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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. Seite 79

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
Seite 79 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 5. Israelitische Wochenschrift. Seite 79. sprach zu mir, wie folgt: Dies ist das Wort des Herrn an Serubabel also: Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist spricht der Herr Zebaoth. Wer bist du, o großer Berg? Vor Serubabel wirst du zur Ebene — er bringt den Schlußstein hervor unter dem Jubelrus: Heil, heil ihm!" Jeder der andächtigen Zu'örer hustete, blies die Nase oder scharrte mit den Füßen und setzte sich dann in Positur, um der Predigt mit mitleidsloser kritischer Aufmerksamkeit und Voreingenommenheit zu lauschen. Mit dem jungen Prediger aber war urplötzlich eine Aenderung vorgegangen. War es die eiserne Notwendigkeit, die ihn zwang, war es, was die Gläubigen Inspiration nennen, die ihn beim Aussprechen des herrlichen Textes ergriff — genug er bewältigte siegreich seine Unruhe und Befangenheit und beinahe triumphierend erklangen die Worte: Heil, heil ihm! Die Gemeinde erstaunte! — Die Stimme des Unbekannten, zwar nicht kräftig, war klar und wohltönend, erfüllte den Raum vollständig und drang zum Herzen. Die Predigt begann, kein Hauch der Befangenheit war mehr zu bemerken, fließend ergoß sich der Strom der Beredsamkeit, im Anfang ruhig, dann bewegter, endlich hinreißend. Die Zuhörer, eine solche Predigt nicht gewöhnt, neigten sich vorwärts, um die Worte von den Lippen des jungen Mannes zu saugen, die neuen Gedanken aufzunehmen und den Trunk wahrhafter, inniger religiöser Erbauung einzuschlürsen. Das Auge des Jünglings begann zu leuchten, seine blassen Wangen glühten in heiliger Erregung, die sich aus die Andächtigen übertrug — immer mächtiger fluteten die Worte daher — er führte die Zuhörer von Klimax zu Klimax — treffende Vergleiche, sinnige Gleichnisse, originelle Gedanken mit leiser humoristischer Färbung, warme Mahnungen folgten einander in unaufhörlicher Folge, immer von neuem Ohr und Herz fesselnd. Das war keine stümperhafte Laienrede, keine altgewohnte Kanzelpredigt, sondern etwas ganz Neues, Unbeschreibliches, eine Rede, wie sie noch nie in dem Gotteshaus Ewen-ha-esra erklungen war, und ein Seufzer des Bedauerns entrang sich schier den Lippen der entzückten Zuhörer, als die Stimme des bezaubernden Redners nach einem brünstigen Schlußgebet verhallt war. Unmittelbar hinter der Kanzel — in gleicher Höhe mit der Plattform derselben — befand sich eine Thür, die geradezu in die Wohnung des Reverend führte, die den hinteren Teil des Gotteshauses bildete. Der Prediger konnte also die Synagoge verlassen, ohne sie durchschreiten zu müssen. Sternfleld benutzte diese Thür gewöhnlich nicht — er stieg die Stufen der Kanzel hinunter und setzte sich an seinen Platz, um nach vollendetem Gottesdienst in althergebrachter Weise den Herren die Hand zu reichen und freundschaftliche Worte mit ihnen zu wechseln. So erwartete man es auch dieses Mal, und einige Herren waren schon vorgetreten, um sich vorzustellen und ihre Verwunderung auszudrücken, aber der Fremde hatte schon durch die ebenerwähnte Thür die Synagoge verlassen. Natürlich war ein solcher Vorfall nicht nach dem Geschmack der Gemeinde, die doch berechtigt war, etwas Näheres über die Vertretung ihres Beamten zu wissen, und hier war ein fremder Reverend — allerdings ein wunderbarer Redner —, der geheimnisvoll erschien und ebenso wieder verschwand, ohne daß sein Inkognito im geringsten gelüftet worden wäre. Herrn Delvin's Tochter, die erst sehr spät zum Gottesdienst gekommen war, teilte mit, daß ihr Vater, als er sich gerade in die Synagoge begeben wollte, die Treppe hinabgestürzt sei und sich beit Fuß verstaucht habe, was ihn gehindert habe, sein Wort zu halten und die Vertretung zu übernehmen. Natürlich sei Frau Sternfleld sofort durch einen Boten in Kenntnis gesetzt worden. Wie es aber diese angefangen, in so kurzer Zeit einen anderen Stellvertreter, noch dazu einen solch glänzenden Redner zu beschaffen, das war Allen ein undurchdringliches Geheimnis. So begaben sich denn die guten Leutchen entzückt und ärgerlich zugleich nach Hause. In jedem Ohr tönte noch der Wohlklang der Stimme, in jedem Herzen die Erregung durch die herrlichen Worte nach, und in Allen ward der Wunsch wach, den „Andern" aus der Kanzel an der Stelle des gutherzigen doch im Vergleich zu ihm trocknen und langweiligen Sternfleld zu sehen: Welchen Nimbus würde ein solcher Demosthenes der Gemeinde verleihen. Wie würde der Besuch des Gottesdienstes sich heben — von nah und fern würden die Andächtigen und — Neider herbeiströmen, und die kühnsten Zukunftsbilder von der Größe und dem Einfluß der ehrenwerten Gemeinde wurden bei den dampfenden Schüsseln und Tellern ausgemalt.- Sternfleld kehrte am folgenden Mittwoch zurück. Graee, die von seinem Kommen nichts gewußt hatte, fand den Gatten bei ihrer Heimkunft im Wohnzimmer sitzend — den Kops nachdenklich — oder abgespannt in die ^and gestützt. Mit einem Jubelrus stürzte sie aus ihn zu und schlang die Arme um seinen Hals — noch nie waren sie lange getrennt gewesen. „Gott sei Dank, daß du wieder da bist, teures Herz — wie froh bin ich darüber-aber", fügte sie mit angstvollem Blick hinzu, „was hast du nur? Du siehst gar nicht wohl aus!" „Meine Nerven wollen nicht mehr und Tantes Arzt rät mir dringend einige Wochen gründliche Erholung an, was selbstverständlich außer dem Bereich aller Möglichkeit ist." Graee senkte das Köpfchen und seufzte. „Und die Tante? Hast du sie noch lebend angetroffen?" „Die Tante ist so gesund, wie du, Teure. Aus jeden Fall ist sie weit kräftiger als ich. Sterben und eine alberne Einbildung, sich sterbenskrank zu wähnen, ist doch ein himmelweiter Unterschied!" „Oh" — stieß Graee hervor. „Und was ist hier vorgekommen. Wie ging es am letzten Sabbat. Ueber was und wie hat Herr Delvin gesprochen?" „Es ging so weit ganz gut; aber Herr Delvin hat gar nicht gepredigt. Er hatte sich den Fuß vertreten und konnte das Haus nicht verlassen. War das nicht ärgerlich?" „Aergerlich?! Und was dann!?" „Ach, gutes Herz", sagte sie, sich fest an ihn schmiegend. . „als mir Herr Delvin Nachricht sandte, da schien es mir, als wenn Gott uns dafür strafen wollte, daß du seinen Dienst hinter das persönliche Interesse gestellt habest, wenn . auch ein größerer materieller Vorteil in Frage kam. Nie * mehr. Teurer, darf das wieder geschehen. Welche Angst,

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