Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- Seite 56 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 56. Israelitische Wochenschrift. Nr. 4. eignet, und ihren Einfluß geltend machen, damit der betreffende Knabe das für ihn paffende Fach wählt. Wenn die Einführung dieser Erziehungsmethode an den öffentlichen Schulen aus verschiedenen Gründen vorläusig in manchen Fällen noch kaum zu überwindende Schwierigkeiten verursacht, so sollte doch daraus Bedacht genommen werden, an allen jüdischen Waisenhäusern und geschloffenen Erziehungsanstalten damit zu beginnen, soweit dies nicht bereits geschehen ist. Ein Jeder, der dafür Interesse hat, kann durch einen Besuch der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem sich von der heilsamen Wirkung dieser Erziehungsweise überzeugen. Die dort beflndlichen Knaben unter 14 Jahren erhalten neben dem Unterricht einer guten Volksschule Unterweisung in Papp-, Hobel- und anderer Holzarbeit und bearbeiten ganz allein, allerdings unter Aufsicht und Anleitung der Lehrer, einen Schulgarten von ungefähr einem halben Morgen. Es ist wahrhaft herzerquickend, zu beobachten, mit welcher Lust und Liebe die Kleinen in ihrem Garten graben und alle Arbeiten verrichten, die für den Gemüsebau, die Blumenzucht, die Obstbaumpflege rc. erforderlich sind. Diese Arbeiten bereiten den Kindern ein solches Vergnügen, daß sie unaufgefordert einen großen Teil ihrer freien Zeit im Schulgarten zubringen. Mit Stolz zeigen sie dann Fremden die schönen Früchte, die sie gezogen haben, die aus jeder Ausstellung prämiert würden. Die Früchte, die roh zu verspeisen sind, verteilen die Knaben unter sich zum eigenen Genuß, während die anderen zum Marktpreis in die Küche geliefert werden. Das Geld wird alsdann zu einem gemeinsamen Ausflug verwendet. Einige der besonders schönen Früchte und Blumen pflegen die Knaben aus eigenem Antrieb ihren Wohlthätern, beispielsweise den Aerzten, die sie behandeln, und den Ehrendamen zum Geschenk zu machen. Das Gefühl, wenn auch nur einen kleinen Teil ihrer Dankesschuld aus diese Weise abtragen zu können, hebt ihr Selbstbewusttsein. Dasselbe ist der Fall, wenn sie die selbstgesertigten Papp- und Holzarbeiten ihren Verwandten und Freunden schenken können. Um Knaben in dieser Weise zu unterrichten, sind Lehrer erforderlich, die nicht nur in Handfertigkeit oder Gartenbau geübt sein müssen, sondern denen diese Beschäftigung auch Vergnügen bereitet. Folglich muß unser Hauptaugenmerk darauf gerichtet sein, jüdische Lehrer derart gründlich auszubilden. Vor einiger Zeit schrieb mir ein jüdischer Schulmann, der zweifelsohne von den besten Absichten geleitet wurde, er habe für jüdische Lehrer einen 10 tägigen Kursus für Gartenbau und Handfertigkeit eingerichtet. In dieser kurzen Zeit, also mit Berücksichtigung des Sabbats in 9 Arbeitstagen, sollten die jungen Leute nicht nur die verschiedenen Zweige des Gartenbaus, sondern auch Bienenzucht und Handfertigkeit lernen! Ein Jeder, der nur einigermaßen mit diesen Fächern vertraut ist, muß zugeben, daß dies selbst bei der größten Intelligenz unmöglich ist. Möglicherweise können in diesen wenigen Tagen oberflächliche Dilettanten herangebildet werden, und der Dilettantismus ist in diesen Fächern geradezu schädlich. Will man wirklich tüchtige Kräfte heranziehen, so erteile man den Seminaristen während ihres 5 jährigen Kursus wöchentlich je 2 Stunden durch eine besonders tüchtige Lehrkraft. Wo vorläufig noch keine erprobte jüdische Lehrkräfte vorhanden sind, wähle man den allerbesten christlichen Lehrer. Um Jugendbildner heranzuziehen, ist der beste Lehrer gerade gut genug. Um nun auch bereits im Amt befindlichen jüdischen Lehrern Gelegenheit zu geben, sich in Handfertigkeit und Gartenbau auszubilden, beabsichtigen wir, in Ahlem während der großen Sommerserien, falls genügende Anmeldungen erfolgen, einen 1 monatlichen Kursus für Handfertigkeit und möglicherweise auch einen Kursus für Gartenbau einzurichten. Ob wir^Papp- oder Hobelarbeit lehren werden, hängt von den Wünschen der Mehrzahl der Reflektanten ab. Um eins dieser Fächer ordentlich zu erlernen, ist mindestens 1 Monat erforderlich. Der Unterricht würde dann stattfinden unter Oberleitung eines besonders tüchtigen Lehrers, der bereits mehrere Jahre den vom Magistrat der Stadt Hannover eingerichteten Lehrkursus für hiesige Schullehrer geleitet hat. Um die nötigen Vorbereitungen treffen zu können, wäre es wünschenswert, wenn Anmeldungen für den Unterricht möglichst frühzeitig beim Herrn Inspektor Silberberg, Israelitische Erziehungsanstalt Ahlem bei Hannover, gemacht würden. Der deutsche Iudentag. Nach einem Referat in der Volksversammlung der Berliner Zionistischen Vereinigung vom 21. Januar 1901. Von vr. w6ä. Theodor Zlocisti. * Es ist ein neues Moment im Leben unseres Volkes, daß wir Juden unsere Angelegenheiten endlich in breitester Oeffentlichkeit behandeln. Der Zionismus hat uns diese Bereicherung geschenkt, die hoffentlich für die Neugestaltung unserer Verhältnisse von Bedeutung sein wird. Freilich fiel unsere neue Technik — auf den Markt des Lebens hinauszutreten und laut zu rufen — den offiziellen Hütern des Judentums wie ein arger Schreck in die Glieder. Jene wollten, daß alles spezifisch Jüdische so leise wie möglich verhandelt und besprochen würde. Leider hatten die Leiter des Judentums eine zu trübselige Voraussetzung: sie machten sich eine Zweiteilung zurecht; ein Mosaite ist zusammengesetzt erstens aus dem Juden und zweitens aus dem Menschen. Der Jude in uns muß sich nicht bemerkbar machen; der Mensch aber soll in Kunst, Wissenschaft und Leben sich so offen geben, wie die andern eben uüct). Wie haltlos diese ganze Führungsart war, ergab sich nur zu bald. Die sich als Juden ängstlich verkrochen, drängten sich als Menschen so tüchtig vor, schoben ihre Persönlichkeit in Kunst und Leben so „selbstbewußt" in den Vordergrund, daß unsere Mitbürger es mit der Wut bekamen und ohne so sein zu unterscheiden zwischen den beiden Komponenten, aus denen der Mosaite sich zusammensetzt, einfach auf die Juden losschimpften. Nach einer anderen Richtung mußte uns aber auch das Versteckspielen mit unserem Judentum gefährlich werden: Die Christen, die jeder Blick ins Leben lehrte, daß die Juden doch wahrlich nicht so scheue Wesen sind, mußten stutzig werden, daß die Juden mit ihrer Religion so geheimnisvoll thaten. Wir haben blutenden Herzens sehen müssen, daß selbst Männer von Bildung und Intelligenz die Berechtigung der Blutbeschuldigung nicht so ganz verneinten, daß sie zwar gern zugeben, daß die Juden, die sie selbst kannten, derartiger Verbrechen unfähig wären, daß man