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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-02-01 · 5 (1.2.1901) · p. Seite 76

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
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Seite 76. Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. Nachricht eingegangen, daß der Religionsunterricht in der Kgl. Elisabethschule nunmehr eingerichtet werden soll, unter der Voraussetzung, daß die Gemeinde die Kosten übernimmt (der Bereitwilligkeit hierzu ist bereits Ausdruck gegeben). Nach dem Wunsch der Versammlung soll eine entsprechende Benachrichtigung an die Eltern der Schülerinnen (11) der Anstalt ergehen, die bisher am christlichen Religionsunterricht teilnahmen. Ein von Herrn Loewe (radikal) im Anschluß daran eingebrachter Antrag wegen eines alljährlich an die Eltern zu richtenden Rundschreibens in Angelegenheit der Teilnahme am Religionsunterricht soll in einer späteren Sitzung beraten werden. — In die Verwaltung des Dr. Ephraimschen Nachlasses wird Herr Sießkind abgeordnet, in die Fürsorge- Kommission wird als neues Mitglied Herr San. - Rat Schwarzauer, in die Armen-Kommission Herr Ludwig Cohn neu gewählt; die übrigen Mitglieder werden sämtlich wiedergewählt, ebenso die Vorsteher des jüdischen Krankenhauses bis aus Herrn Deutsch, der die Wiederwahl abgelehnt hat. In der sich anschließenden geheimen Sitzung kommen nur Personalia zur Verhandlung. Potsdam, 27. Januar. (Synagogenbau.) Der Neubau der Synagoge, der seit langem beschlossen ist, konnte bisher nicht ausgesührt werden, weil die Behörden Schwierigkeiten machten. Die Entscheidung des zuletzt angerufenen Ministers für öffentliche Arbeiten ging dahin, die Genehmigung sei zu versagen, da durch den Bau eine Beeinträchtigung der Faeade des daneben liegenden Poftgebäudes herbeigesührt werde. Jetzt ist ein neues Bauprojekt entworfen, das die Facade des ersten Projektes, bei dem ein laternenförmiger Turmbau vorgesehen war, beibehält, in den Dimensionen aber bedeutend niedriger gehalten ist und aus den Turm Verzicht leistet. Ob die Behörde nun ihre Bedenken fallen läßt, steht noch dahin. Breslau, 28. Januar. (Vom Rabbinerseminar.) Das jüdisch-theologische Seminar Fränckelscher Stiftung in Breslau hat zur Gedächtnisfeier des Stifters am 27. Januar den 27. Jahresbericht erscheinen lassen. Dem kurzen Bericht geht eine Abhandlung von Dr. M. Brann voraus: Geschichte der Juden in Schlesien. III. Von 1400—1437. Der Bericht erhält dadurch besonderen Wert. Cassel, 28. Januar. (Vom Seminar.) Wie das Eentralblatt des Unterrichtsministeriums mitteilt, sind die diesjährigen Prüfungen am hiesigen israelitischen Seminar wie folgt festgesetzt worden: Beginn der Entlassungsprüfungen am 20. März, der Aufnahmeprüfung am 27. März, der zweiten Volksschullehrerprüfung am 20. Oktober. Die letzterwähnte Prüfung wird unter allen jüdischen Seminarien nur von dem hiesigen Seminar abgehalten. Frankfurt a.Main,28.Januar. (Beisetzungdes Barons Wilhelm Karl von Rothschild.) Im Alter von noch nicht ganz 73 Jahren ist Baron Wilhelm Karl von Rothschild gestorben. Er war in Neapel als der dritte Sohn des Freiherrn Karl von Rothschild geboren und vor 55 Jahren hierher übergesiedelt. Seit dem Tode seines ältesten Bruders Mayer Karl hatte er die alleinige Leitung des hiesigen Hauses. Er gehörte der streng orthodoxen Richtung an. Seit vielen Jahren lebte