Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 1. (1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 1. -1901. Jüdisches Litteratur Jahrg. XXY. Zur Beleuchtung aller Juüenthum und Juden betrelVenden litterarischen Erseheinungen auf dem Gebiete der Philo- Sophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, 01'ientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Yeraiitwörtlicher Redacteur: Rabbiner I)r. M. Ralimer in Magdeburg. Verlag־ und Expedition: Siegfried Cronbach in Berlin W. hl. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die R e d a ction, Inserate u. Beilagen an die E x p e ־ d i t i o n franco einzusenden. Das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint monatlich im Umfange eines ganzen Bogens und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Siegfried Cronbacli in Berlin W. 571 vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ״Israelitischen Wochenschrift“ (Redacteur M. A. Klaustier), welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 2.50 M. kostet, erhalten das ,,Jüdische Litteratur-Blatt“ als Grätis-Beilage. — Inserate werden mit 30 Pfg. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Pf Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Das ״Gewissen“ in der Bibel. Von Dr. B. Seligkowi tz - Cöthen. Der verstorbene geistvolle Sprach- und Religionsforscher Max Müller erinnert mit gutem Rechte die Gelehrten daran, dass sie vielmals Opfer einer neuen Art von Mythologie sind und eifrig an dem wundersamen Gewebe der halbbewussten Denkarbeit der Sprache mitschalfen. Ausgehend von der Einwirkung der Wörter auf religiöse Vorstellungen sagt er: ,,Unter veränderter Form behält die Sprache doch ihre terborgene Zauberkraft; und wenn sie nicht mehr Götter und Helden erschafft, so erschaft sie manchen Na men, der ähnlicher Verehrung gewürdigt wird. Wer den Einfluss, den Wörter, blos Wörter, auf das menschliche Denken ausgeübt haben, genau verfolgen könnte, möchte eine Weltgeschichte schreiben, welche uns vielleicht mehr lehrte, als irgend eine, die wir besitzen. Wörter ohne bestimmte Bedeutung wirken im tiefsten Grunde bei allen unsern philosophischen und religiösen Kontroversen mit, und selbst die sogenannten exakten Wissenschaften sind schon oft durch dieselbe Sireneustimme irregeführt worden. Ich denke an Wörter, welche Jedermann gebraucht und welche so klar und verständlich zu sein scheinen, dass es fast als eine Keckheit erscheint, sie herauszufordern und zjir Rechenschaft zu ziehen. Dennoch is*t es, etwa mit Ausnahme der Sprache der Mathematik, merkwürdig zu beobachten, wie veränderlich die Bedeutung der Wörter ist, wie sie von Jahrhundert zu Jahrhundert wechselt, ja, wie sie selbst im Munde jedes Sprechenden sich leise abschattirt. Ausdrücke wie Natur, Gesetz, Freiheit, Nothwendigkeit, Körper, Substanz, Materie, Kirche, Staat, Offenbarung, Eingebung, Erkenntniss, Glaube, werden in den Wortkriegen hin und her geschleudert, wie wenn jeder sie kennte und in demselben Sinne gebrauchte, während doch die meisten Menschen und ganz besonders die, welche die öffentliche Meinung repräsentieren, diese komplizirten Ausdrücke in ihrer Kindheit auf lasen, indem sie mit den unbestimmtesten Vorstellungen anfangen, dann von Zeit zu Zeit etwas mehr hineinlegen, aber, indem sie sich nie über ihren Wortvorrath Rechenschaft geben, niemals geschichtliche Forschungen über die Ausdrücke anstellen, mit denen sie so frei umspringen, und auch nie ihre Bedeutungen, ihrer ganzen Fülle und ihrem Umfange nach, den genauen Regeln logischer Definitionen gemäss zu ihrem Rechte kommeiJlassen.“ — Ohne Fehlgriff hätte das Wort ,,Gewissen“ jener Aufzählung eingefügt werden müssen. Mehr als ein ernst und scharf denkender Mann ist vom Ueberdruss ergriffen worden, wenn er die verschiedenartigsten Definitionen durchmusterte, die man von diesem Begriff gegeben hat, und wollte man in trockener Aufzählung die Meinungen wiedergeben, die seitdem darüber geäussert sind, so könnte der durchmusternde Leser wohl an der Möglichkeit einer Verständigung über den Begriff verzweifeln. So haben mehrere Etliiker die Bedeutung des Gewissens für das sittliche Leben möglichst heruntergedrückt und andere wiederum gerathen, das Wort aus dem wissenschaftlichen Verkehr überhaupt zu verbannen. Uns drängt sich die eigenthümliche Thatsache auf, dass die heilige Schrift, der doch die Kraft innegewohnt hat, ihre Bekenner zu ernster sittlicher Selbstbeurtheilung zu vermögen, für das innere Erlebniss einer nur ausweichlich wiederkehrenden Selbstbeurtheilung -—für das Gewissen — keinen besonderen Namen ausgeprägt hat. Sollte dies vielleicht ein Mangel an einem klaren Selbstbewusstsein sein, um die inneren Erlebnisse des Gemüths nach ihrer Eigenthümlichkeit in Gruppen zu ordnen; oder sollte die heilige Schrift das Gewissen als solches noch nicht gekannt haben? Dies kann um so weniger der Fall sein, als in der heiligen Schrift die verschiedensten Regungen des Gemüths, die wir unter den Begriff •׳des Gewissens subsumieren, in den verschiedensten Färbungen sich vertreten finden. So wird das ,,Pochen des Herzens“ bei inneren heftigen Aufregungen des Gemüths besonders da bedeutsam, wo es die Regung des Gewissens andeutet. David pocht das Herz nach der gesetzwidrigen Volkszählung; ebenso als er, dem Saul unsichtbar nahe, diesem eine Ecke des Kleides abgeschnitten. Ist es im ersten Falle das strafende, so ist es im zweiten Falle das mahnende oder wachende Gewissen bei der nahen, wenn auch vermiedenen Möglichkeit