Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Israelitische Wochenschrift. Seite 71. sondern auch für die Menschheit geworden. Er hat größeres geleistet, als wer Wasser in Blut umzaubert, oder mit Ungeziefer und Seuchen Götzendiener schreckt. Er hat sein in Armut, Niedrigkeit, Knechtessinn versunkenes Volk in eine wohlhabende, gerechte, unabhängige Nation verwandelt; er hat seinem Volk den Geist der Tapferkeit, der Freiheit, der Gesittung, der Gottesfurcht eingeflößt; er hat ihm mit unverwüstlicher Kraft eines weltgeschichtlichen Charakters einen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt und eine ehrenvolle Stellung in der Geschichte für immer gesichert. Mag daher die verständige Natur- und Weltbetrachtung in der Wissenschaft ganz an ihrem Platz sein und wollen wir von der strengen, exakten Beweisführung uns da auch nicht das Geringste abdingen lassen, so hat die religiöse Betrachtung doch neben dieser auch ihr volles Recht, und dieses vor Beeinträchtigung zu wahren, ist eine dringende Pflicht. Mre-igt;ur Zmihimdtttjahrskikr. Von Rabbiner Dr. Kali sch er in Stolp in Pommern. Ein freudiger Stolz erhebt unser Herz bei dem Gedenken der glorreichen Erinnerungen, die dieser Tag unserm Land und Volk verkörpert. Zweihundert Jahre sind vergangen, seit der Kurfürst von Brandenburg sich die preußische Königskrone auss Haupt setzte — zwei Jahrhunderte, die eine fast ununterbroche Kette von Siegen und Erfolgen Preußens auf allen Lebensgebieten darstellen. Kräftig blüht derHerrscherstamm, der das Reich gegründet hat, zu immer höheren Höhen flog sein Adler empor. Auf dem Untergrund des preußischen Königtums ist das ruhmbedeckte neue deutsche Kaiserreich emporgestiegen, und zugleich mit dem deutschen ist der preußische Name bis in die fernsten Enden der Erde geehrt und geachtet. Darum ist an diesem großen Gedenktag unser aller Brust von freudigem Stolz geschwellt. Aber, meine Brüder und Schwestern, es hieße nicht unserer Pflicht gerecht werden, wollten wir in so bedeutsamer Stunde blos der Freude uns überlassen, denn nur als Vorstufe der Zukunft behalten Vergangenheit und Gegenwart ihren Wert. Der Jubel der leuchtenden Gegenwart kann nur dann vollkommen sein, wenn er von wohlbegründeter Hoffnung aus eine freudige Zukunft getragen wird. An diesem Jubelrag unseres Landes beseelt uns der innige Wunsch, daß unser geliebtes Herrscherhaus und unser teures Vaterland im Verein bis in späteste Zeiten blühen mögen. Bei solchen Empfindungen ziemt es sich für uns, in dieser Weihestunde einige Aufmerksamkeit den Wegen zu widmen, aus denen jenem heißen Wunsch unseres Herzens Erfüllung zu winken scheint. Die staatenerhaltende und staatensördernde Macht ist keine andere, als die Macht der Sittlichkeit und des Gewissens. Der hervorragende sittliche Geist, der die Träger des preußischen Staatsgedankens von Anbeginn kennzeichnete — er war es vor allem, der diesen Staat zur Höhe emporgetragen hat. In den Sprüchen der Väter lesen wir: Auf drei Dingen ruht die Welt fest: aus Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Ja, werte Anwesenden, die sitttliche Welt, wie sie im Staat und in der Gesellschaft sich ausprägt — ihre Festigkeit ist in der Ausrechterhaltung dieser drei Dinge begründet, und diese drei Grundsteine sind es, auf deren sestgemauertem Fundament auch der preußische Staat emporgewachsen ist. Sie sind die drei Ideale, von deren Wahrung seine Lebenskraft bis in späte Zeiten bedingt ist: Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Die erste Grundbedingung des staatlichen Gedankens heißt Wahrheit. Wahrheilsbegeisterung ist von jeher eine preußische Tugend gewesen. Sollte die Thatsache nicht zu denken geben, daß es Preußen war, dem die Menschheit den erhabenen Weltweisen verdankt, der mit unerbittlicher Folgerichtigkeit und unbestechlichem Wahrheitssinn die höheren Urgründe alles Seins blosgelegt hat, eine Wahrheitssonne, deren klares Licht die Nebel des Vorurteils aus Jahrhunderte hinaus zu zerteilen bestimmt war? Wir im Besonderen, die deutschen Bekenner des Judentums, verdanken wir für die Entwicklung unserer religiösen Anschauungen nicht viel den mächtigen Anregungen, die von diesem echt preußischen Wahrheitssinn ausgingen? In der Hauptstadt Preußens hat das Leben und Wirken des Mannes sich abgespielt, der zuerst von allen die Fesseln mittelalterlichen Vorurteils für die deutsche Judenheit gesprengt und das hohe, noch in der Entfaltung begriffene Ziel unserer Tage aufgestellt hat: die religiös-wissenschaftliche Neubelebung des deutschen Judentums, seine Durchtränkung mit neuem Licht und neuer Kraft aus den alten Quellen. In der preußischen Hauptstadt hatten die Bestrebungen lange Zeit hindurch den Mittelpunkt gesunden. Und ist Preußen, das für Licht und Wahrheit eingenommene Volk, nicht den anderen Staaten mit dem rühmenswerten Beispiel voraufgegangen, das erhabene Ziel der allgemeinen Volksbildung mit aller Kraft zu fördern! Wahrlich, solcher Thaten, solcher Errungenschaften darf dieses Land mit Recht an seinem Jubeltag sich freuen. Allein, bei dem Licht wohnt die Finsternis; auf demselben Boden, aus dem die Wahrheit eine ganze Reihe unsterblicher Siege gefeiert, wagen Menschen ihr Haupt zu erheben, denen die Lüge und die in ihrem Gefolge auftretende schmachvolle Verhetzung Lebensbedürfnis geworden. Um des Heils des Vaterlands willen richten wir zum ewigen Gott des Lichts unser Gebet empor, daß er den Lenkern des Staats die Augen öffnen möge über die namenlose Gefahr, die Jene über das Vaterland herausbeschrrören, die bewußte Verdunkelung sonnenklarer Wahrheit, die Aufreizung der Massen betreiben. Nein, in unserem Vaterland, an dessen Wiege bereits alle guten Ltchtgeifter der Menschheit gestanden, kann die Finsternis nicht über das Licht die Oberhand gewinnen. Nicht lange mehr, und die Wahrheit wird hochausgerichtet dastehen, entledigt aller Fesseln, mit denen die Feinde des Vaterlands und der Menschheit sie für immer zu umschlingen gedachten. Die zweite Grundbedingung des staatlichen Gedeihens heißt Gerechtigkeit. Deine Gerechtigkeit, o Gott, sie gleicht den gewaltigen Bergen, die im Wechsel und Wandel der Erde unerschüttert die Himmel tragen. „Jedem das Seine". Mit diesem Wahlspruch ist das Königreich Preußen ins Leben getreten, und in der unaus-