Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (22.2.1901)
- Date
- 1901-02-22
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Israelitische Wochenschrift. Seite 119. sein, weil selbst da, wo die Staatsökonomie eine Gewährung zu bieten geneigt war, die Staatsreligion sich hindernd zeigte. Man sah die Juden als ein aus den polnischen Erwerbungen überkommenes unvermeidliches Uebel an und suchte ihren Zustand zu verbessern, soweit das der Staatsökonomie nützen und den anderen Rücksichten nicht schaden konnte^). So waren die Rechtsverhältnisse der Juden in Rußland eine Mischung von Billigkeit und Härte, Aufmunterung und Absonderung. Sogar der Versuch wurde gemacht, die jüdische Frage aus einem Weg zu lösen, dessen Ungangbarkeit schon vielmals von der Geschichte nachgewiesen worden, nämlich aus dem Wege der religiösen Assimilation^). Eine steigend ungünstige Stimmung gegen Juden und Judentum machte sich in Warschau geltend. Ein aus Christen bestehendes sogenanntes Jsraeliten-Komitee wurde mittelst kaiserlichen Dekrets vom 22. Mai 1825 in Warschau eingesetzt^). Ein im Jahr 1816 von David Friedländer-Berlin auf Ersuchen des Bischofs Malczewski eingereichtes Gutachten (Ueber die Verbesserung der Israeliten im Königreich Polen, Berlin 1819) — daß die bürgerliche Verbesserung von der Umgestaltung der Religionsansichten und Sitten abhängig sei, daß der Rabbinismus durch Abschaffung aller Autonomie und aller hierarchischen Anmaßung völlig zu lähmen sei — führte 10 Jahre später die Komiteemitglieder zu dem Irrtum3"), „direkt und indirekt dahin zu wirken, daß die Juden dem mündlich überlieferten Gesetz (Talmud), wenigstens einem Teil davon abwendig würden". Die Komiteemitglieder beschlossen zu^diesem Behuf eine französische Uebersetzung nebst Erläuterungen des Babylonischen Talmud, für deren Anfertigung die russische Regierung im Juli 1829 dem aus Italien eingewanderten Abt Chtarini (Mitglied jenes Komitees und Professor an der Warschauer Universität) die namhafte Unterstützung von 12 000 Thaler bewilligte3*). Chiarini zeigte sich der Ausgabe nicht gewachsen und das Unternehmen kam nicht zustande. Allein als Vorläufer dieser angekündigten Version ist von Abbe Chiarini eine „Theorie du judaisme“ angesertigt worden, die im Januar 1830 in 2 Bänden in Paris erschienen ist. Wie Grattauer und Frank für die Deutschen, so hat Chiarini für die Polen Eisenmänger, — diesen Inbegriff aller boshaften Verläumdungen gegen Juden und jüdische Literatur —, volkstümlich gemacht33). Er verschweigt das Gute selbst da, wo es bet Eisenmänger zu finden ist, flicht ganz heterogene Sätze zu einem System zusammen, um die talmudischen Lehrer, die unschuldigen Gründer der Tosaphot, von denen er vermutlich keinen Zug anzugeben weiß, zu mißkreditieren33). Gegen diese neue gefährliche Schmähschrift schrieben sogleich in demselben Jahr die jüdischen Gelehrten, in Deutschland Zunz und Jost, und in Rußland Abraham Stern, der Erfinder der Rechenmaschine, und S. I. Tugendhold sachliche Entgegnungen. 27) Ersch u. Gruber, Encyklopädie, a. a. O. p. 139. 2«) S. M. Dubnow a. a. O. p. 450. 3i) Gesammelte Schriften von Dr. Zunz, I. Bd. (Brl. 1875) p. 273. M) I. M. Jost, Neuere Geschichte der Israeliten II p. 301—2^ f 32) Grätz a. a. O. XI p. 463, 33) Zunz a. a. O. p. 289. Zutreffend sagt Zunz: „Die Juden wünschen ihre Sache den Händen des Staatsmannes, der Sorge der Oeffentlichkeit anvertraut, nicht aber dem mit fertigen Systemen, religiösen Reformen und Zensur heranrückenden Theologen, wohl merkend, daß erst seit Entfesselung des Gedankens ihr Schicksal sich gebessert hat. Die hunderte von Streitschriften gegen die Juden haben bei aller dem Eisenmänger abgeborgten Gelehrsamkeit, bei aller Anstrengung, die der Fanatismus, bei allen W'tz, den der Beistand der Menge erleichtert, der jüdischen Bevölkerung nichts dem Staat Nachteiliges oder gegen die Christenheit verbrecherisch Unternommenes Nachweisen können3^). Gegen die Aufforderung Chiarinis, daß die mündliche Lehre teilweise behalten werden soll, was eine Rückkehr zum Mosaismus, also eine Art Karäertum bedeutet, erwidert unser Historiker: „Von einer Rückkehr der Art hat bis jetzt die Geschichte kein Beispiel auszuweisen, auch giebt es überall nur Fortschritt oder Verfall, keine Rückkehr zum Alten. Die Zahl der Karäer, obgleich der Zeit des werdenden Talmuds entsprungen, blieb von jeher sehr klein, die der Samaritaner ist bald aus Null reduziert; Beweise genug, daß sich kein Volk dem starren Buchstaben leibeigen hingeben läßt. In der That war, wie die Bibel und die Geschichte beweisen, der Mosaismus als Ganzes nie in Vollzug gesetzt worden, und die Befugnis der Autorität einer jeden Zeit — Propheten, Priester, Könige, Sanhedrin u. s. w. —, nach dem Geist der bestehenden Institutionen abzuändern, ist von jeher zugeftanden und stets geübt worden. Ein solches Zurückführen erscheint demnach widergesetzlich, nachteilig, unmöglich, und da Chiarini nicht alle Gesetze Mosis mag, sondern eine bald nach dem Geist der Bibel und bald nach dem Geist des 19. Jahrhunderts getroffene Auswahl, so bereitet er einen willkürlichen bis jetzt namelckosen Mischmasch, der, vielen Gestaltungen empfänglich, neue Sekten, neuen Zwist, neuen Fanatismus wecken wird^s). Trotzdem auch andere sachverständige Schriftsteller in Deutschland und Frankreich den Abt der Unwissenheit und Verlegenheit geziehen hatten, hat seine judenseindliche Schrift die höheren polnischen Klassen angesteckt; die oberflächlichen Polen beurteilten die Juden nur nach der häßlichen Außenseite und nach Chiarinis Schilderung. Und was noch verhängnisvoller war: auch die russische Regierung, die sonst um jene Zeit mit den Polen gar nicht sympathisierte, schloß sich betreffs der Juden derselben feindlichen Stimmung an. So wie mit der Unsicherheit der Heimat und der augenscheinlich gefährdeten Erwerbsthätigkeit das körperliche und wirtschaftliche Gedeihen der russischen Juden behindert war, so seufzte auch der Geist unter grausamen Beschränkungen. Die hebräische Typographie, trotz des elenden Zustandes der jüdischen Literatur in Rußland und Polen doch das einzige wahre und dem Staate gewiß nicht nachteilige Mittel, dem Geist des Volkes einen anderen und höheren Schwung zu geben, unterlag noch einer besonders strengen Zensur, für deren June- Haltung seit 1836 die Rabbiner verantwortlich sind. Nicht nur neue Drucke, sondern auch der ganze Vorrat der vorhandenen Bücher wurde von getauften Juden, die als Zenb^bid. 290. 33) Zunz, a. a. O. p. 296—7.