Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 52 (29.12.1899)
- Date
- 1899-12-29
- Page
- Seite 821 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. Israelitische Wochenschrift. Seite 821. mit seinen Leiden auf den Sohn. Auch bestand der Unterricht nur in gelehrter Kenntnis der Tradition, die man ohne System, ohne Unterscheidung der Erkenntnisse und Sittenlehren von den Gebräuchen, des Biblischen von dem Talmudischen, des Wesentlichen von dem Unwesentlichen lehrte. Alles war unantastbare, geheiligte Tradition. Jener Zeit verdanken wir den Fond von Religiosität, der noch jetzt, trotz der durchgemachten inneren Gährungen und äußeren Stürme, innerhalb Israels bei der Volksmasse vorhält. Ihr aber verdanken wir auch jene unterschiedslose Anhänglichkeit selbst an Unwesentliches. Je tiefer diese Eigentümlichkeiten in jener Periode wurzelten, desto greller trat der Kontrast in der folgenden hervor. Ein milderer Sinn kam zur Herrschaft, der den Juden an ihrer Mitbürger Streben und Treiben, an den Blüten und Früchten des Lebens ein teilweises Anrecht zugestand. Da strömte neues Leben in die Juden; das Zeitliche gewann Interesse für sie. Die Religion war nicht mehr ihr Selbst. Ein ihr fremdes Element erfüllte das Herz, und so konnten die Juden es über sich gewinnen, alles, was sie in den Augen ihrer neuen Brüder anstößig, ihren Bestrebungen entgegenstehend glaubten, als ein Anderes sich gegenüberzustellen und dem Urteil zu unterwerfeu. Das Urteil aber war von vorn herein durch das Motiv bestochen, das nicht sowohl aus innerer Anregung kam, als durch äußeren Anstoß veranlaßt war. Zwei Faktoren kamen noch hinzu, die den jähen Umschwung in der Religionsanschauung herbeisührten: Zunächst die seichte Aufklärung, die ihre Strahlen noch bis in den Anfang dieses Jahrhunderts geworfen hatte. Als am Ausgang des vorigen Jahrhunderts die encyklopädische Frivolität sich in den gebildeten Ständen Bahn gebrochen, jedes heilige Gefühl von den Pfeilen des Spottes getroffen wurde und man die Waffen des Witzes als unwiderstehlich ansah, da waren es auch viele aufgeklärte unter den deutschen Juden, die von dieser Richtung angesteckt wurden. Die sich nach Mendelssohn nennende Schule — der edle Meister selbst stand auf einer höheren Warte — war von diesem Gift infiziert. Die Monumente, in denen sie sich zu verewigen gedachte, waren Witz, glänzende Wortspiele und ein ungemein flaches Rationalisieren; und nach ihrem Beispiel sah jeder Halbgebildete mit Verachtung auf das Judentum herab, gehörte diese Verachtung mit zur Bildung und Vornehmheit. Eine ähnliche einseitige Einwirkung übte der kritische Rationalismus des Königsberger Weltweisen auf den deutschen Juden; nicht Glut, nicht Wärme für seinen Glauben blieb in ihm zurück; da war alles bis auf den letzten Funken erloschen, und ging man über den kalten Formalismus, der die erstarrendste Gleichgültigkeit erzeugte, nicht hinaus. Sodann fehlte jener Periode der geschichtliche Sinn. Man erinnere sich, daß die Zeit Mendelssohns vorzugsweise eine metaphysisch grübelnde — und das in populärer Weise — war. Ihr höchstes Interesse nahm die Diskussion über einen Begriff, die Lösung einer metaphysischen oder psychologischen Frage in Anspruch. Empfindung und Phantasie waren ihnen eben nur Gegenstände des Denkens; für Geschichte hatten sie gar keinen Sinn. Es war dies allerdings eine notwendige Erscheinung, und nur durch sie konnte die Kultur und Bildung hemmende Schranke durchbrochen und dem Geist eine gewisse Freiheit, Geschmack und Adel zurückgegeben werden. Aber in ihrer Einseitigkeit hatte sie für die Religion sehr nachteilige Folgen. Sie unterwühlte den großen Unterbau der Religion, das geschichtliche Leben, und zerschnitt das Band der Entwicklung, das überall, besonders aber in der Religion, Gegenwart und Vergangenheit und so auch die Zukunft mit einander verknüpft; sie ernüchterte durch ihr vorherrschendes Verstandesleben die Religion, daß der Geist vollends aus ihren Formen entschwand, und ließ die Seelen durch ihr Philosophieren erkalten. Die Triebfeder der Bewegung war der im Sinnlichen befangene Verstand, nicht die vom Göttlichen begeisterte Vernunft. Dieser Periode, die in den vierziger Jahren ihren Kulminationspunkt erreicht hatte, entsprangen die Reformvorschläge, die es entweder deutlich aussprachen, oder denen man es von der Stirn ablesen konnte, daß es ihnen mehr um Akkomodation, als um die Erhaltung des Glaubens zu thun war; die den Glauben so weit möglich zustutzten, daß er dem leiblichen Wohl nie im Weg stehe, d. h. auf das Leben keinen Einfluß übe. Kein Weg sollte unversucht bleiben, um das religiöse Gemüt zu ertöten und auf seine Unkosten Konzessionen für das Leben zu verlangen. Diesem Ziel gemäß sollte auch der Religionsunterricht alles Konfessionelle, namentlich das Zeremonialgesetz ausscheiden, oder nur mit einigen Phrasen von Kern und Schale abfertigen, sollte von Tradition kaum mehr die Rede sein, so daß der Schüler in der That in Verlegenheit geraten mußte, wenn er sich fragte, was denn eigentlich sein Judentum als solches sei, und worin es sich von anderen Religionen unterscheide. Dieser Zeit verdanken wir auch die kleinen, bequemen Religionskatechismen, die nicht mehr enthalten, als was man in jedem trockenen Moralsystem lesen kann. Der Genius der Menschheit steht in seiner Arbeit nie still. Ob er sich auf der Höhe oder in der Niederung befindet, er ist fort und fort thätig im Schaffen und Wirken. Ist er zurückgeschritten, dringt er wieder vorwärts. Hat er sich eine zeitlang der Oberherrschaft einer Geistesthätigkeit oder Geistesrichtung vorwiegend ergeben, so erwacht in ihm das Verlangen nach einer andern, nach der, die er vernachlässigt hat. Einer der bedeutendsten Männer der neuesten Zeit hat den berühmten kulturhistorischen Satz ausgesprochen, daß die Geschichte der Menschheit sich nicht in einer graden Linie bewege, sondern in einer gewundenen, so daß sich der Fortschritt aus Momenten des Rückschritts und Fortschritts zusammensetze. Jede Erscheinung in der Menschenwelt, die eine lange Vergangenheit hat, giebt uns für diesen Entwicklungsgang die vielfachsten Beweise. Auf dem religiösen Gebiet kommt noch hinzu, daß die Ueberlieserungen der Vergangenheit den Charakter der Heiligkeit besitzen, daß das Verlangen gestellt wird, alle Arbeiten der früheren Zeiten als unveränderlich, unantastbar, von unbegrenzter Autorität anzusehen. Nachdem die Religionsanschauung bei den Israeliten seit dem vorigen Jahrhundert zwei Perioden durchlaufen hat, die Periode des Gemüts ohne Reflation und die des einseitig