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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · p. Seite 829

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 829 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 829. —«n die Schwierigkeiten noch vermehrt werden, indem man 1700 bis 1800 Plätze denen fortnehme, die sie zur Zeit innehätten. Man müsse Mittel finden, die das, was alle wollten, bewirkten; auf dem vorgeschlagenen Weg aber werde man es niemals erreichen können. Es wäre zunächst zu erwägen, ob man nicht bei einem Neubau, der demnächst für den Nordosten und wahrscheinlich auch für den Nordwesten geplant sei, nur die Hälfte der Plätze vermieten sollte. Von großem Wert sei es auch, bereits jetzt in den verschiedenen Stadtteilen Gottesdienste einzurichten, die von vornherein vollständig unentgeltlich wären. Dies würde mit der Zeit dahin führen, einem überwiegenden Teil der Gemeinde unentgeltlichen Gottesdienst zu gewähren. — Herr Professor Lewin ist der Ansicht, daß der Antrag eigentlich keiner Begründung bedürfe. Die geäußerten Gegengründe seien aus verschiedenen Gesichtspunkten sehr fadenscheinig. Es sei eine soziale Pflicht der Gemeinde, Plätze für die frei zu lassen, denen die Bezahlung schwer würde. Dieser Pflicht könne man sich nicht entziehen, auch auf anderen Gebieten werde die Last den schwachen Schultern abgenommen. Nichts von alledem in der jüdischen Gemeinde. Wenn die Plätze in den Synagogen ohnehin nicht ausreichten, so läge doch kein Grund vor, die geforderten Plätze frei zu lassen. Weder die Ueberfüllung noch die Bezahlung hätte mit seinem Antrag zu thun, eine technische und eine Verwaltungsschwierigkeit werde sich in keiner Weise daraus ergeben können. Den Ausfall könne die Berliner Gemeinde tragen. In dem Antrag läge auch ein ethisches und ein religiöses Moment. Welche Abnormität, daß nur der seinem Gott dienen könne, der vorher seinen Obolus entrichtet hätte! Bei Mohammedanern, Protestanten oder Katholiken solle man suchen, ob eine derartige Abnormität vorkäme. Dieses Entreebillet zum Gottesdienst sei eine Farce, die noch viel größer würde, wenn man die Aufschrift über dem Thor der Neuen Synagoge betrachte: „Oeffnet die Thore, daß das gerechte Volk einziehe!" Wenn das Volk einziehen wolle, so fände es acht Kontrolleure. Es finde sich in der That ein Weg, um zum Ziele zu kommen. Wenn die Synagoge voll sei, so werde die Thür geschlossen. Wer zuerst da sei, sei eben da. Das Publikum werde kein schlechteres werden. Ein Unterschied zwischem gutem und schlechtem Publikum in der Synagoge könne nicht konstruiert werden. Es sei nicht angängig, bis zum Neubau einer Synagoge zu warten. Derselbe Wunsch hätte Vorgelegen, als die Lützowstraßensynagoge gebaut worden sei. Die jetzige Verabfolgung von Freiplätzen stelle nicht den Kern seines Antrages dar. Wenn nicht so viel Plätze vorhanden seien als Bedarf, wie komme es dann, daß in der Lützowstraße eine große Zahl unvermietet geblieben sei! Man müßte sich genieren, wenn außerhalb der jüdischen Gemeinde Stehende diese Interna erfahren würden, daß in der jüdischen Gemeinde, die für die Wohlthätigkeit so viel thue, (Ist es wirklich so viel? Die Redaktion.) die elementare Forderung gebildeter Menschen nicht erfüllt werde, nämlich zu gestatten, daß jeder unentgeltlich seinem Gott dienen könne. — Herr Justizrat Meyer will doch einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Publikum in der Synagoge konstruieren. Die großen