Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 1. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 wird in der Stille der Nacht, in Art des Traumes vernommen; auf diesem Wege hatte ja Gott einst auch den Abimelech gewarnt. Man sieht, wie jenes Ueberführtwerden von dem eigenen verdamm enswerthen Thun zufolge seines Anschlusses an die klare Forderung des Gesetzes und an die unter das Licht der prophetischen Betrachtung gestellten Leidensfügungen selbst in die Reihe der OffenbarungsWirkungen Gottes hin ein tritt. Sofern dabei die Vergegenwärtigung des Thatbestandes, verbunden mit der Gemüthsbewegung im Gesichtskreise steht, genügt es, dem Hebräer, von einem ,,Pochen des Herzens“ oder ,,Regung des Gemiithes“ zu reden. Selbstverständlich weiss er auch von der Unvertilgbarkeit der eigenen Missethat aus dem Gedächtnisse (Jeremia 17,1). Wo sich aber ein Anspruch erhebt, der mit dem Bewusstsein vorhandener sittlicher Gesinnung• und redlichen Strebens in Widerstreit kommt, da ist sich der fromme Israelit bewusst, eine Offenbarung Gottes zu empfangen, die sich ihm dann zu einer anschaulichen Vorstellung der Einbildung verdichtet. Ihm bleibt kein Zweifel, woher er dies Unabweisliche, geistige, und doch von dem Eigenen sich empfindlich abhebende abzuleiten hat; eben deshalb steht aber dessen Gültigkeit so wenig in Frage, als die heilsame Wirkung, wenn man sich ihm unterordnet. Und damit dürfte der Punkt getroffen sein, wo recht eigentlich die unverwüstliche Lebenskraft der jüdischen Religion und ihre unabweisliche Macht über die Herzen ihren Sitz hat. Hätte sie dem Menschen nicht das im eigentlichen Sinne Menschliche, sein wahres Menschenthum so überzeugend vorgehalten, wie hätte er ihr die Offenbarungen Gottes auf die Hauer geglaubt? Wie hätte dieser Glaube eine solche Kraft bewahren mögen, dass er seine Macht unter dem Zusammen brechen des bergenden Gottes- Staates gleich deutlich durch den ihm gewidmeten Hass wie durch die ihm zufallenden Eroberungen ans Licht stellen konnte? Ein dumpfes und stumpfes Sichunterwerfen unter das Ansehen der überlieferten Lehre war durchaus nicht die Sache der Israeliten insgemein; sonst hätte sich die Theodiceebewegung nicht mit so breiten und tiefen Spuren in die kirchlich gebilligte schriftliche Ueberlieferung eingraben können. Man hat oft die Frage aufgeworfen: Was hat das Judenthum so lange erhalten, während andere Religionen des Alterthums, wie ihre Völker, zu Grunde gegangen sind? Man sollte die Frage umgekehrt vorlegen : was hat andere Religionen zu Grunde gerichtet? Nichts anderes, als dies: der tiefere sittliche Gehalt, den diese. Völker später erkannt haben, als sie ihre Religion besassen: der tiefere sittliche Gehalt, den sie empfangen hatten, entweder durch fremde Ideen, die bei ihnen eingewandert, oder durch eigene geistige Entwickelung, der zerstörte den Glauben an den minder sittlichen Gehalt ihrer Religion; der eigene sittliche höher entwickelte Geist des Volkes sprach gegen den Geist seiner eigenen Religion; das Lebendige sprengt das Tote; ein Samenkorn, das zufällig in die Ritze eines Felsens gefallen ist und darin Boden gefunden hat, dass es sich zu einer Pflanze entwickelt und daraus ein Baum erwächst, sprengt nachher den Felsen. Ein kleines Samenkörn; aber das Lebendige überwindet das Tote. Das war nun der Fall bei den Religionen der alten Völker; der tiefere sittliche Gehalt des höher entwickelten Geistes zerstörte den minderwerthigen Gehalt der Religion. In ganz entgegengesetzter Lage befand sich das Judenthum. Hier gerieth nicht ein durch Nachdenken geschärftes, durch den schreienden Widerspruch der Sitte erst erwecktes sittliches Urtheil in Gegensatz zu dem übererbten Ansehen, sondern eben die göttliche Ordnung und lehrende Erziehung hat stetig die Wachsamkeit jenes Urtheils erhalten und gesteigert, und darum fand das wache sittliche Bewusstsein in den Rechten und Zeugnissen Gottes sein volles Genüge. Hier ist es also nicht eine Unreife des sittlichen Bewusstseins gewesen, die so lange die Haltung des Gesetzes erhielt, bis von aussen der Anstoss zu einem Versuche selbsteigener Mündigsprechung kam; vielmehr so gewiss die Gebundenheit an den Gehalt des Gesetzes der Berufung auf das Gewissen die Zuversichtgab und ihr eine gewisse vertrauliche Häufigkeit ermöglichte, so gewiss hatte sie schon zuvor eine lautere, kräftige und regsame Selbstbeurtheilung erwirkt; und wenn diese nicht als ein selbständiger, innerer Vorgang sich für die Selbstbeobachtung heraushob, das heisst nicht in einem bestimmten Namen ausgeprägt ist, so geschah es deshalb, weil sie nur Anwendung und Ausführung dessen sein konnte, was in Gesetz und in prophetischer Geschichtsbetrachtung zu hören war und zu lesen stand. Die geoffenbarte Religion vermag darum das sittliche Bewusstsein unter Vormundschaft der äusseren Satzungen festzuhalten, bis י ס sie und sie allein auf ihrer Vollendungsstufe die sittliehe Person im wahren Sinne und in tiefer Kraft mündig macht, indem sie mit einem Schlage die Selbstbeurtlieilung zur vollen Klarheit und Schärfe führt und zugleich an die lebendig vergegenwärtigte religiössittliche Wahrheit kraft jenes Zuges der Wahrhaftigkeit zu ihrem mütterlichen Boden bindet. Die Regierungszeit der Königin Salome Alexandra u. Simon ben Sclietach. Von Rabbiner D1\ Immanuel Deutsch. V. (Sßhluss.) Von grösster Tragweite und Bedeutung für die bessere Umgestaltung der Verhältnisse des jüdischen Volkes waren drei gesetzliche Anordnungen, welche den Simon ben Sclietach nach dem Zeugnisse unserer Quellen zum Urheber haben. Sie betreffen: die Sicherstellung des Heirathsgutes der Frau, als Präservativ gegen voreilige Ehescheidungen, die Einführung eines regelmässigen Schulunterrichtes und die Ausdehnung der levitischen Unreinheit auch auf metallene Gefässe. Um die Wichtigkeit der ersten Massregeln, welche den zu Simon’s Zeiten häufigen voreiligen Ehescheidungen Vorbeugen sollten, gehörig zu begreifen, dürfen wir die Mühe der Ausführlichkeit nicht scheuen und müssen unsere Quellen in den verschiedenen Versionen würdigen. Während eine Quelle*) die Anordnung Simon’s ganz *) Babli Sabbath 14 b. \