Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 1. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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- V einer unedlen Tliat. In anderer Weise wird die Wirkung eines bösen Gewissens schon bei Kain in dem gesenkten, zornig-scheuen Blicke zur Anschauung gebracht. Abigail bittet den David, nicht etwas zu thun, Avas er später im Herzen, als Vorwurf — (wörtlich ״Anstoss“) — empfinden könnte. Wenn der Psalmist spricht: ,,ich preise Gott, der mir gerathen, auch in Nächten mahnt mich mein Inneres“, oder ,.du prüftest mein Herz, suchtest es bei Nacht, erprobtest mich und fandest nicht, selbst unausgesprochen, den schlimmen Gedanken in mir“, so deutet dies die im Gedanken der Allgegenwart Gottes sich ihrer selbst bewusste Reinheit des GeAvissens an. Den Frieden, den ein gutes Gewissen verleiht, bezeugt der sogleich auf dem Lager sich einfindende Schlummer eines in Gott allein freudigen und beruhigten Herzens. Figürliche und andere Ausdrücke für errötliende Scham und Reue bei dem innen! quälenden Gefühle begangener Sünden kommen ebenfalls vielfach vor. Diese wenigen Stellen bezeugen zur Genüge, dass י מ רז רז die Regungen des Gemüthes, die wir unter den Begriff des GeAvissens subsumieren, der heiligen Schrift Avohl bekannt Avaren. Wenn jedoch in der heiligen Schrift diese Regungen des Gemüthes nicht unter einem Namen zusammengefasst Avorden sind, d. h. Avenn sie für den Begriff ,,Gewissen“ keinen besonderen Namen ausgeprägt hat, so ist der Grund anderswo zu suchen. Zunächst aber Avollen Avir uns den psychologischen Prozess vergegenwärtigen, der bei der Bildung eines Namens für innere Regungen des Gemüths massgebend ist. Die Klarheit des BeAAUisstseins für innere Erlebnisse hält durchaus nicht gleichen Schritt mit der Stärke des Eindruckes, den sie hinterlassen und mit der Lebhaftigkeit des Ausdruckes, den sie hervorrufen. Erst dann hebt ein klares SelbstbeAvusstsein zu tagen רז an, wenn man die inneren Erlebnisse nach ihren Eigenthümlichkeiten in Gruppen, verbindet und sondert. Eben damit stellt sich dann auch das Bedürfniss nach einem bestimmten Namen ein, in welchem die entscheidende Eigenthümlichkeit einer Gruppe ihren treffenden Ausdruck findet, oder über dessen Geltung• für eine solche man stillscliAveigend übereinkommt. Und darum Avird das Auftauchen einer solchen in der Prägung begriffenen Bezeichnung als Anzeichen gelten dürfen, dass das unbestimmte Bewusstsein sich zu unterscheidender Kenntniss klärt. Nicht als wäre dabei schon an wissenschaftliche Untersuchung zu denken. Der erörterte Vorgang findet vielmehr sein nächstes Endergebnis in einem allgemeinen Erfahrungsurtlieil über den Thatbestand des inneren Lebens, ohne dass mit diesem die Erkenntnis a7erkunden sein müsste, woher er zu erklären sei, oder auch nur der Versuch, eine solche zu gewinnen. In jenen Bezeichnungen liegt also eine vor aller Philosophie entstandene volksthümliche Anthropologie. Dieser psychologische Vorgang dokumentirte sich bei den alten Völkern in der Ausprägung des Begriffs ,,Gewissen“, d. h. der Begriff ist aus dem Volke herausgewachsen. Da jedoch die führenden Völker der alten Bildung keinen anderen sichern Weg zur Klarlegung der höheren Natur des Menschen kannten, als das wissenschaftliche Denken, so waren sie nicht imstande, jene gewaltsamen Regungen in dem verworrenen sittlichen Bewusstsein der ungebildeten Menge auf ein sich bekundendes festes Gesetz hin zu untersuchen, d. h. nach der Offenbarung jener höheren Natur zu forschen. Das natürliche Gewissen hatte deshalb bei den alten Völkern dass vollkommene Erfülltsein von den betreffenden volksmässigen Lebensstoffen zur Voraussetzung d. 11. von dem Inhalte und Verlaufe des gewöhnlichen Menschenlebens. Demgemäss handelte es sich bei den Griechen um einen anderen Gewissensinhalt, als bei den Römern. Das liiesse mit anderen Worten: das natürliche Ge1A׳issen der Menschen urtheilte nach der öffentlichen Meinung. In einer ganz anderen Lage befand sich das hebräische Volk. Unter dem alten Bunde gewann jede der inneren Regungen durch die von Aussen ihnen gebotenen Antriebe die Kraft, sich als Wirklichkeit zu behaupten. In der Reihe der dahin wirkenden Mächte steht zweifellos die Thora selbst obenan; in ihrer Beschaffenheit kommt sie diesem Bedürfnisse in doppelter Weise entgegen; sie leistet einmal eine unbeugsame Bürgschaft für die Gültigkeit der sittlichen Forderung, Aveil diese die von Gott am Sinai gestellte Bedingung für das Bundesverliältniss mit ihm ist. Für Israel ist deshalb jede Möglichkeit eines sittlichen Aristokratismus abgeschnitten, indem die Thora einem jeden die Verantwortung in das GeAvissen schiebt, weil er Gottes Willen weiss. Die Thora weist sich aber auch durch ihre. Wahrheit an dein eigenen Bewusstsein des Israeliten aus, so dass er ihr Weisheit, Erleuchtung, Einsicht zu verdanken nicht leugnen kann und mag. Das Gesetz führte zu jener Sicherheit und Kraft der Selbstbeurtlieilung, zu deren Entwickelung die Auerkennung des ,,dass“ und die Einsicht in das ״was“ der sittlichen Forderung Zusammenwirken. Aber indem es das böse GeAvissen erweckt, giebt es auch innerhalb des Bundes in der Bedingtheit seiner Forderung den Anlass zu jenen Aeusserungen eines guten Gewissens. Dass dem in der Tliat so war, dafür giebt es einen überzeugenden Beweis durch Thatsachen. Sowohl wenn die prophetischen Männer auf die sittliehe Gesinnung drängen, ohne die die Tliat keinen Werth habe, als auch wenn die Weisen im Volke die Sittenlehre für das tägliche Leben weiter ausführen, gründen sich beide ohne Unterschied mit Erkenntniss und Forderung auf die Thora. Sind es doch die Rechte und Gebote, wie sie Gott hat verkünden lassen, also das offenbarte, das geschichtlich gegebene und lebendige Gesetz, was ,,zum Objekte der lyrischen Stimmung“ in den Psalmen wird. Aus eben demselben Gesetze des Bundes und nicht ,,aus der praktischen Vernunft“ leiten die Propheten sittliche Erkenntniss und Thätigkeit ab. Dazwischen eintretende Beziehungen auf gottesdienstliche Einrichtungen machen es klar, dass sie bei aller Verinnerlichung der sittlichen Anforderung ihr eigenes Denken ausschliesslich an der unzertrennbaren heiligen Gottesordnung gebildet haben. Bleibt die sittliche Regung des Gemüthes stumm, dann muss Gott selbst vornehmlich reden, wie er in dem anschaulichen Berichte von der Urgeschichte dem Kain seine Verbrechen vorhält. Die Gottesstimme ו