Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 824 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 824. Israelitische Wochenschrift. Das Vorhandensein der Abneigung giebt er zu, hofft aber, sie durch ununterbrochene kulturelle Einwirkung auf die galizischen Juden und durch die glänzenden Erfolge der ersten Ackerbaugenoffenschaften bannen zu können. Die Möglichkeit dieses Umschwungs habe ich gar nicht ausgeschlossen, sondern auf die großen Schwierigkeiten, die nicht in zehn oder dreißig Jahren zu überwinden wären, hingewiesen. Bei dem wirklich sehr schweren Uebergang vom Krämertum zum Ackerbau an und für sich und bei dem den galizischen Juden anhaftenden Vorurteil gegen die Landwirtschaft, sowie bei dem zähen Konservatismus der jüdischen Massen Galiziens würden sich dem Werk fast unübersteigliche Hindernisse seitens des Kolonisationsmaterials selbst entgegenstellen, die in Verbindung mit den äußern, früher erörterten Hindernissen das ganze Projekt als unausführbar erscheinen lassen. Bei alledem bin ich nicht der Meinung, daß den galizischen Juden im Land selbst „gar nicht mehr zu Helsen" ist. Es ist weder mir noch meinen Gesinnungsgenossen je eingefallen, das Heil der galizischen Juden in der Auswanderung der ganzen dreiviertel Millionen galizischer Juden zu erblicken. Es sollen nur „die Ueberflüssigen" auswandern. Die Hilfe für die galizische Judenheit liegt einzig und allein in einer geregelten, nach einem geeigneten gemeinschaftlichen Territorium geleiteten Emigration eines Teiles von ihnen, wo die Emigranten zu tüchtigen Ackerbauern herangebildet werden sollen. Ich setze die Emigration nicht, wie Herr Dr. Tuch, an die zweite, sondern an die erste Stelle. Die Zahl der Juden in Galizien hat die Tragfähigkeit des Landes schon lange überschritten. Das industriearme Galizien könnte höchstens seine 400 000 und bei zu schaffender Industrie auch noch seine 500 000 Juden ernähren, aber nicht die jetzt hier lebende Zahl von dreiviertel Millionen. Durch die allmäliche Abnahme der jüdischen Bevölkerung würden die Zurückgebliebenen freieren Spielraum gewinnen und ihren Unterhalt ohne die jetzt alles vernichtende Konkurrenz ihrer eigenen Brüder gewinnen können. Aus den 272 000 überflüssigen, im unmenschlichsten Elend in Galizjen jetzt ihr Leben fristenden Juden könnten produktive und mit Liebe ihre Arbeit verrichtende Bürger geschaffen werden. Palästina ist der geeignetste historische Boden, auf dem wie durch Wunderwirkungen der galizische Jude über Nacht aus einem Pickeljuden ein tüchtiger Landwirt werden kann. Die in Palästina jetzt vorhandenen Schwierigkeiten sind behebbar und reduzieren sich auf die Geldfrage. Mit hinlänglichen Mitteln könnten dort tausende Hektare Boden von Juden erworben und kolonisiert werden. Die bedeutenden Mittel, die das galizische Kolonisationsprojekt mit vorauszusehendem Mißerfolg verschlingen müßte, würden in Palästina Wunder bewirken. Die westlichen Stammesgenossen müßten nur ihre unbegründete Scheu gegen Palästina ablegen. Unter den Zurückgebliebenen würde der Handel ausleben und eine Industrie leichter entstehen können. Nr. 62. Auch Ackerbaugenoffenschaften könnten dann hie und da entstehen, weil der Haß und Widerwillen der polnischen Bevölkerung bedeutend Nachlassen würde. Ein großangelegtes Kolonisationswerk galizischer Juden in Palästina würde also nach zwei Richtungen hin segensreich wirken: Es würde im Lande unserer Väter einen rührigen und kräftigen, dem ganzen Judentum zur Ehre gereichenden jüdischen Bauernstand schaffen, der vor der erstaunten Welt die Fabel, daß der Jude nur Handel und Spekulation zu betreiben versteht, ein für allemal aus der Welt zu verdrängen hätte, andererseits aber die materielle Lage der Zurückgebliebenen befestigen und dem Judenhaß die Spitze abbrechen. Das wäre erst das richtige und viel versprechende Rettungswerk für die galizischen Juden, an dem teilzunehmen es sich wahrlich verlohnen würde. §r. . SüiMtitl. London, im Dezember. Die Bodleyanische Bibliothek in Oxford erleidet durch den Rücktritt ihres Bibliothekars Dr. Neubauer einen schweren Verlust. Seit 1873 hat Dr. Neubauer das Amt verwaltet, das er jetzt eines Augenleidens wegen niederlegt, mehrere Jahre lang hat er auch in Oxford Vorträge über rabbinische Literatur gehalten. Durch seine Stellung als Bibliothekar hat Dr. Neubauer die hebräische Bücher- und Manuskript- Sammlungen in Oxford erst zu der Bedeutung erhoben, die sie jetzt vor fast allen anderen europäischen Sammlungen erreicht haben. Schon bevor er zu dem Posten an der Bodleyanischen Bibliothek berufen worden, hatte Dr. Neubauer in Oxford gelebt und die Vorarbeiten zu seinem meisterhaften Katalog der hebräischen Manuskripte begonnen, der 1886 erschienen ist. Er war schon damals als Bibliograph und Linguist bekannt und zählte Dr. Pusey und Ernst Renan zu seinen intimen Freunden. Im Jahr 1864 war Dr. Neubauer im Auftrag gelehrter Gesellschaften in Petersburg, um die zahlreichen dort aufbewahrten karaMschen Manuskripte zu studieren. Das Ergebnis dieser Studien veröffentlichte er in einem französischen Bericht und in dem deutschen Werk: „Aus der Petersburger Bibliothek" (1866). Eine vollständige Liste von Dr. Neubauers Beiträgen zur jüdischen Literatur würde ganze Spalten füllen; wir wollen nur einige der bedeutendsten hier anführen: „Geographie des Talmuds" (1868), „Jüdische Erläuterungen zu dem 53. Kapitel Jesaia" (1876), eine chaldäische Textausgabe des Buches Tobias (1878), zwei Bände mittelalterlicher jüdischer Chroniken, Stellen aus dem hebräischen Original des Ecclestastikus, und viele Essays über Bibelkunde, die in Berichten gelehrter Gesellschaften und in den bedeutendsten europäischen Zeitschriften erschienen sind. Das wissenschaftliche Interesse Dr. Neubauers war sehr vielseitig. Er bearbeitete die Geschichte der Juden in Oxford, die eulogische und satirische Literatur des Mittelalters für und gegen die Frauen, die interessanten Legenden über die zehn Stämme, die Briefe von jüdischen Reisenden, die Kontroversen zwischen Juden und Christen, kurz die schönen Wissenschaften in ihrem ganzen Umfang. Seiner Freundschaft mit Ernest Renan ver-