Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 80 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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v-f' V X. Seite 80. Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. welche Unruhe habe ich ausgestanden — in welch tätlicher Verlegenheit habe ich mich befunden". „Aber", sagte er, sie mit großen, ängstlichen Augen ansehend, „hast du Jemand gesunden? Hast du die Kanzel leer gelassen, Graee? Die Leute würden es mir niemals vergeben". „Ich habe für einen Stellvertreter gesorgt". „Und wen?" „Herrn Lipman". „O, dann ists gut", sagte er erleichtert. Waren die Leute damit zufrieden?" „O, er machte seine Sache ganz gut. Aber eins mußt du mir versprechen, teurer Mann, sprich mit Keinem über die Vertretung vom letzten Sabbat. Es erinnert die Leute ja nur an deine Abwesenheit und an die wiederholten Vertretungen. Und sollte Einer davon ansangen, so sprich von etwas Anderem. Du ersparst dadurch dir und andern viel Aufregung und Aerger. Nicht wahr, du versprichst es?" Er schaute in ihr erregt glühendes Gesicht, streichelte beruhigend ihr dunkles Haar und gab lächelnd das verlangte Versprechen, obgleich ihm die Gründe nicht ganz einleuchteten. Es war augenscheinlich, daß der Doktor mit seiner Diagnose im Recht war. Sternfields Nerven waren sehr angegriffen — um so weniger konnten sie den heftigen Erregungen standhalten, denen er noch im Laus der nächsten Tage ausgesetzt sein sollte — Erregungen, die selbst die Nerven eines stärkeren Menschen erschüttert haben würden. Am Abend des Tages seiner Ankunft saß er bei einer würdigen Matrone, die schon seit Jahren die verdienstvolle Vorsteherin des dortigen Frauenveretns war und viel Gutes gethan hatte. Bei dieser gutmütigen Dame, die wissentlich keinen Menschen kränkte, begann der Sturm auf seine Nerven und aus die Ruhe seines Gemüts.- . . . „Und nun auf die Predigt am letzten Sabbat zu kommen, Herr Sternfield", begann sie von neuem, nachdem sie ihrem Gast eine frische Taffe Thee gereicht hatte. „Ich hoffe, daß sie ihnen gefallen hat", meinte der Reverend arglos. „Gefallen?! Aber ich bitte Sie. Muten Sie mir so wenig Urteilskraft zu. Gefallen?! Das ist nicht der richtige Ausdruck! Entzückt, begeistert, bezaubert, sortgeriffen hat uns die Rede . . ." Die würdige Dame zitterte vor Erregung, die Tasse in der Hand tanzte bedenklich in der Schale und die Löckchen um Stirn und Schläfe der Matrone waren ebenfalls in lebhafter Bewegung. Der Reverend blickte sie erstaunt an: „Isis möglich, daß Sie im Ernst sprechen. Ich habe niemals geglaubt, da*ß Herr Lipman eine solche Rednergabe besäße. Da muß ich mich ja noch ganz besonders bei ihm bedanken". „Bei Herrn Lipman?" „Nun ja! Sie sprechen doch von ihm, denn er hat mich ja vertreten!" „Aber Herr Sternfield. Können Sie wirklich glauben, daß ich von dem guten, alten, näselnden Herrn spreche, der sich auf der Kanzel nur lächerlich macht? Ich spreche von dem jungen unbekannten Prediger und möchte gern von Ihnen erfahren, wo er lebt, wo er wirkt, und ob er bald wieder uns durch seine herrliche, unvergleichliche Rednergabe erfreuen wird". Sternfield blickte sie mit verwirrtem Erstaunen an. Was für einen jungen Fremden konnte sie nur meinen. Die alte Dame mußte wohl träumen. Endlich stammelte er hervor: „Aber werte Frau, Sie irren sich, denn ich weiß aus absolut sicherer Quelle, daß Herr Lipman am letzten Sabbat in der That gepredigt hat. Meine Frau sagte mir . . ." Fast ärgerlich unterbrach ihn die alte Dame: „Ich sage Ihnen aber, daß Herr Lipman am Sabbat die Kanzel nicht bestiegen hat, und wenn Ihre Frau Sie anders berichtet hat, so finde ich das zum mindesten recht sonderbar!" Der Reverend konnte an der Wahrheit dieser entschiedenen Aeußerung nicht länger zweifeln. Grace, seine bisher die Wahrheit über alles liebende Frau, hatte sich dieser Frau, der ganzen Gemeinde gegenüber, einer offenbaren Unwahrheit schuldig gemacht — eine Ueberzeugung, die Sternfield mit eisigen Fingern ans Herz griff und sein ganzes Wesen mit einem kalten Schauder erfüllte. Finster starrte Sternfield vor sich nieder. Da tönte wiederum die Stimme der alten Dame in seine Versunkenheit hinein. „A propos! Wie geht es Ihrer lieben Frau heut? Sie war Sonnabend wohl nicht ganz wohl?" „Nicht wohl? Daß ich nicht wüßte! Sie war ja zum Gottesdienst!" (Fortsetzung folgt.) Wer frühere Jahrgänge der „Israelitischen Wochenschrift" zu kaufen wünscht (2 Mk. für den Jahrgang), wolle sich an die Expedition dieses Blattes wenden. Brief- und Fragekaslen. Herrn Dr. L. in H. Vielen Dank. — Herrn U. in P. Besten Dank für die Schrift, die in diesem Blatt vor Wochen erwähnt worden ist. — Herrn Dr. S. in C. Schönen Dank und Gruß. — Herrn Dr. F. 8. in C. Schönsten Dank für die Mitteilung. — Herrn A. P. in K. Vielen Dank und Gruß. — Frau P. in C. Sehr dankbar für die Mitteilung; für „Omnibus"-Korrespondenzen aber habe ich keinen Platz. — Frau H. Z. in F. Ich bitte wegen der Versäumnis um Entschuldigung und grüße herzlich. Gebrannte In Preislagen von Mk. 1,80, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per V» Ko. Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Max Schaffer in Berlin. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin W. 67. — Druck: Arthur Schalem, Berlin 0., Roßstr. 3. .. Ja