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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-01-25 · 4 (25.1.1901) · p. Seite 57

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
Seite 57 (sequence 22)
Language
German
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Nr. 4. Israelitische Wochenschrift. Seite 67. aber schließlich doch nicht sicher wissen könne, ob nicht vielleicht eine versteckte jüdische Sekte mit diesem furchtbaren Brauch existierte. Jeder gebildete Deutsche hat, wo nicht positive Kenntnisse, so doch einen ziemlichen Schimmer von den Sitten und Gesetzen der Chinesen, der Japaner, der Hottentotten und Fidschiinsulaner. Vom Judentum, dessen Bekenner in der deutschen Bevölkerung zerstreut wohnen, wissen die Gebildeten nichts. Man ist oft erstaunt, selbst in gelehrten Körperschaften und in Parlamenten so merkwürdige Urteile über Juden und Judentum zu hören. Kein Wunder! — Das sind die naturnotwendigen Folgen der verkrochenen und ängstlichen Behandlung jüdischer Fragen. Der Antisemitismus lebt — lebendiger denn je! Thöricht-naiv, ja verhängnisvoll wäre es, den Rückgang der antisemitischen Wählerzahlen etwa als einen Rückgang des Judenhasses zu deuten. Nur den Judenhaß lebendig zu halten, bedarf es keiner eigenen Partei mehr. Er ist Gemeingut — wenn auch nicht Programmpunkt — aller Parteien geworden. Daß die rechten Parteigruppen programmatische Antisemiten sind, ist bekannt. Aber auch die fortgeschrittenenParteien haben sick des Antisemitismus angenommen. Man hat die merkwürdige Thaesache, daß Juden trotz aller Parteiverdienste nicht als Abgeordnete kandidieren dürfen, damit erklärt. Nicht der Liberalismus ist antisemitisch, aber es giebt Liberale, denen die Juden verhaßt sind. Der Mensch ist eben kein Vernunftwesen allein. Er ist nicht, nur aus Ueberzeugungen und Ueberlegungen gebaut. Er hat auch eine Trieb- und eine Jnstinktwelt, die jenseits von vernünftig und unvernünftig liegt. Das haben wir Juden leider vergessen. Und diejenigen, die sich in den Schutz der Sozialdemokratie begaben, sollten dies auch nicht vergessen. Gewiß ist es unmöglich, daß ein sozialdemokratischer ^^geordneter jemals für den Judenhaß Stimmung machen wird — wenn man auch an der antisemitischen Tonart eines ihrer Führer l(Calwer) nicht so ganz ohne Nachdenken vorübergehen sollte. Daß aber die Massen, die vor 6 Jahren z. B. in Sachsen einen Antisemiten wählten und die jetzt einem Sozialdemokraten ihre Stimme geben, nicht ihren Judenhaß haben fahren lassen, das scheint klar. Das steht fest: wenn wir seit 50 Jahren die Verteidigung "unserer^angegriffenen Ehre, die Bedrohung der uns so spärlich Mandenen Rechte Anderen überließen, wenn nirgends ein lolzes, kraftvolles Judenwort aus Judenmund ertönte — bei |eferett, feineren Naturen hat dieses scheue und der Selbstwürde gre Benehmen uns schwer geschadet. Als in der vorigen Versammlung die ganze Verzweiflung, ^ie würgende Verbitterung sich mit elementarer Gewalt in dem iuf Luft schuf: „Los vom Liberalismus, los von Rickert!" da kh^.ben manche ihr Haupt geschüttelt. Ja die Juden sind undankbar. Wie die Ratten, so verlassen sie jetzt das sinkende Schiff Ides Liberalismus. Aber nein! Hätte der Liberalismus Alles für 4gns gethan, dann würden wir schreien: Noch mehr los vom Uäiberalismus! Doch damit meinen wir nicht eine Kritik der Ideale und Strebungen jener Partei. Das ist und soll kein Werturteil sein. „Los vom Liberalismus!" rufen wir, „los von der, ^on jeder priviligierten Judenschutztruppe!" Das meinen so edel es vielleicht subjektiv war, daß die liberale Partei eine Judenschutztruppe wurde — objektiv war der Libeßmus unser Unglück. Er hat uns die stolzesten Kräfte