Unglück. Der Minister spricht es von der Tribüne des Parlaments aus, daß er mit Rücksicht auf das thatsächliche Mißtrauen der Bevölkerung dem Eindringen des Judentums in das Notariat Schranken setzen müsse. Und die großen Prozesse der letzten Zeit bestätigen dies Mißtrauen vollauf. Charakteristisch ist übrigens, was man dem Judentag für Aufgaben stellt. Sein Zweck sei die Wahrung der bedrohten staatsbürgerlichen Rechte, die Neubelebung des Zusammengehörigkeitsgefühls und die Bildung eines berechtigten Selbftbewußtseins unter den Juden. Wie verschieden sich doch die Dinge von verschiedenen Standpunkten aus ansehen! Stöcker ries einst den Juden zu: ein klein wenig bescheidener! — Und sie antworteten mit der Bildung einer Genossenschaft zur Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins. Nichts könnte uns erwünschter sein, als wenn sie zum rechten Selbftbewußtsein gelangten, zum Bewußtsein, daß sie das alttcstamentliche Volk Gottes sind, das seinen Beruf verfehlt hat, so daß der Segen Abrahams, den sie allen Völkern vermitteln sollten, in sein Gegenteil verkehrt werden mußte — und daß sie aus der mit Gottes Fluch beladenen Isolierung nur gelangen können, wenn sie aus dem Alten Testament sortschreiten in das Neue. In gewissem Sinne sind alle Deutschen und alle Christen Antisemiten. Aber derjenige Antisemitismus ist ebenso kurzsichtig wie oberflächlich, der die große Bedeutung der jüdischen Vergangenheit und darum auch ihrer Zukunft verkennt. „Wie der verratene Joses zuerst Herr über Egypten geworden und als solcher Egypten rettete vor dem Verderben, während sein Vater ihn für tot hält und seine Brüder unter dem Fluche ihrer Schu d dahin gehen, so ist auch Christus der Gekreuzigte zuerst ein König der Heiden geworden, während seine Brüder unter dem Banne seines schreienden Blutes mit verzagtem Herzen umherirren. Wenn er aber die Fülle der Heiden in das Reich der Erlösung vom Tode wird eingeführt haben, so wird er sich im tiefsten Geheimnis ohne Beisein eines Fremden seinen Brüdern zu erkennen geben und dann wird ganz Egypten erfahren, daß der Herr Egyptens der Sohn und Bruder Israels ist." So sagt ein hervorragender Theolog zu 1. Mos. 45. Für die Judenmission aber heißt es jetzt: Habt Acht aus die Zeichen der Zeit!" Aus dieses Gemisch von Anmaßlichkeit und sachlicher Unwahrheit einzugehen ist nicht nötig. * * * (Ein neuer Pückler-Prozeß.) Eine Anklage wegen Aufreizung, die in vergangener Woche vor der zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichts I zur Verhandlung stand, richtete sich gegen den Redakteur der „Staalsbürgerzeitung" Johannes Böckler und den Grasen Walter Pückler-Kleintschirne- Es handelte sich um eine Rede, die der Graf Pückler am 14. Dezember vorigen Jahres in einer.Versammlung der antisemitischen Resormpartet in den Konkordia-Sälen gehalten hat. Er sagte dabei unter anderem: Aus jüdische Einflüsse sei es zurückzuführen, daß Präsident Krüger nicht empfangen wurde; in der Regierung, in der Nähe des Thrones wimmele es von Juden, der Bund der Landwirte traue sich nicht an die Juden heran. Er werde vielleicht mal wieder Amtsvorsteher, dann habe ihm keine Polizei etwas zu sagen, dann werde er 24 Centimeter-Haubitzen auffahren und sie aus die Juden abseuern lassen, die Anwesenden möchten dann zu ihm kommen und aus die Juden loshauen, jeder Jude müsse durchgehauen, jeder Zeitungsjude rausgeschmissen werden re. rc. Der Angeklagte Graf Pückler meinte, daß dies Scherze gewesen seien, wie sie in einer Volksversammlung üblich seien. Er habe in jener Versammlung viele Witze gerissen, die kein Mensch für Ernst genommen habe. — Der Angeklagte Böckler hatte den in der „Staatsbürgerzeitung" erschienenen Bericht über jene Versammlung zu vertreten. Für ihn machte die Verteidigung geltend, daß er von dem Bericht erst nach seiner Drucklegung Kenntnis erhalten habe. Er beantragte ferner die Verlesung früher ergangener Urteile,^ durch die Graf Pückler wegen noch stärkerer Ausdrücke freigesprochen worden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.