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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · p. Seite 825

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 825 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 825. dankt die gelehrte Welt das von den Freunden gemeinschaftlich verfaßte kritisch-literarische Werk „Les rabbins francais“. Die literarische Bedeutung Dr. Neubauers wird zu einer ganz besonderen durch die große Anzahl der Sprachen, in denen er geschrieben. Er schrieb und sprach deutsch, französisch, englisch, italienisch und hebräisch mit gleicher Vollendung und beherrschte noch eine Reihe von anderen Sprachen. Seinen hauptsächlichen Ruhm hat der Gelehrte aber als Bibliothekar erworben, wo ihm vor Allem klare und rasche Beurteilung zu eigen war. Er war einer der Ersten, der den Wert der aus der Jemen-, später aus den Cairo-Geniza kommenden Manuskripte erkannte. Dr. Neubauer bereicherte durch mit großer Sachkenntnis abgeschlossene Ankäufe' die Oxsorder Bibliothek um manchen kostbaren Schatz. Die von Zeit zu Zeit herausgegebenen Supplement-Kataloge beweisen die großartige Ausdehnung, die der Dr. Neubauer unterstellte Teil der Bodleyanischen Manuskriptsammlung in den letzten Jahren gewonnen hat. Der Hauptbestand der Bodleyanischen Manuskripte wurde von Dr. Neubauer in einem Band katalogisiert, der im Jahre 1886 erschien und 40 Facsimiles enthielt. Dr. Steinschneider hat einen Katalog der gedruckten Bücher herausgegeben und auch eine Liste einiger Manuskripte der Bodleyanischen Bibliothek veröffentlicht. Unter Dr. Neubauers Amtsführung hat die Sammlung der gedruckten Bücher sich so vermehrt, daß die Neuanschaffungen einen eben so umfangreichen Katalog füllen würden, wie der von Dr. Steinschneider so meisterhaft zusammengestellte. Der Katalog der Manuskripte umfaßt — ohne die obenerwähnten Erwerbungen allerneuester Zeit — die Zahl von 2500. Dieser Katalog ist ein Denkmal von Fleiß und Gelehrsamkeit, der den Gelehrten der ganzen Welt die wertvollsten Dienste geleistet und der Anstoß zu manchen neuen Forschungen gegeben hat. Dr. Neubauer wird hoffentlich auch nach dem Verlassen seiner Stellung die großen Schätze seiner Gelehrsamkeit der wissenschaftlichen Welt nicht verschließen, sondern auch ferner durch seine Beiträge die vielen Zweige der jüdischen Literatur bereichern, der er mit so glänzendem Erfolg sein Leben gewidmet hat. Dr. Neubauer ist im Jahre 1832 in Ungarn geboren. Zu seinem Nachfolger ist der frühere Bibliothekar-Assistent A. E. Cowley ausersehen. In der letzten Sitzung des Kuratoriums der Bodleyanischen Bibliothek ist auf den Antrag des Vizekanzlers Dr. Fowler der einstimmige Beschluß gefaßt worden, die Pension für Dr. Neubauer anstatt der ihm zustehenden 200 L. St. aus 250 L. St. festzustellen. Ein Appell an die Knltusbeamten. „Einigkeit macht stark", lehrt eine alte Erfahrung, die in keinem Zeitalter so vielfach praktisch verwertet worden, wie in unseren Tagen. Wir leben gewissermaßen im Zeitalter der Berufs- und Fachvereine, der Ringe, Verbände, Gewerkschaften rc. Es giebt heute thatsächlich fast keine irgendwelche Anzahl von Personen, die eine irgendwelche Interessengemeinschaft haben, die sich nicht zur nachdrücklichen Wahrnehmung und Vertretung dieser ihrer Interessen vereinigte, organisierte. Alle derartige Organisationen haben mehr oder weniger den Zweck, der betreffenden Interessensphäre die moralisch und materiell möglichst besten Existenzbedingungen zu schaffen und zu erhalten, im Innern die Kraft zu heben und Benachteiligung von außen abzuwehren. So handeln heute die Angehörigen jedes Standes, jedes Berufes, jedes Gewerbes, vom Schlotbaron bis zum Tagelöhner, vom Geheimen Kommerzienrat bis zum Kellner; und der ungeheure Erfolg, der durch diese Berufsvereine und Interessenvertretungen erzielt wird, zeugt von ihrem hohen Wert und ihrem großen Segen. Nur eine Berufskategorie giebt es, die von diesem Segen nichts weiß und sich mit den Brosamen begnügt, die ihr von den Tischen anderer Organisationen zufallen. Der ehrenwerte Stand der jüdischen Kultusbeamten in den kleinen Gemeinden ist es, der diese bedauerliche Ausnahme macht. Ohne Energie, ohne Standesbewußtsein leben wir, zersplittert und vereinzelt, dumpf und stumpf dahin: Der eine seufzt beim Unterricht, der andere macht Wurst, der schilt den Vorstand aus (d. h. wenn's niemand hört) und der beklagt sein Los. Aber zu lebendiger, thatkräftiger, gemeinsamer Arbeit raffen wir uns nicht auf. Anstatt als selbständige Männer, geschlossen, mit Mut und Entschiedenheit auszutreten und selbst den Mund aufzuthun, lassen wir uns von anderen bevormunden, lassen wir uns von den jüdischen Lehrervereinen ins Schlepptau nehmen, die selbst wenig Lebensäußerung zeigen und mit denen wir eine nur teilweise Interessengemeinschaft haben. Jene sind Lehrer, nur Lehrer, die zumeist in leistungsfähigen Gemeinden oder an öffentlichen Schulen wirken und in gesicherter Stellung sich befinden. Wir dagegen sind Kultusbeamte^, £Jk__ Prediger, Kantoren, Religionslehrer und Schächter zugleich, wirken in kleinen Gemeinden als geistliche Funktionäre und in höchst unsicherer Position. Gemeinsame materielle Interessen haben wir also mit den Lehrern gar nicht und sachliche nur in sehr geringem Umfang. Da wir aber zu schlaff, zu energielos sind, um selbständig vorgehen zu können, müssen wir dem Himmel danken, daß die Lehrer sich mit uns alliieren, daß wir das Glück haben, ihren Nachtrab zu bilden, und daß wir aus Lehrer- und ihnen verwandten Kreisen Annehmer finden, die mit Wohlwollen und Wärme für unsere Förderung und Besserstellung eintreten. Diese unsere Anwälte jedoch stecken nicht in unserer Haut, wissen darum vielfach auch nicht, wo uns der Schuh drückt, beurteilen uns nach rein äußeren Beobachtungen, ohne sich in unsre Lage und unsre Stellung zu versetzen. — In solchen Fehler verfiel jüngst auch einer unsrer besten und wohlwollendsten Verfechter, Herr Adolf Peritz aus Königsberg i. Pr., gelegentlich einer Besprechung, der er die Höhe der Jahresbeiträge bei den jüdischen Lehrerpensionskassen in Nr. 44 dieses Blattes, unterzieht. Es scheint mir nun im Interesse der Kultusbeamten ratsam, ihm auf seine Ausführungen diesmal mit einigen Worten zu erwidern. Ehe ich auf die Sache eingehe, will ich indes bemerken, daß dieser treffliche Mann für die Liebe und den Eifer, womit er sich unseres hilflosen und ohnmächtigen Standes annimmt, die Anerkennung und Dankbarkeit aller Beteiligten in vollstem Maße verdient, und diese sollen ihm ungeschmälert zuteil werden, auch wenn manche seiner Ansichten und Behauptungen dem Kultusbeamten als unzutreffend erscheinen. Ein öffent-

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