zer- Jc^t, den Mut zur Selbsthülfe, den Stolz zur Selbstverteidigung, kwar unser Unglück, daß wir uns einer Partei in die Arme rfen. Wir haben uns Viele zu Feinden gemacht, an deren Ift uns liegen müßte. Wir haben die Regierung uns zur ^rin gemacht durch die knechtselige Gefolgschaft gegenüber l Partei der Opposition. Der Liberalismus ist unser Unglück gewesen, ob er auch unser Bestes wollte. Nicht nur nach außen in der Beurteilung durch unsere Mitbürger! Schlimmer noch im Innern. Das Wort, das tote, kalte, leere Wort „liberal" hat unser Judentum vergiftet. „Liberal" schrie man, als unsere stillen, schwermütig-heimlichen Tempel verorgelt wurden. „Liberal" schrie man, als man mit ungeweihten Händen die hoffnungsvolle Schönheit unserer Gebete zerriß. „Liberal" schrie man, als durch tausend lächerliche Neuerungsnormen unser geeintes Gemeindeleben gespalten wurde. „Liberal" schrie man, als man Schulen errichtete mit der Absicht, die Jugend zu entjuden. „Liberal" schrie man, als man Waisenhäuser schuf, wo den Zöglingen verboten wird, Tefillin zu legen, wo sie gezwungen werden, den Sabbat zu entheiligen. Wo immer ein neuer Bruch mit dem stolzen, ehrwürdigen, überlieferten und durch seine Lebendigkeit so schmiegsamen Judentum hineingetrieben wurde, wo immer man sich mühte, das Judentum zu mumifizieren — die Begründung hieß immer: Das müssen wir thun, denn „wir sind liberal". Es kann nicht darauf ankommen, ob der Liberalismus diese trübselige Einwirkung auf das Judentum nehmen wollte oder nicht. Das historisch-objektive Endergebnis ist aber: Der Liberalismus ist unser Unglück! Wir brauchen eine neue äußere Einheit. Diese soll der Judentag sein. Der Judentag soll uns eine höhere Einheit schaffen. Damit ist für den Positivisten wenig gesagt. Er fragt: Was soll denn der Judentag sein? Die Antwort ist schwierig. Sie ist von den Verschiedenen verschieden gegeben worden. Die einen wollen eine Vereinigung aller bisher bestehenden jüdischen Institutionen schaffen. Und es scheint, daß auch die Einberufer des Judentages neuerdings sich dieser Anschauung anschließen. Wir als Zionisten konstatieren die Thatsache, aber ohne Genugthuung: Sie ist im Grund ein Eingeständnis der Schwäche, das Zugeständnis, daß selbst die hervorragendste Schöpfung der deutschen Judenheit seit 50 Jahren — der deutsch-israelitische Gemeindebund — seinen Aufgaben ohnmächtig gegenüber steht. Andere wieder scheinen so eine Art jüdischer Synode herbeizuwünschen. Ich glaube, es wird genügen, wenn der Judentag vorläufig nichts weiter sein wird, als eine öffentliche Tribüne, von der herab wir unser Leid, die ganze schmachvolle Zurücksetzung klagen wollen, aber auch unsere jüdische Hoffnung unseren christlichen und — jüdischen Mitbürgern vor die Seele rufen. Wir schreien nach Oeffentlichkeit! Die Juden sollen ihr Judentum stolz und unverhüllt tragen. Wenn wir Zionisten uns so eifrig für das Zustandekommen eines Judent^ges ins Zeug legen, so thun wir es, weil wir jede Regung des Selbstgefühls, jede Organisation von Juden fördern wollen. Wir Zionisten wollen den Judentag, selbst wenn der Judentag noch nicht weiß, was er will. An Arbeit fehlts nicht. Wenn wir zusammentreten, um dem Judentum neue Kräfte zu erzeugen, so wird sich schon schnell genug b.rausstellen, was am ehesten anzugreifen. Wir hoffen, daß di? Mitarbeit der Zionisten keinen zurückschrecken wird; man muß endlich erkennen, daß wir doch nicht so ganz utopistische Schwarmgeister sind. Das letzte Ziel unserer Wünsche kann nur erfüllt werden, wenn wir einen soliden Unterbau schaffen; und dieser ist Zusammengehörigkeitsgefühl, Stolz, Selbstvertrauen, Offenheit und Gradheit.

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