Steuerkontribuenten müßten mehr Berücksichtigung finden als die, die von der Armenkommission unterstützt würden. Die vorgeschlagene Maßregel sei vollkommen unzureichend. Er halte speziell die Erneuerung der Synagogenplätze für ein großes Unrecht, da die Plätze immer in derselben Hand blieben. So lange dies nicht abgeschafft würde, werde man unmöglich 200 Menschen expropriieren können. Die Plätze, die in der Lützowstraße unvermietet geblieben seien, befänden sich in den ersten Reihen und seien seiner Ansicht nach auch viel zu teuer. Er bedauere die ganze Sachlage und hoffe es noch zu erleben, daß die Gemeinde das Prinzip der Wiedervermietung der Plätze aufgebe. Es lägen jetzt bereits mindestens 100 Meldungen zum nächsten Jahr vor. Er sei der Meinung, daß wir noch zu wenig Synagogen hätten. Man müßte sich auf den Boden der Thatsachen stellen und hätte Rücksichten zu nehmen gegen die anständigen Menschen. Man könne nicht 200 Plätze expropriieren, um 200 Schnorrern die Plätze frei zu machen. — Herr Löwenthal macht auf die entstehenden Unannehmlichkeiten aufmerksam und weist speziell auf die Ueberfüllung der Bethäuser hin, sobald die jüdischen mit den christlichen Feiertagen zusammenfielen. Wenn erst so viel Gotteshäuser hergestellt wären, daß effektiv jeder Unterkommen könne, erst dann könne man dem Antrag näher treten, aber auch dann müsse man verlangen, daß jeder seinen Platz hätte. — Herr Dr. Minden hält es auch für unmöglich, an den großen Feiertagen die Synagogen so weit zu öffnen, daß jeder aus dem Volk hineinkommen könne. Gerade die Kranken und Schwachen, die am meisten Rücksicht verdienten, würden dann nicht dazu kommen, ihrem Schöpfer zu danken. Noch einen allgemeineren Gesichtspunkts wolle er anführen. Er glaube gar nicht, und langjährige Erfahrungen aus der Reformgemeinde ständen ihm hier zur Seite, daß die Gemeindemitglieder das Bedürfnis hätten, unentgeltlich in die Synagoge zu kommen. Der Wunsch nach Freiplätzen sei äußerst gering, das Bedürfnis gehe nur dahin, billigere Plätze zu erhalten. Er bitte, den Antrag abzulehnen, da er in der gestellten Form unausführbar sei. — Auch Vorsteher Jacoby ist der Ansicht, daß die Gemeindemitglieder die Plätze nicht geschenkt haben wollten. Die jüdischen Verhältnisse ließen sich mit denen in anderen Konfessionen gar nicht vergleichen, weil in den jüdischen Gottesdiensten weit mehr geboten würde. Hier wird — es ist Schlag 12 Uhr — die Debatte durch den Vorsitzenden unterbrochen, um die Einführung des neugewählten Vorstandsmitglieds Herrn Heinrich Eisner zu vollziehen. Herr Louis Sachs drückt bei der Vereidigung die Ueberzeugung aus, daß die Erfahrungen, die der Gewählte in der Leitnng seines Weltinstitutes sich erworben hätte, für die Gemeindeverwaltung, die sich ja hauptsächlich mit der Lösung praktischer Frage zu beschäftigen hätte, sehr gut verwertet werden können. Der Gewählte sei auch bekannt als ein Mann des Friedens in religiösen Fragen; man wisse, daß er einem vernünftigen Fortschritt huldige, ohne Althergebrachtes zu stören.'Z So werde er ein Versöhnungsglied zwischen Vorstand und Repräsentantenversammlung und seine Thätigkeit hoffentlich eine glückbringende sein. Herr Eisner dankt für die freundlichen Worte und versichert, daß er das aufrichtige Bestreben habe, für das Interesse und das Wohl der Gemeinde zu wirken. — Die unterbrochene Debatte wird durch Herrn Leonhard Sachs wieder ausgenommen. Soviel

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