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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-29 · 52 (29.12.1899) · p. Seite 822

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (29.12.1899)
Date
1899-12-29
Page
Seite 822 (sequence 6)
Language
German
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Seite 822. Israelitische Wochenschrift. Nr. 52. reflektierenden Verstandes ohne gemütliche Wärme für die Vergangenheit und Zukunft des Judentums, d. h. ohne Sinn für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, ohne Sinn für seine geschichtliche Entwicklung, trat die dritte versöhnende Periode der Vernunft ein, die, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen durchdringen soll. Auf die Periode des reflektierenden Verstandes und seichten Rationalisierens folgte die der historischen Kritik und der jüdischen Wissenschaft, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunst des Judentums aneinanderknüpfte, indem sie die Trümmerdecke von der großen Vergangenheit des Judentums wegräumte und der darunter verschüttete Gottesgedanke zum Vorschein kommen konnte. Die vierziger und fünfziger Jahre waren besonders für den Anbau der jüdischen Geschichte und jüdischen Wissenschaft fruchtbar. Es war nicht müßige Gelehrsamkeit, sondern Herzensdrang, den augenscheinlichen Beweis zu führen, daß das Judentum zu allen Zeiten mit der Gesittung Hand in Hand ging. Sie zeigte, was die Juden in Gedankenreichtum und in schöner Formgestaltung geleistet haben und zu leisten vermögen. Die jüdische Wissenschaft sollte zugleich als Apologie gegen die Verächter der Juden und des Judentums und als Ideal zur Erweckung des Nachetserns dienen. Man fühlte, daß es nicht mehr an der Zeit sei, mit Versen zu tändeln, hebräische Dramen oder eigentliche Dialoge zu reimen, Racine'sche Verse, Anakreons Lieder in hebräische Form zu bringen, sondern daß es jetzt gelte, die vergrabenen Heiligtümer des Judentums ans Tageslicht zu fördern. Es entstand ein Wetteifer unter Männern und Jünglingen, jüdisch-wissenschaftliche Untersuchungen zu verbreiten und zum Gemeingut zu machen. Je nach Begabung, Kenntnis und Reife brachte man bedeutende oder geringere Spenden, ohne Erwartung eines Lohnes oder einer greifbaren Ehre. Natürlicher Weise ging mit der historischen Wissenschaft die Kritik Hand in Hand, die der ersten Periode vollständig mangelte. Kritik, Erkenntnis des geschichtlichen Werdens, Begreifen, wie Institutionen allmähltg aus leisen Keimen zu spröder Festigkeit, zu ausgedehntem Umfang sich verdichtet und erweitert haben, war das Problem, das die Wissenschaft sich stellte; und indem sie dieser Entwicklung nachging, mußte sich bei ihrer Zergliederung manche Schale ablösen. Jedoch duldete die Wissenschaft keineswegs das willkürliche Zerstören und Abschaffen, sondern es knüpften sich hieran wissenschaftliche Untersuchungen, Nachweisungen, wie zu allen Zeiten die jedesmaligen Bedürfnisse, die Lebens- Sitte und -Anforderung Modifikationen erzeugt haben, wie die Geschichte niemals ihr Recht aufgegeben habe, und deshalb nannte sich auch das System das historisch-kritische. Alle Schriften, die als vorbildlich auftreten, sind ihr Urkunden vom Geist des Judentums. Wo aber die Kritik eine solche Macht im innersten Kern des Judentums errungen, da ist ^lbstverständlich ein vollständiges Zurückführen in die alten Zustände nicht mehr denkbar. Dazu kommen noch unsere ganz andern Lebensverhältnisse. Die mächtige Bewegung, der lebendige rasche Verkehr machen die Etnzwängungen eines jeden einzelnen Teilchens in verkümmernde Absonderung zur Unmöglichkeit, und ohne Absonderung gelingt die Wiederherstellung der alten Zustände nimmermehr. Die dritte Periode in unserer Religionsanschauung, herbeigeführt durch die historisch-kritische Schule, ist gewissermaßen die versöhnende Periode, indem sie, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen zu durchdrtngen und die Religion von allen Gebilden der überwuchernden Phantasie und des überschwänglichen Gemüts, mit denen sie die vergangenen Zeiten bekleidet hatten, zu befreien sucht. Durch die Entwicklung dieser versöhnenden Periode entsteht freilich für das ungeübte Auge der Anschein des Niedergangs der Religion und der Frömmigkeit. Allein dieser in der letzten Zeit gerügte Jndifferentismus kann in keiner Hinsicht als ein Mangel an religiösem Gefühl überhaupt betrachtet werden, da dieses psychologisch bei keinem Menschen fehlt; sondern es ist die notwendige Folge des noch unentschiedenen Kampfes zwischen den beiden abgelaufenen Perioden und der noch in der Entwicklung begriffenen. Daher der ernste Kampf mit der Gegenwart bei denen, die die erste Periode in ihrer früheren Jugendgestalt wieder herzustellen sich abmühen, die öde Leere in der Brust derer, die für die aufgegebcnen Reltgionsformen neue befriedigende suchen und nicht finden. Der Gegensatz jedoch zwischen Orthodoxie und Reform, der sich in der früheren Periode bis zur Feindseligkeit gesteigert hatte, zeigt jetzt diesen schroffen Charakter nicht mehr. Man ist jetzt auf beiden Seiten duldsamer in subjektiven Glaubensangelegenheiten und fester, wo es sich um gemeinsame Anlegenheiten des Judentums handelt. Die objektive Einheit des nationalen und traditionellen Judentums beherrscht jetzt die subjektive Glaubensverschiedenheit. Tauchen hier und da Reformgelüste auf, so bleiben diese doch in gewissen individuellen Schranken, ohne Einfluß auf die maßgebenden Kreise, die das jüdische Leben zu würdigen und zu schonen wissen. Darum war es möglich eine allgemeine israelitische Allianz zu gründen, die die soziale Emanzipation und nationale Wiedergeburt des israelitischen Volkes im Auge hat; dieser Allianz schließen sich alle Glaubensnüancen, orthodoxe wie sretdenkende Juden auf dem ganzen Erdenrund an. Dasselbe ist auch der Fall mit der modernen zionistischen Bewegung, der ebenfalls Juden aller Schattierungen angehören. Hier haben wir den thatsächlichen Beweis, welch mächtiger Faktor das historische Band ist, das alle Juden umschlingt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eng an einander knüpft, daß die moderne Wissenschaft und das moderne Leben keine Gefahr für das Judentum sind. Von Dr. Abraham Salz-Tarnow. Manche Ausführungen des Herrn Dr. Ernst Tuch in seinem Artikel, „die jüdisch-galizifche Frage", veranlassen mich, über das Thema der inneren Kolonisierung Galiziens mit Juden nochmals das Wort zu ergreifen. Wenn ich auch weiß, daß das große zu Gunsten der galizischen Judenheit in Vorbereitung sein sollende Rettungswerk, von dem schon seit Jahr und Tag viel die Rede ist, noch lange wird aus sich warten lassen, da leider dem Gros unserer westlichen Stammesgenossen noch immer das richtige Verständnis für die wechselseitige Wirkung der Lage der

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