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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1899-12-22 · 51 (22.12.1899) · p. Seite 814

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (22.12.1899)
Date
1899-12-22
Page
Seite 814 (sequence 23)
Language
German
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Seite 814. Israelitische Wochenschrift. Nr. Kl. abscheue die rohe Gewalt, die das unglückliche Judenvolk peinigt und martert, als wären sie nicht auch Menschen wie wir. Auch hier in unserer Stadt will man den Juden wenig wohl, und ich fürchte, jener Jüngling, der als Fremder hier sich aushält, wird unseres Schutzes bedürfen. Daß nur der Stadtschreiber Ambrosius Bitschen Nichts von seinem Aufenthalte erfährt. . . . Hört, Ritter Heintz", unterbrach sich der Herzog selbst, „dieser Stadtschreiber scheint mir gefährlich; widerliche Heimtücke lauert aus seinem Blick; ich fürchte, der Bursche wird uns noch zu schaffen machen. Er scheint mir aus anderem Holze geschnitzt, als alle anderen Räte unserer Stadt Liegnitz, und, täusche ich mich nicht, so wird er in der Wahl der Mittel zur Erreichung seiner Pläne kaum sonderlich ängstlich sein. Doch nun zurück zu unseren Gästen!" Kaum waren die Schritte der Davongehenden verhallt, da schlüpfte Ambrosius Bitschen, der mit angehaltenem Atem jedes Wort der Unterhaltung vernommen hatte, aus seinem Versteck hervor. Ein höhnisches Lächeln verzerrte seine Lippen; aus dem aschfahlen Antlitze war jeder Blutstropfen gewichen, über seinen ganzen Körper flog ein kalter Schauer unterdrückter Wut. dann reckte er seine Gestalt in die Höhe und stieß die Worte hervor: „An diese Stunde sollt Ihr, Herr Herzog, mit Euren Schutzbefohlenen, den Jüdletn, zu denken haben, der Stadtschreiber mit dem heimtückischen Blick soll Euch in Wahrheit zu schaffen machen. . . . Also beim Rabbi hat der Judenbursche Zuflucht gefunden, das wollen wir uns merken. Und der Pater Ignatius führt Klage gegen die Jüdlein, auch das soll unvergessen sein! Ha ha ha, wir wollen sehen, Herzog Ludwig, wer der Stärkere ist, Ihr oder der Stadtschreiber, dessen heimtückischer Blick Euch so wenig gefällt". Mit wutverzerrten Zügen verließ der Stadtschreiber das Gemach und bald darauf auch das Schloß. Drittes Kapitel. Da, wo jetzt eine breite Straße des modernen Wien sich ausdehnt, stand bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts der finstere Bau, in welchem das Schreckensgericht der Inquisition seines grausamen Amtes waltete. Schon das Aeußere des gewaltigen Gebäudes, das seine zahlreichen Gehöfte gleich riesigen Fangarmen weithin ausstrcckte, schien dem Beschauer zu sagen, daß hinter diesen düstern Mauern kein Erbarmen wohne. Und der Schein trügte nicht! Von hier ging er aus, der Geist des Glaubenshasses und Glaubenszwanges, der unsägliches Elend über viele tausende von Unschuldigen gebracht und mit grausamster Härte die Juden hetmgesucht hat. — In dem weiten Gemache, das fast die ganze Mitte des ersten Stockwerkes einnahm, saß in ernstem Sinnen der Ordensprior, eine vom Alter tief gebeugte Greisengestalt, aus deren Augen aber noch ein jugendliches Feuer loderte. Das schneeige Haupt aus den Arm gestützt, blickte er unverwandt zu Boden, als könne er da eine Antwort lesen auf die ernste Frage, die ihn beschäftigte. Er achtete der beiden Mönche nicht, die in demütiger Haltung vor ihm standen und mir gespannten Mienen seiner Antwort harrten. Plötzlich richtete sich der Greis auf und wandte seinen Blick auf einen der Mönche. Also, Pater Ignatius, Ihr verlangt die Ermächtigung, dem Juden Israel aus Enns und seinem Weibe Sarah durch die Folter das Geständnis ihrer Schnld erpressen zu dürfen. Ignatius, bedenket, was Ihr zu thun gesonnen seid! Ihr wißt, daß sich Herzog Ludwig von Liegnitz für die Etngekerkerten bei unserem Gebieter aufs Eindringlichste verwendet hat." „Mit Verlaub, ehrwürdiger Prior", unterbrach ihn der Angeredete, der Stadtschreiber von Liegnitz, Ambrosius Bitschen, hat mich benachrichtigt, wie das gekommen, und ich habe mir unterthänigst erlaubt, unseren Herzog darauf aufmerksam zu machen. Der Neffe des Juden Israel, ein verwegener Bursche, der, wie es scheint, an dem Verbrechen thätigen Anteil genommen, jedenfalls aber davon gewußt hat, ist nach Liegnitz geflüchtet und hat es durch Vermittelung dortiger Juden verstanden, den Herzog zu gewinnen. Auf welche Zeugenschaft stützt sich Ludwigs Behauptung, daß Israel unschuldig sei? Auf das der Juden. Soll das stärker sein, als das meinige, und das des Paters Sixtus hier, der vollkommen mit mir übereinsttmmt? „Und das habt Ihr unserem Herzog mitgeteilt?" „Ich that es, aber ohne Erfolg. Mehr als zwei Monate sind seit jener gräßlichen Unthat verstrichen; unsere heilige Kirche ist besudelt und beschimpft, und noch immer ist das Verbrechen ungesühnt, das Laster triumphiert, weil es nicht geglückt ist, den Widerstand unseres Landesherrn zu brechen. Fast schien es mir, als wäre mein Wort zu schwach, um Herzog Albrecht zu überzeugen, und darum habe ich es gewagt, Eure Fürsprache, ehrwürdiger Prior, welche mehr vermag, anzurufen". „Nun, Ihr habt vernommen, Ignatius, wie Herzog Albrecht mich beschieden hat. Er will ein unparteiisches Gerichtsverfahren und verschmäht zunächst die Folter noch; erst wenn das Verhör erfolglos gewesen, soll das Geständnis erzwungen werden. Hört Ignatius", unterbrach sich der Redende, und ein durchbohrender Blick traf den Mönch, „der Herr Herzog drückte mir sein Erstaunen aus über die auffallende Hast, mit der Ihr die Verurteilung der Juden anstrebt, und, gerade heraus gesagt, es giebt Momente, in denen ich dieses Staunen teile. Wehe über Euch, wenn der heilige Eifer, den Ihr, Ignatius, und Ihr, Sixtus, so aufdringlich zur Schau traget, nur der Deckmantel ist, hinter dem Ihr persönlichen Haß und private Rache verberget". Die Angeredeten waren kretdefahl geworden und schienen zusammenzubrechen unter der Wucht der mit Donnerstimme ihnen entgegengeschleuderten Mahnung. Ignatius gewann zuerst die Fassung wieder, er kreuzte die Arme über die Brust und wollte reden; aber der Prior kam ihm zuvor und fuhr mit gesenkter Stimme fort, als bereue er es selbst, die Mönche so hart angefahren zu haben. „Ihr seid gewarnt. Noch habt Ihr mein Vertrauen, verscherzt es nicht. Nun begebt Euch zu den Gefangenen, nehmt das Verhör ab, mein Notartus ist beauftragt. Euch zu begleiten und die Aussagen zu Protokoll zu nehmen".

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