er sehr zurückgezogen und fast menschenscheu. Die Beerdigung auf dem Friedhof der israelitischen Gemeinde hat heute unter außerordentlichem Zudrang von Leidtragenden und Neugierigen stattgesunden. Im Sterbehaus, Schloß Grüneburg, fanden sich außer den Angehörigen von hier, Wien, London und Paris viele Deputationen von Vereinen, auswärtige Rabbiner und Geschäftsfreunde ein. Dort sprach Rabbiner Dr. Breuer, von der Israelitischen Religionsgesellschaft, aus seinen eigenen dringenden Wunsch, da er den Gemeindesriedhos nicht betritt. Die Leiche wurde aus dem Friedhof bereits von Hunderten erwartet. Zuerst sprach Rabbiner Dr. Horovitz. Er wandte in trefflicher Rede auf den Verstorbenen das Wort Michas (6.8.) an: „Was ist des Menschen höchstes Gut, und was verlangt Gott von dir, o Mensch, als Höchstes? Pflichterfüllung, Liebe üben, und bescheidenes Wandeln mit deinem Gott." Er hob hervor, wie der Hingeschiedene trotz seines Reichtums anspruchslos und bescheiden vor uns seinen Reichtum im Sinn des jüdischen Glaubens, dem er so treu anhing, verwandte und Millionen Bedürftiger als unsichtbarer Helfer tröstend zur Seite stand. Im Namen der altehrwürdigen Gemeinde, aus der der Glanz seines Hauses hervorging, und der er bis zum letzten Tag treu anhing, dankte der Redner für das, was Gott in dem Verklärten ihr gegeben, und drückte ihren Schmerz aus für das, was Gott ihr in ihm genommen. Er gelobte, daß die Anstalten, die Baron von Rothschild unterstützte, das Seminar in Berlin, die Religionsschule hier, die Waisenanftalten hier und im heiligen Lande, und viele viele andere Anstalten erhalten bleiben würden. Wenn auch die eherne Säule jetzt gebrochen sei, so werde die Gestalt Wilhelms von Rothschild der Geschichte überliefert werden als ein Symbol der Glaubenskraft, die das ganze Leben heiligt. Hierauf sprach Louis Feist im Auftrag der Israelitischen Religionsgesellschaft und Bürgermeister Dr. Varrentropp im Namen der Stadt Frankfurt. Weitere Redner hatte sich die Familie verbeten. Annaberg im Erzgebirge, 27. Januar. (Vorträge.) Im hiesigen Literarischen Verein hat Herr Rektor Saphra an zwei Abenden über „die Frau in Bibel und Talmud" gesprochen. An der Hand biblischer Aussprüche und durch biblische Frauengeftalten bewies er, daß die Stellung der Frau nach der Auffassung der Bibel von Urbeginn der Menschheit an, im strikten Gegensatz zum Brauch vieler Völker des Altertums, die der völligen Gleichberechtigung war, und daß die Heiligkeit der Ehe, die Elternehrung und der Familiensinn zu den frühesten Traditionen gehörten, die durch die mosaische Gesetzgebung gefestet und erweitert wurden. Aussprüche, Gefttze, Schilderung von Frauengestalten wie Eva, Sara, Rebekka, Lea, Rahel, Jochebed, Debora, Jephta's Tochter, Rut, Hanna, Batscheba, Jsebel, Esther, Sulamit (im Hohen Lied) malten das biblische Weib. In dem zweiten Vortrag führte der Redner aus, daß der Standpunkt, den der Talmud den Frauen gegenüber innehält, zu der Annahme berechtige, daß das jüdische Weib auch im talmudischen Zeitalterdiehochgeachtete,gleichwertige Stellung behauptethabe. Eine Fülle von treffenden, oft humorvollen Aussprüchen bezeugte eine Zartheit der Empfindung, eine Hochachtung für das „Biederweib", eine seinsühlige Galanterie der „Blume der Schöpfung" gegenüber, die dem höchstentwickelten Zeitalter zur Ehre gereichen würden.

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