Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 70. Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. Die geschichtliche hiiü religiöse Betrachtung der Bibel. (Zum Wochenabschnitt.) Von Rabbiner Dr. B. Selig kowitz-Cöthen. Sehr oft ist es früher geschehen und noch häufiger geschieht es in unseren Tagen, daß ein gläubiges Gemüt, teils durch poetische Gedanken, teils durch die Aussprüche großer Männer sich ergötzt und gehoben fühlte, — und bald darauf durch eine Lektüre entgegengesetzter Art erst unangenehm berührt und dann auch erschüttert und in seinem eigenen Glauben wieder irregemacht wurde; und wie oft geschieht es in unserer Zeit, daß man von den begeisterten Worten einer im echt humanen, religiösen Sinn gehaltenen Predigt erquickt und erbaut das Gotteshaus verläßt und mit Leuten zusammentrifft, die, was uns heilig ist, nur als Bedürfnis der gemütlichen Schwäche erkennen und darstellen, die Glaubwürdigkeit der Bibel ohne weiteres in Zweifel ziehen und die in ihr berichteten Thatsachen für ein Gewebe von Sagen, Legenden und Mythen halten! Deshalb kann es gegenüber der Bibelkritik gar nicht oft und eindringlich genug wiederholt und hervorgehoben werden, daß die biblischen Bücher zunächst nicht einem historischen Interesse ihre Entstehung verdanken, sondern in erster Linie aus einem religiösen Interesse hervorgegangen sind. Auf diesem Umstand beruht die Stärke der Bibel. Denn in keinem anderen Buch der Welt findet sich ein solcher Reichtum von Gedanken, die aus tiefer Frömmigkeit, kindlicher Gottesfurcht, heiliger Begeisterung entsprungen sind; in keinem andern Buch treten die irdischen Rücksichten, die profanen Absichten und weltlichen Beweggründe so sehr in den Hindergrund, wie in diesem Buch. Wer lediglich den Maßstab des nüchternen, prüfenden Verstandes an religiöse Schöpfungen anlegt, der bemißt sie mit einem Richtmaß, das ihnen fremd ist; er ist darum ungerecht, und es ist eine unvermeidliche Folge seines einseitigen Standpunktes, daß er sie nicht zu würdigen versteht. Liegt nicht z. B. ein tiefer Sinn, liegt nicht eine achtungswerte Pietät darin, wenn ein Volk die Helden seiner Religion, die Gründer seiner Kultur, seine Vorbilder im Leben, im Glauben, in seiner Sitte mit dem Glanz der Wundersage umgiebt? Es ehrt sie mit dem Besten, was es hat: mit seinem frommen Gemüt, mit seiner begeisterten Phantasie, mit der Inbrunst seiner gottgläubigen Poesie. Wre ist doch beispielsweise Abraham eine wohthuende und erquickende Erscheinung, als Mensch und Patriarch, als Stammessürst und Hirtenkönig! Wie ernst und anmutig verkehrt er unter dem Sternenhimmel, dessen Flammen zu zählen er sich nicht erkühnt, oder im Eichenhain von Mamre, wo er als gastlicher Wirt unter der Thür des Zeltes sitzt, mit dem lebendigen Gott, und wie schöpft aus dieser Gottesgemeinschaft der kinderlose Greis neue Lebenskraft und neue Hoffnungskraft! Im kindlichen Spiel liegt ein tiefer Sinn. Aus den frommen Erzählungen der Urzeit tönt die Stimme unvergänglicher Wahrheit von Geschlecht zu Geschlecht fort, und so lange Menschenherzen schlagen, bleibt Abraham gefeiert, als der Patriarch der Menschheit. Auch das Leben Mose's hat die Phantasie mit einem blühenden Sagenkranz geschmückt. Der wffsenschastliche Forscher wird die Geschichte scharf von der dichterischen Ausschmückung sondern. Allein der religiöse Mensch, wenn er nicht anders seinen Geist durch Ueberkultur verdorben hat, wird sich auch heute noch an den Bildern und Sinnbildern der Erzählung erfreuen und erbauen. Und auch sie werden dazu dienen, ihm das Wesen und den Charakter der geschilderten Thatsachen und Personen deuten zu Helsen. Es ist nicht wahr, daß wir auf diesem Boden bloßer religiöser Erdichtung begegnen. Der Volksgeist dichtet nicht ins Leere und Blaue hinein. Die urgeschichtlichen Heldengestalten sind wohl wie altes Gemäuer von dem Epheu der frommen Volksdichtung umwunden; aber durch den grünen Vorhang blickt das ursprüngliche Lebensbild immer noch erkennbar hervor. Dieser Abraham, dieser Mose, — sie haben gelebt, und nicht etwa vlos für sich, sondern für spätere Jahrtausende, die von ihnen lernen, sich aus sie stützen, von ihnen stets frische Anregung empfangen und nicht aushören werden, sie zu verehren und zu bewundern. Das Charakterbild Mose's läßt sich aus der keusch verhüllenden Dichtung noch gar wohl herausschälen. Ursprünglich ein ungebändigter Feuergeist, dann in der Schule der Prüfung geläutert, später zum Felsenmann im Kampf mit den Hindernissen geschmiedet, aber auch ein Dulder, in Leiden und Nöten erprobt, zuletzt ein Gesetzgeber, der für Jahrtausende gearbeitet, vom Fuß bis zum Scheitel ein Glaubensmann, der im Vertrauen aus Gott und dessen heiligen Willen ein unsterbliches Werk vollendet. Das war Mose. Gott erschien ihm im brennenden Dornbusch, ein freundliches Sinnbild des Lichtes göttlicher Wahrheit, dessen Strahlen nicht verzehren, sondern beleben. Sein Stab verwandelt sich in eine Schlange; das Nilwasser wird durch ihn zu Blut; aus seinen Wink brechen entsetzliche Plagen über das götzendienerische Egypten und seinen despotischen König herein. Verderbliche Naturereignisse sind damit unverkennbar in das Licht der religiösen Betrachtungen gestellt. Gott schlägt Epypten durch die Hand des zur Rettung seines Volkes von ihm erkorenen Mannes. Die verständige Prüfung zeigt uns eine Reihe von Mittelursachen aus, die die religiöse Betrachtung verschweigt. Wir wissen, daß in trockenen Jahren der Nil noch immer faules Wasser mit sich führt; Ungeziefer, Seuchen, verheerende Krankheiten werden noch immer im Nilland von Zeit zu Zeit zur Landplage, ohne daß eine übernatürliche Einwirkung dabei stattfilldet. Allein hat denn nur die natürliche Betrachtung ein Recht? Sind wir überhaupt religiös gestimmt, anerkennen wir das Walten des lebendigen Gottes über den Ordnungen der Natur und den Schicksalen der Menschen und der Völker; ist uns die Geschichte der Menschheit mehr als das Spiel eines verworrenen Zufalls, dann können wir doch unmöglich bei der blos profanen oder naturgesetzlichen Betrachtung stehen bleiben; dann nötigt uns das Gewissen, die letzten Erfolge aus die höchste Ursache.selbst zurückzusühren. Ein Mann wie Mose ist in der That eine wunderbare Erscheinung. Durch seinen Hirtenstab, den er mit Hüse seiner Geisteskraft und Charakterstärke in einen Herrscherstab verwandelt hat, ist er zum Wunderthäter nicht nur für sein Volk,