Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- Seite 55 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Israelitische Wochenschrift. Seite 66. Teil dem hiesigen Lehrerverein zum Bau eines Seminargebäudes überlassen. Das hiesige Seminar hat sowohl Gartenbau wie Handsertigkeitsunterricht als obligatorische Lehrfächer im Lehrplan ausgenommen. Wir müssen indessen offen bekennen, daß bislang nur ein geringer Teil der seit 1884 ausgebildeten Seminaristen, die von Natur besonders zu praktischen Arbeiten veranlagten, in Handfertigkeit und Gartenbau sich soweit auf dem hiesigen Seminar vervollkommnethaben, um ihrerseits Unterricht in diesen Fächern erteilen zu können. Es würde zu weit führen, die Gründe hierfür anzugeben. Nur kann erfreulicher Weise konstatiert werden, daß nach den kürzlich erfolgten Aenderungen sowohl die Lehrer, wie der Lehrplan die volle Gewähr dafür bieten, den größten Teil der Seminaristen so weit zu bringen, um später als Lehrer in diesen Unterrtchtszweigen erfolgreich unterrichten zu können. Da unser Verein sich nicht aus Hannover beschränkt, so haben wir auch einige auswärtige jüdische Lehrer unterstützt, um in ihren Schulen Gartenbau- und Handsertigkeitsunterricht einzusühren. Von diesen hat namentlich der Lehrer Rothschild in Achim gute Erfolge erzielt. Einige andere jüdische Seminarien, die der Verfasser zur Einführung des Gartenbau- und Handfertigkeitsunterrichts seiner Zeit bewegen wollte, lehnten dies ab, teils aus Zeit-, teils aus Raummangel. Obgleich jeder, der die Verhältnisse einigermaßen kennt, zugeben muß, in wie hohem Grad die jüdischen Seminaristen mit Arbeiten belastet find, so ließen sich doch wahrscheinlich bei energischem Willen, wie in Hannover auch in anderen Seminarien 2 Stunden wöchentlich für diese Lehrzweige finden, umso mehr, da diese Stunden bei rationellem Unterricht für die jungen Leute eine angenehme Erholung von der geistigen Anstrengung gewähren. Andernfalls halte ich es namentlich für jüdische Lehrer für wichtig genug, wenn nötigenfalls der Lehrkursus aus den Seminarien um einige Monate verlängert würde. Ein großer Teil der christlichen Knaben, mögen es nun Kinder von Bauern, Handwerkern oder gewöhnlichen Arbeitern sein, sieht, wie die nächsten Angehörigen mit den verschiedenen Handwerkszeugen und Ackergeräten manipulieren, und bei dem natürlichen Hang der Kinder, das, was sie vor sich sehen, nachzuahmen, eignen sie sich unbewußt eine gewisse Handfertigkeit an; außerdem werden solche Kinder meistens schon in frühen Jahren zu praktischen Handleistungen herangezogen. Aus Gründen, die weder wir noch unsere Voreltern verschuldet haben, sondern die uns durch eine unduldsame Gesetzgebung ausgedrängt wurden, hat sich bislang ein verhältnismäßig geringerer Prozentsatz Juden als Nichtjuden dem Handwerk und der Bodenkultur zugewandt, und jüdische Kinder haben deshalb auch weit seltener Gelegenheit, praktische Handleistungen in ihrer nächsten Umgebung zu sehen und sich eine gewisse Handfertigkeit anzueignen. Kommt nun nach dem Verlassen der Schule ein jüdischer Knabe zugleich mit einem nichtjüdischen bei einem Handwerker in die Lehre, so ist der jüdische Knabe dem andern gegenüber, der mit den verschiedenen Handwerkszeugen besser umgehen kann, im Nachteil. Die Folgen davon sind häufig Spöttereien. Das und der Umstand, daß man sich mit dem weniger geschickten Knaben weniger Mühe giebt und ihn zu den besseren Arbeiten nicht zuzieht, entmutigen manchmal und flößen anstatt Schaffenslust Unlust zu dem gewählten Beruf ein. Hat aber der Knabe durch Handfertigkeits- und Gartenbauunterricht die für seinen Berus wünschenswerte Geschicklichkeit vor dem Eintritt in die Lehre bereits erworben, so wird er mit Lust und Liebe und auch mit Erfolg lernen, und als geschickter Gehilfe und Meister eine geachtete Stellung einnehmen, ehrenvoll für sich und seine Glaubensgenossen. Aber nicht nur für Knaben, die sich dem Handwerk, der Gärtnerei und der Landwirtschaft widmen wollen, ist Gartenbau- und Handfertigkeitsunterricht im späteren Leben nützlich, sondern für alle Berussarten aus praktischen, ethischen und sozialen Gründen. Abgesehen von der durch diese Arbeiten bewirkten Kräftigung der Muskeln und der Gesundheit, wird Auge und Hand geübt, was für jeden Stand von großem Nutzen ist. Durch den Gartenbau wird der Sinn für Pflanzen und für die Natur geweckt, und Jeder, dem dieser Sinn anerzogen ist, wird bei Spaziergängen sowie bei größeren Fußtouren einen Genuß haben, den der gleichgiltig an Pflanzen Vorübergehende garnicht kennt. Ein Kaufmann oder ein Gelehrter, der später in die Lage kommt, ein Gärtchen pachtweise oder als Eigentum zu besitzen und darin einige Stunden am Tag arbeiten kann, verschafft sich dadurch eine Erholung und ein Vergnügen, weit heilsamer für seine Gesundheit, als Kartenspiel oder ähnliche Unterhaltungen. Nichts ist besser geeignet, die soziale Kluft zwischen den einzelnen Ständen zu überbrücken, als wenn junge Leute, die sich den sogenannten höheren Ständen, beispielsweise dem Gelehrtenstand widmen, in ihrer Knabenzeit Handfertigkeits- und Gartenbauunterricht genossen haben und später zu ihrem Vergnügen das eine oder andere weiter betreiben. Sie wissen dann, welches Maß von Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit für die einzelnen Arbeiten erforderlich sind, und lernen nicht nur die Arbeit, sondern auch den guten Arbeiter schätzen, während dieser, wenn er sieht, wie der Kaufmann und Gelehrte sich nicht schämt, dieselbe Arbeit zu verrichten, das Mißtrauen gegen die ihm geistig überlegenen Klassen verliert. Einige hervorragende Pädagogen Deutschlands, noch mehr aber die Schulmänner Frankreichs und Englands haben die Ueberzeugung gewonnen, daß während der Schulzeit nicht nur die intellektuellen, sondern auch die praktischen und physischen Fähigkeiten der Kinder geweckt werden müssen. Der Franzose nennt diese Erziehungsmethode education integrale. Aus der letzten Ausstellung in Paris konnte man beobachten, welche Fortschritte auf diesem Gebiet in Frankreich, namentlich in Paris gemacht sind. Mit dem Kindergarten, der in Frankreich auch zu dem öffentlichen Schulwesen gehört, beginnend, konnte man an den angesertigten Gegenständen und an den ausgestellten Schulheften beobachten, wie die praktischen und intellektuellen Fortschritte Hand in Hand gingen. Auch in London ist in den meisten öffentlichen Schulen der Handfertigkeitsunterricht obligatorisch eingesührt. Giebt man den Kindern Gelegenheit, während ihrer Schulzeit ihre verschiedenen Fähigkeiten zu entwickeln, so können Eltern und Lehrer aus den Anlagen und Neigungen ' Schlüsse ziehen, für welchen Beruf sich der Einzelne besonders