Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 823 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605007-9605222--7614-9605229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 823. östlichen und westlichen Juden, wie überhaupt das richtige Erfassen der jetzigen Phase der Judenfrage abgeht — so stimme ich doch mit Herrn Dr. Tuch vollständig in der Ansicht überein, daß schon das bloße Aufwerfen und genaue Erörtern dieser Fragen von weittragender Bedeutung ist, und daß mit der richtigen Beurteilung der Sachlage und der zu ergreifenden Hilfsmittel der erste wichtigste Schritt nach vorwärts gemacht wird. Herr Dr. Tuch hat durch seine Ausführungen die zwei unüberwindlichen Hindernisse, die sich einer massenhaften inneren Kolonisierung Galiziens mit Juden entgegentürmen würden, nicht aus der Welt geschafft. Ja, er hat sie stillschweigend zugegeben. Das erste gar nicht zu bewältigende Hindernis liegt — sagte ich — im Widerstande der christlichen Bevölkerung und in den Feindseligkeiten der autonomen und auch der Regierungsbehörden. Der Hinweis auf die 630 jüdischen Großgrundbesitzer und jüdischen Pächter von Großgrundgütern bestätigt nur meine Behauptungen. Herr Dr. Tuch möge nun in den polnischen Zeitungen und in der polnischen Tagesliteratur Umschau halten, den Auslassungen der polnischen Intelligenz zuhören, um sich zu überzeugen, wie mit diesen 630 jüdischen Gutsbesitzern und der jetzt vorhandenen Zahl von Gutspächtern die Spannkraft der polnischen Geduld bereits überschritten ist. Dem jetzt sehr stark entwickelten Solidaritätsgefühl des polnischen Grundadels und der christlichen Großgrundbesitzer überhaupt ist es zuzuschreiben, daß seit einigen Jahren die Erwerbung solcher Güter seitens der Juden, wenn nicht ganz unmöglich gemacht, so doch äußerst erschwert worden ist. Es darf aber auch nicht vergessen werden, daß jüdische Großgrundbesitzer und Pächter für die Polen ganz etwas anderes als jüdische Ackerbaugenossenschaften, also jüdische Kleinbauern, darstellen. Wenn jene in der polnischen Bevölkerung Unwillen und Gegnerschaften erwecken, so sind diese geeignet, in ihr das höchste Gefühl der Angst wachzurufen und sie zu entsprechenden Maßregeln und Gewaltthätigkeiten greifen zu lassen. Denn in der Wirklichkeit brauchen doch die Polen die jüdischen Großgrundbesitzer und jüdischen Pächter gar nicht zu fürchten. Wer kennt denn nicht ihre Art? Ich und meine Landsleute keunnen sie aus der allernächsten Nähe. Wir haben in jeder Stadt einige von ihnen. Ich gehöre einer Parteirichtung im Judentum an, die nie' es gescheut hat, die Fehler unserer Stammesgenofsen rückhaltslos aufzudccken, wie wir auch unsere guten Eigenschaften Hochhalten und fortzubilden suchen. Man möge mir nun meine offenen Worte verzeihen! Unsere jüdischen Großgrundbesitzer (einige Ausnahmen abgerechnet) sind das nicht aus Liebe zu dieser Beschästigungsweise geworden. Die rentable Ausbeutung des Bodens und seine spätere vorteilhafte Veräußerung hat ihnen bei den Erwerbungen zugelächelt. Sie betreiben meistens weiter in den Städten Bank- und Geldgeschäfte, während auf ihren Besitzungen durch Pächter oder bestellte Leute förmliche Raubwirtschaft geführt wird. Keiu System, kein fachmännischer Plan in der Bestellung des Bodens; nur große Grundrenten sollen eingeheimst werden. Von dieser Seite haben die Polen nichts zu fürchten, früher oder später werden diese Bodenspekulanten, wenn sie sich daran genug bereichert haben werden und der Boden weniger ertragsfähig geworden ist, die Güter meist rückoeräußern und wieder bloße Wechseleskompteure bleiben. Etwas anderes aber ist die Schaffung eines Standes jüdischer Kleinbauern, sei es auch in der Form von Produktivgenossenschaften. Hier soll ein ständiger auf fester Grundlage ruhender Bauernstand entstehen, der mit Vorliebe den Boden bebaut, und diese Zuneigung auf seine Söhne vererbt. Auch nicht ein Gut, ein Güterkomplex soll mit jüdischen Bauern besiedelt werden, sondern tausende und abertausende Familien sollen auf abertausenden Hektaren Bodens für immer seßhaft gemacht und an die Scholle gebunden werden. Nur noch in dieser Form und in dieser Ausdehnung könnte die innere Kolonisation Galiziens mit Juden auf die mißliche Lage der 772000 galizischen Juden einen sichtbaren Einfluß ausüben. Wird die den Juden feindlich gesinnte polnische Bevölkerung, deren Bauernstand sehr knapp mit Boden versehen ist, diese massenhafte Expropiierung der eigenen Bauern auch mit nur verhaltener Wut ausnehmen, wie sie es den jüdischen Großgrundbefltzern gegenüber thut? Ich glaube es nicht, und wer das äußerst gespannte Verhältnis kennt, das jetzt zwischen den Polen und der jüdischen Bevölkerung Galiziens besteht, wird sich sicherlich diesen Illusionen nicht hingeben. Im tiefen Rußland oder in den Steppen Amerikas, wo noch viel unbebauter Boden zur Verfügung steht, wo der Bauer noch nicht aus Mangel an Boden zur Auswanderung gezwungen ist, können Experimente mit jüdischen Kolonisationen gemacht werden, obwohl sie auch in diesen Ländern, aber aus andern hier nicht zu erörternden, in meinem vorigen Artikel angedeuteten national-historischen Gründen die Eigenschaft eines zur Lösung der Judenfrage geeigneten Mittels nicht erreicht haben und auch nicht erreichen können. In Galizien aber ist jede größere Kolonisation durch Juden ganz unmöglich und ausgeschlossen. Sie würde sich an Mangel an Boden und noch mehr am Widerstand der Bevölkerung schon gleich zu Anfang verbluten. Nicht die innere materielle Haltbarkeit oder die Hinlänglichkeit der genossenschaftlichen Basis der vom Herrn Dr. Tuch befürworteten jüdischen Ackerbaukolonie in Galizien habe ich je angezweifelt, sondern ich stelle unter den jetzigen Sachverhältnissen in Galizien überhaupt die Möglichkeit solcher Gründungen in Abrede. Was meinen zweiten, mehr an den galizischen Juden selbst gelegenen Einwand anbetrifft, daß nämlich der unvermittelte Uebergang vieler Tausender galizischer Juden vom Handel und Krämertum zum Ackerbau in Galizien gar nicht bewerkstelligt werden kann, sondern daß ein langsamer, auf jahrelanger kultureller Arbeit sich stützender Umschwung der Meinungen vorangehen muß — hat Herr Dr. Tuch mir vollständig Recht gegeben.